Ende Gelände: „Unser Protest wird entschlossener denn je!“ - Schrot und Korn

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Ende Gelände: „Unser Protest wird entschlossener denn je!“

Foto: 350.org/Tim Wagner

Am Montag räumte der Energiekonzern Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk (RWE) das letzte Baumhaus im Hambacher Forst. Karolina Drzewo, Pressesprecherin von „Ende Gelände“, einem Bündnis, das mit Aktionen zivilen Ungehorsams Signale in der Klimaschutzdebatte setzt, spricht über die aktuelle Situation – und wie man selber schnell aktiv werden kann.

Wie beurteilst du die Lage im Hambacher Forst?

Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen setzt mit der Räumung der Waldbesetzung die Interessen von RWE durch. Das ist ein Skandal. Die fadenscheinigen Argumente der Landesregierung und RWE haben selbst Menschen empört, die sich bisher nicht aktiv für Klimagerechtigkeit einsetzten. Unser Protest wird entschlossener denn je, im Hambacher Forst dürfen nicht noch mehr Bäume gefällt werden. Trotz der Räumung bauen Menschen immer wieder neue Strukturen und Blockaden im Wald auf.

Bei der Räumung kam zu gewaltvollen Übergriffen. Ein Journalist starb, als er aus dem Forst berichtete. Welche Protestformen hältst du weiterhin für angebracht und wirksam?

Wir trauern immer noch um Steffen Meyn. Es schockiert uns, dass unmittelbar nach dem Todesfall weiter geräumt wurde. Ministerpräsident Arnim Laschet und Innenminister Herbert Reul und RWE räumen zwar weiter, aber unser Widerstand lässt sich nicht räumen. Immer mehr Menschen nehmen an Waldspaziergängen teil. Am 30. September waren nicht nur über 10.000 Menschen im Forst, sondern es gab auch bundesweite Solidaritätsaktionen. Am 6. Oktober setzt Ende Gelände sich mit einem Aktionstag am Hambacher Forst für dessen Erhalt ein.

Lange war Braunkohle ein wichtiger Wirtschaftsfaktor Deutschlands. Wie sieht das heute aus?

Ende September veröffentlichte das Fraunhofer Institut eine weitere Studie, die belegt, dass wir die Braunkohleverstromung nicht brauchen. Deutschland exportiert den dreckigen Strom aus der Braunkohle sogar.

Stimmen des RWE bestehen darauf, dass der Hambacher Forst gerodet werden muss, selbst wenn keine Kohleförderung bald ein Endehat. „Für eine langfristige Standsicherheit müssen die Endböschungen des Tagebaus flacher gestellt werden. Sonst könnten sie einstürzen“, so der Matthias Dürbaum, Betriebsratchef des Tagebaus Hambach im Interview mit der Neuen Züricher Zeitung.

RWE überlegt sich immer wieder neue Argumente um ihr sinnloses und zerstörerisches Vorgehen zu begründen. Es überrascht mich nicht, schließlich will der Konzern seine Profite steigern – wer die gesellschaftlichen Kosten trägt, ist ihnen egal.

Im Falle einer Schließung des Braunkohle-Tagebaus würden Tausende Menschen ihre Arbeit verlieren. Kann Ende Gelände diesen Menschen eine Alternative zur Arbeitslosigkeit bieten?

Ich verstehe, dass Menschen sich um ihren Arbeitsplatz sorgen. Die in Tagebauen und Kraftwerken Beschäftigten machen in allen deutschen Braunkohle-Revieren tatsächlich nur einen kleinen Teil der lokalen Bevölkerung aus. Andere Menschen werden für die Tagebaue zwangsumgesiedelt, Landwirt*innen verlieren ihre Lebensgrundlage – ganz zu schweigen von zahlreichen Menschen im Globalen Süden, die wie in Bolivien bereits heute ungefragt die Kosten der Braunkohleverstromung tragen. Die Ende Gelände Aktionen richten sich nicht gegen die Beschäftigten, sondern gegen unsere Wirtschaftsweise.

Was kritisiert ihr an „unserer Wirtschaftsweise“?

Wir stellen uns gegen eine Produktion, die auf der Ausbeutung von anderer Arbeit und des Klimas beruht. Eine Kurzzeitperspektive ist absurd: Wenn wir mit den fossilen Energien weitermachen, zerstören wir letztendlich die Lebensgrundlage von uns allen. Auf einem toten Planeten gibt es keine Arbeit. Die Politik muss stattdessen zukunftsfähige Alternativen für die Menschen schaffen, wie zum Beispiel gute Arbeit für Pflegekräfte.

Wie kann man sich für die Erhaltung des Forstes und generell den Klimaschutz engagieren, auch wenn man kaum Ressourcen für ehrenamtliches Engagement hat?

Wir wollen eine Energieversorgung, die 100 Prozent erneuerbar, dezentral und für alle bezahlbar ist. Dafür müssen Menschen ihre Energie selbst erzeugen und Stromnetze gemeinschaftlich verwalten. Das funktioniert nicht nur durch nachhaltigen Konsum, sondern es geht uns auch darum sich zu organisieren und politisch was zu verändern.

Und wie sieht das konkret aus?

Der Protest für Klimagerechtigkeit ist kreativ und vielfältig. Ich denke, dass sich jede*r nach den eigenen Möglichkeiten politisch äußern und engagieren kann. Auf Klimacamps und bei Ende Gelände organisieren wir Kinderbetreuung damit auch Kinder und Eltern dabei sein können. Es braucht auch nicht viel Geld oder Zeit um zum Beispiel mit der Schulkasse oder dem Sportverein ein Solidaritätsfoto für die Menschen im Wald zu machen. Arbeiter*innen können in ihren Pausen mit Kolleg*innen über Klimaschutzsprechen und dann vielleicht sogar einen Betriebsausflug zur Ende-Gelände-Aktion machen. Es gibt sogar einen Sonderzug, mit dem Menschen von Prag über Leipzig, Berlin und Hannover am 26. Oktober ins Rheinische Braunkohlerevier kommen können.

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Interview: Tasnim Rödder
Foto: 350.org/Tim Wagner

Veröffentlicht:
Rubrik: Leben&Umwelt

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