Auma Obama: „Die Opferrolle ablegen“ - Schrot und Korn

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Auma Obama: „Die Opferrolle ablegen“

Auma Obama (Foto: picture-alliance/cs2/ZUMApress.com)
Dr. Auma Obama hat 16 Jahre lang in Deutschland gelebt. (Foto: picture-alliance/cs2/ZUMApress.com)

INTERVIEW Auma Obama engagiert sich für die Jugend in Kenia und in Deutschland. „Deine Zukunft gehört dir“ ist das Motto ihrer Stiftung. Dabei setzt sie auf Zuhören, Eigenverantwortung – und Bio-Landbau. // Bernward Geier

Auma Obama ist viel unterwegs. Weltweit hält sie Vorträge über soziale, ökonomische und ökologische Verantwortung. Traditionelle Entwicklungshilfe lehnt sie ab. Auch deshalb setzt sie bei ihrer Arbeit mit Jugendlichen auf Bio-Landbau.

Warum stehen Sie der klassischen Entwicklungshilfe kritisch gegenüber?

Schon der Begriff ist falsch. Es fehlen Grundsatzfragen wie „Was wird hier entwickelt?“ Ohne Antwort darauf ist Entwicklung ein leeres Wort. Auch wird mit ‚Hilfe‘ immer impliziert, dass der eine stark ist und der andere schwach: ein Opfer – ein Retter, der in der Regel auch aus dem Westen kommt. Das Konzept ‚Entwicklungshilfe‘ hat eine Opfermentalität geprägt und leider gefördert. Das lehne ich ab.

Was muss sich ändern?

Den Menschen muss geholfen werden, sich von den bei ihnen vorhandenen lokalen Ressourcen den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Von externer Hilfe abhängig zu sein, das ist nicht zielführend. Die Menschen müssen finanziell unabhängig werden. Das wäre nachhaltig. 

Wie kann eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung gelingen?

Almosen sind nicht die Lösung. Wir müssen den Menschen dabei helfen, zu erkennen, dass nur sie ihre Zustände verändern können und müssen. Dazu braucht es eine faire Auseinandersetzung. Ziel muss es sein, dass die Menschen Teil der ökonomischen Wertschöpfungskette werden und dies auf Augenhöhe. Unterstützung von anderen kann da schon Sinn machen. Wir müssen Plattformen schaffen, wo dies ermöglicht wird.

Im Mittelpunkt Ihrer Stiftung Sauti Kuu steht die Arbeit mit Jugendlichen. Was möchten Sie damit erreichen?

Der Schwerpunkt bei Sauti Kuu, übersetzt heißt das „Starke Stimmen“, ist Eigenverantwortung. Wir zeigen Kindern und Jugendlichen, dass sie für ihr Leben mitverantwortlich sind. Die jungen Menschen sollen verstehen, dass sie ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen müssen. Sie lernen, ihr Potenzial zu erkennen und ihre Persönlichkeit aufzubauen. Damit können sie dann selbstbewusst an Entscheidungen mitwirken, die ihr Leben bestimmen. Es geht darum die Opferrolle abzulegen, in der sich viele Jugendliche sehen.

Unterscheiden sich die Schwerpunkte Ihrer Arbeit in Kenia und Deutschland?

In beiden Ländern geht es vor allem darum Ängste abzubauen und Selbstvertrauen, Mut und Eigenverantwortung aufzubauen. Wir haben zwei Slogans „Deine Zukunft gehört dir!“ und „Lebenslust statt Lebensfrust“. 

Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten und wo Unterschiede zwischen kenianischen und deutschen Jugendlichen?

Vom Ansatz der Eigenverantwortung aus sehe ich viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Ein markanter Unterschied ist aber, dass man bei kenianischen Kindern eher von materieller Not sprechen könnte, während bei deutschen Kindern die emotionale Vernachlässigung ein großes Problem ist.

Ein wichtiges Element bei Ihrer Arbeit mit Jugendlichen ist Sport. Warum?

Sport ist ein sehr effektives Medium, um Kinder und Jugendliche zu erreichen und zu mobilisieren. Er kann helfen kulturelle und gesellschaftliche Barrieren zu beseitigen und junge Menschen zusammenzubringen. Sport bietet für Mädchen und Jungen eine einzigartige Gelegenheit, wichtige Fähigkeiten für den Alltag zu erwerben. Gleichzeitig wirkt er sich großartig auf ihre Gesamtentwicklung aus. Sie lernen, Team-Player zu werden, diszipliniert und engagiert zu sein. Vor allem Mädchen können dadurch Selbstvertrauen und Selbstachtung aufbauen.

Wie lassen sich Jugendliche am besten motivieren?

Kindern und Jugendlichen zuhören und sie ernst nehmen. Das ist das Wichtigste. Du kannst ein Kind noch so sehr lieben, aber wenn du nicht zuhören kannst, machst du das Kind mundtot. Es wird zum passiven Objekt reduziert, das keinen Anspruch auf eine eigene Meinung hat. Dieser Zustand ist sehr frustrierend für junge Leute. Sie ziehen sich zurück, werden demotiviert, bauen Mauern auf und melden sich dann gar nicht mehr zu Wort. So entsteht die Kluft zwischen den Generationen.

Was hat Sie motiviert mit „Act Now“ einen Award für deutsche Jugendliche zu vergeben?

Ehrenamtliches Engagement von Kindern und von Jugendlichen in Vereinen, Jugendinitiativen, Schulen und Hilfsorganisationen ist nicht selbstverständlich. Dieses Engagement wird von uns mit dem Act Now Jugend Award honoriert. Wir ehrten damit junge Menschen, die sich für andere stark machen, die sich in ihren Organisationen herausragend engagierten.

Ein wesentlicher Bestandteil Ihrer Arbeit in Kenia ist die Bio-Landwirtschaft. Wer hat Sie dazu inspiriert?

Niemand musste mich dazu inspirieren. Es macht einfach Sinn so zu arbeiten; nicht nur, weil die Bio-Landwirtschaft gesund ist für Mensch und Boden, sondern auch weil sie am günstigsten für unsere Zielgruppe, die Kleinbauernfamilie, ist. Diese Familien können sich keine teuren Düngemittel oder genmanipuliertes Saatgut leisten. Sie sind deshalb – zum Glück – darauf angewiesen, ihre Felder auf ursprüngliche Art zu bewirtschaften. Von der Ernte legen die Kleinbauern einen Teil zurück, um damit in der nächsten Saison wieder neu anbauen zu können. Um den Erlös ihrer Felder zu verbessern, unterstützt Sauti Kuu sie dabei neue und bessere Methoden des Landbaus zu erlernen.

Warum ist für Sie der biologische Landbau die Landwirtschaft der Zukunft?

Weil für Mensch und Boden der sinnvollste und nachhaltigste Weg der einer umweltschonenden und ökologischen Landwirtschaft ist.

Sie haben 16 Jahre in Deutschland gelebt. Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Das Brot! Das ist für mich ein typisches Stück Deutschland. Ich wusste gar nicht, dass es so viele Sorten Brot gibt, bis ich nach Deutschland kam.

Vermissen Sie etwas „typisch Deutsches“, wenn Sie in Kenia sind und umgekehrt?

Ich bin einfach zu oft in Deutschland, um wirklich etwas zu vermissen. Wenn ich hier bin, vermisse ich allerdings mein gemütliches Sofa in Nairobi.

Bernward Geier und Auma ObamaBernward Geier traf Auma Obama bei der B.A.U.M.-Preisverleihung in Berlin.

 

 

 

Zur Person: Auma Obama

... ist in ihrem Heimatland Kenia aufgewachsen. Vor allem ihre Vorliebe für deutsche Autoren führte die Schwester von Barack Obama 1980 für 16 Jahre nach Deutschland, wo sie Germanistik und Soziologie studierte und nach der Promotion noch einen Abschluss an der deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin machte. Mit ihrer Jugendstiftung „Sauti Kuu“ – Kishuaeli für Starke Stimmen – ist sie in Kenia und Deutschland aktiv. Sie erhielt 2015 den B.A.U.M.-Preis und den German Speaker Award. Empfehlenswert ist ihre Autobiographie „Das Leben kommt immer dazwischen“ (Verlag Lübbe). www.aumaobama.de

Erschienen in Ausgabe 03/2016
Rubrik: Leben&Umwelt

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