Ein Herz für Bio - Schrot und Korn

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Ein Herz für Bio

© gettyimages/David Pinzer Photograph; Grafik: bio verlag

 

BIO-LÄDEN: Es gibt Lebensmittelgeschäfte und es gibt Bio-Läden. Klar verkaufen erstere auch Produkte aus Öko-Landbau, aber Bio-Läden haben einen ganz eigenen Charakter – und entscheidende Vorteile. Horst Fiedler

Die Geschichte der Bio-Läden ist geprägt von Idealen und Visionen. Seit vielen Jahrzehnten gibt es diese besonderen Einkaufsstätten, die sich in ihren Anfängen für kein Klischee zu schade waren: Latzhose, Schrumpelmöhre und Birkenstock. „Wir sind angetreten, um die Welt ein bisschen besser zu machen und die ökologische Landwirtschaft weiterzuentwickeln“, sagt Tina Andres, Vorstand des Bundesverbands Naturkost Naturwaren und Geschäftsführerin der norddeutschen EVG Landwege Geschäfte. 

Jeder Punkt ein plus

Die Karte zeigt die Verteilung der Bio-Läden in Deutschland.

Inzwischen kann man auch in vielen Supermärkten Bio kaufen, „klar, jeder kann biologische Produkte handeln, aber ökologisch, nachhaltig handeln ist etwas anderes. Langfristig macht es auch als Kunde einen Unterschied, wo man in der Gesellschaft Stellung bezieht“, ist Tina Andres überzeugt. Dafür sind Bio-Läden eine Gelegenheit. 2516 Alternativen gibt es zu den Filialen großer Handelsketten in Deutschland. Dies hat unser Verlag in einer eigenen Erhebung herausgefunden. Allen Bio-Läden ist gemein, dass sie zu nahezu 100 Prozent Produkte mit dem Bio-Siegel in den Regalen stehen haben.

Weitere Gemeinsamkeit: Sie haben alle dazu beigetragen, dass diese Branche im vergangenen Jahr knapp vier Milliarden Euro erwirtschaftet hat. Gemessen am gesamten Lebensmittelumsatz in Deutschland von über 180 Milliarden Euro, ist das zwar eine bescheidene Summe. Aber als Ursula Oberndörfer vor 50 Jahren den Grundstein für den ältesten heute noch existierenden Bio-Laden mit Schrot&Korn-Bezug gründete (s. Porträt Seite 23), hat sie in solchen Summen sicher nicht gedacht. Geld verdienen war in den Gründerjahren auch nicht die eigentliche Triebfeder der Ladner. Es war eher die Liebe zur Natur und die Überzeugung, dass ein anderes Wirtschaften möglich ist.

Das ist in vielen Fällen bis heute so. Sogar Quereinsteiger, die aus anderen Berufen kommen und einen Bio-Laden aufmachen, tun dies in der Regel aus dieser Überzeugung. Sie tragen dazu bei, dass die Ladenzahl stabil bleibt, wenn Läden aus Altersgründen und fehlender Nachfolge schließen müssen. Den höchsten Anteil an den Neueröffnungen haben die großen Bio-Filialisten: 2017 waren es 50 von knapp 80 neuen Läden. Auch hinter den Filialisten stecken in der Regel Überzeugungstäter, die mal klein angefangen haben.

Der klassische Lebensmittelhandel, der Anfang des Jahrtausends Bio noch als vorübergehende Modeerscheinung betrachtete, will inzwischen auch an dessen Erfolgsgeschichte teilhaben. Doch nach wie vor genügt nur ein geringer Teil ihres Sortiments diesem Anspruch.

Kunden als Teil der Bio-Bewegung

Bei aller Anerkennung der Betreiber von Bio-Läden und Bio-Supermärkten wird oft vergessen, dass Sie als Kunde ein wichtiger Teil der Bewegung sind. Wenn Sie nicht durch Ihren Einkauf im Bio-Laden ermöglicht hätten, dass Bauern auf ökologischen Landbau umstellen konnten, wäre die Bewegung schon früh zum Erliegen gekommen. Dafür müssen Sie oft lange Wege im Kauf nehmen. Die von uns erhobene Statistik zeigt, dass Kunden in Sachsen-Anhalt die zahlenmäßig geringste Auswahl an Bio-Läden haben, die Bayern und die Baden-Württemberger die größte. Bei den Bio-Einkaufsstätten gibt es insgesamt ein Süd-Nord- und ein West-Ost-Gefälle. Doch der Osten holt auf. Besonders aktiv ist der Dresdner Bernhard Probst, der mittlerweile zwölf Vorwerk Podemus-Läden in der Sachsenmetropole und benachbarten Orten eröffnet hat (s. Porträt Seite 22).

Kleinstrukturen kontra Agrarindustrie

Warum kaufen Sie eigentlich im Bio-Laden? Gründe gibt es viele und sie sind oft individuell: Sei es der Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide im Anbau, eine artgerechte Tierhaltung, weniger Zusatzstoffe bei der Verarbeitung oder einfach die große Auswahl an Produkten. Der zweite Jahrhundertsommer innerhalb von 15 Jahren kann ein Grund mehr sein: Sieben bis zehn Prozent macht der CO2-Eintrag der Agrarindustrie in die Atmosphäre aus. Die ökologische Landwirtschaft, auf die Bio-Läden setzen, kommt durch ihre Wirtschaftsweise auf wesentlich weniger klimaschädliche Emissionen.

Durch den Einstieg des konventionellen Handels ins Bio-Geschäft drohen durch Massenproduktion auch bei Bio agrarindustrielle Strukturen. Es gilt, den Traum von einer kleinteiligen bäuerlichen Kreislaufwirtschaft mit vielen Tier- und Pflanzenarten und einem entsprechenden Landschaftsbild zu erhalten und weiter zu verwirklichen. Die Unterstützung von Bio-Läden ist da ein wichtiger Schritt.

Durch den Einkauf dort tragen Sie dazu bei, dass die hohen Ansprüche der Bio-Pioniere auch weiterhin die Diskussion über den richtigen Weg zu einer nachhaltigen Landwirtschaft beleben.

Auch wenn die Gesamtzahl der Bio-Läden von 2010 bis 2017 „nur“ um sieben Prozent gestiegen ist, wuchs die Verkaufsfläche um über 60 Prozent, wie wir herausfanden. Das liegt hauptsächlich an den Bio-Supermärkten, zu denen Läden mit mehr als 400 Quadratmetern Verkaufsfläche gehören. Deren Zahl stieg im genannten Zeitraum um 130 Prozent auf rund 680 Filialen. Damit macht die Branche auch den Kunden ein Angebot, denen der Umstieg von den großen konventionellen Supermärkten in einen kleinen Bio-Laden oder Hofladen schwerfällt. Der größte Bio-Supermarkt ist seit über zehn Jahren die Filiale der LPG an der Kollwitzstraße in Berlin. Rund 2000 Quadratmeter misst die Verkaufsfläche (s. Porträt auf Seite 24).

Kleine Läden als Nahversorger

Weil Bio weiter boomt, gerät man leicht in die Versuchung, nur die Superlativen zu beschreiben. Dabei bilden kleine Fachgeschäfte bis 200 Quadratmeter mit rund 1140 Geschäften immer noch eine beachtlich große Gruppe. Dem Engagement ihrer Inhaber hat die Bio-Branche seine Bedeutung zu verdanken. Kleine Läden dienen heute vielerorts als Nahversorger und beleben Ortskerne. So wie „bio3erlei“ in Hösbach, der mit Bistro und Kosmetikstudio gleich ein Paket an Dienstleistungen anbietet (s. links). Und nicht zu vergesssen, der mit 19 Quadratmetern kleinste Bio-Laden unter den Schrot&Korn-Beziehern, der in Freiburg einen festen Kundenstamm versorgt (s. Porträt Seite 25). Feststeht: Wenn Sie in einem Ballungsgebiet wohnen, sind Sie besser mit Bio-Einkaufsstätten versorgt als auf dem Land. So hat Hamburg etwa so viel Bio-Verkaufsfläche wie Schleswig-Holstein. Und Mecklenburg-Vorpommern nur knapp sechs Prozent des Angebots von Berlin. Allein dort stieg die Zahl der Bio-Märkte in den vergangenen sieben Jahren um über 50 Prozent auf 165 an. Stellt man die bundesweite Bio-Ladenzahl von rund 2500 der Zahl der 37 000 klassischen Lebensmittelgeschäfte gegenüber, die vorrangig konventionelle Lebensmittel verkaufen, dann bleibt für die Bios noch viel Luft nach oben. Ihr Einkauf im Bio-Laden stärkt die Branche und unterstützt ein anderes System von Lebensmittelwirtschaft.

Und wenn Sie Ihrem Lieblings-Laden dafür mal Danke sagen möchten, können Sie ihn zum besten Bio-Laden Deutschlands wählen. Bis zum 5. Dezember können Sie noch bei unserer Leserwahl mitmachen (www.besterbioladen.de). Geben Sie gleichzeitig Ihrem Laden Feedback, damit er noch ein bisschen besser werden kann – und noch mehr Menschen Lust haben, dort einzukaufen. 

www.bio-markt.info/strukturdaten


Vorwerk Podemus

Bio im Bahnhof

Für den Aufbau Ost in Sachen Bio-Läden sorgt vor allem Bernhard Probst aus Dresden. Der Landwirt ist Betreiber von mittlerweile zwölf Vorwerk Podemus-Bio-Märkten in Sachsen. Der Name stammt von seinem Bauernhof, auf dem er Tomaten, Fruchtaufstriche, Fleisch, Walnüsse sowie Apfel- und Quittensaft produziert. Schmuckstück unter seinen Läden ist zweifellos der Bio-Markt im 1906 erbauten Bahnhof im Dresdner Vorort Klotzsche. Neben dem Sortiment mit rund 5000 Produkten ist das Bistro Hauptanziehungspunkt. Gleich zwei Köche hat Probst verpflichtet, um stets hohe Qualität zu gewährleisten. Bei so viel Einsatz konnte der Erfolg nicht ausbleiben: Das Bistro hat sich zum Treffpunkt des 14 000-Einwohner-Stadtteils entwickelt.


Bernhard Probst: 
Von der Kunst, Bio im Osten heimisch zu machen.


La Vida am Ammersee

„In die Wiege gelegt“

Genau 50 Jahre alt ist der Bio-Markt La Vida in Utting am Ammersee. „Meine Oma hat ihren Garten schon nach Demeter-Richtlinien bewirtschaftet, sodass uns Bio praktisch in die Wiege gelegt wurde“, erzählt Sylvia Haslauer, deren Töchter ebenfalls im Laden aktiv sind. Ihre Mutter hatte ihn damals als Reformhaus gegründet. „Wir mussten nie einkaufen gehen, weil wir immer aus Omas Garten versorgt wurden“, erinnert sie sich. Somit war auch klar, dass sich das Reformhaus schnell zu einem Bio-Laden wandelte. Heute bietet der Laden auf 220 Quadratmetern Verkaufsfläche ein ausgewähltes Bio-Vollsortiment. Eine persönliche Beziehung zu ihren Kunden und eine gute Beratung sind für Sylvia Haslauer wichtig. Deshalb bildet sie auch selbst aus, seit sie den Laden 2006 übernommen hat. Und Enkel David hilft auch schon tatkräftig mit. Somit dürfte der Fortbestand des Ladens in der 4. Generation gesichert sein.

Der Laden ist ihr Leben

Inhaberin Sylvia Haslauer mit ihrer Mutter Ursula Oberndörfer, die 1968 den Laden als Reformhaus gründete.

LPG Berlin

Treffpunkt im Kiez

Der mit 2000 Quadratmetern größte Bio-Markt Deutschlands, die LPG-Filiale in der Berliner Kollwitzstraße, ist auch ein Mitgliederladen. Wer einen Grundbeitrag zahlt, kommt in den Genuss vergünstigter Preise. Es handelt sich nicht um einen klassischen Bio-Supermarkt, sondern um einen Treffpunkt im Kiez, wie Ludwig Rieswick erläutert. Zusammen mit seinem Geschäftsführungskollegen Werner Schauerte hatte er 1994 die erste LPG-Filiale gegründet. Grund: Bio für alle erschwinglich zu machen. LPG steht für lecker, preiswert und gesund. Aktuell halten 27 000 Mitglieder den zehn Märkten die Treue. Sie machen 60 bis 70 Prozent der Kunden aus. Zur LPG gehören auch eine Bäckerei und ein Großhandel.

Rieswick & Schauerte

Bereits als Studenten engagierten sie sich für regionale Produktvielfalt zu günstigen Preisen.

Naturkost Kappel Freiburg

Vom Diskjockey zum Bio-Einzelhändler

Der kleinste Bio-Laden unter den Schrot&Korn-Beziehern befindet sich in Freiburg. Nur 19 Quadratmeter misst Naturkost Kappel, auf denen Inhaber Dirk Anselm rund 1500 Produkte unterbringt. Der ehemalige Berliner Diskjockey hatte 1988 in einem Bio-Laden ein Schul-Praktikum gemacht. „Eigentlich aus Faulheit, weil der Laden gleich um die Ecke war“, gesteht er. Doch dieses Erlebnis muss ihn geprägt haben. Als er nach seinem Umzug nach Freiburg ein Verkaufsangebot für einen Bio-Laden sah, zögerte er keine Sekunde. Vermutlich wird Naturkost Kappel noch lange der kleinste Bio-Laden bleiben, denn Dirk Anselm denkt nicht an Vergrößerung.

Dirk Anselm

„Die 19 Quadratmeter reichen mir völlig aus.“

bio3erlei in Hösbach

Bio bringt Leben in den Ortskern

Der jüngste unter den Bio-Läden war bei Redaktionsschluss bio3erlei im 13 000 Einwohner zählenden Hösbach bei Aschaffenburg. Der Name weist auf ein dreifaches Angebot hin: Bio-Laden, Bistro und Naturkosmetikstudio. Gegründet wurde bio3erlei von Andreas Lentzkow, der in Hösbach und im Nachbarort drei (scheint seine Glückszahl zu sein) Apotheken betreibt. In seiner weiteren Funktion als Ernährungsberater wollte er schon immer für ein passendes Lebensmittelangebot sorgen. „Mir fehlte dazu bislang der Mut, aber ein Berufskollege, der ebenfalls einen Bio-Laden eröffnet hat, hat mich schließlich überzeugt“, gesteht er. Bereits kurz nach der Eröffnung lässt sich sagen: Das Bio-Bistro ist ein Volltreffer. Vom Schüler bis zum Senior treffen sich die Hösbacher jetzt dort. Und viele, denen Bio bislang unbekannt war, wagen einen Besuch im Bio-Laden, um das zu bekommen, was ihnen im Bistro so gut geschmeckt hat.

Mit Freude bei der Arbeit

Natascha und Jutta (v.l.) vor der Kaffeemaschine im Bistro. Sie stehen für die Kundenberatung bereit.

Fotos: PR-Material

Erschienen in Ausgabe 12/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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