Die Mutter der Wurmkiste - Schrot und Korn

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Die Mutter der Wurmkiste

Kompostieren in der eigenen Wohnung? Es heißt: kein Problem mit Würmern! Inga Schörmann hat’s ausprobiert – und ist dabei an die Grenzen ihres Ekels gestoßen. //Inga Schörmann

Mit gespitzten Lippen sauge ich eine Spaghetti ein, als mein Sohn ruft: „Würmer!“ Und noch mal: „Mama, Würmer!“ Erschreckt schaue ich mich um. Tatsache. Auf dem Boden liegen auf etwa einem halben Quadratmeter verteilt acht braune, längliche, ziemlich tot wirkende Dinger, die ich aus dem Augenwinkel wohl der Zimmerpflanze zugeordnet hatte, weil sie in letzter Zeit immer mal trockene Blätter und Stängel verloren hat.
 
Aber nein, Pitt hat recht: Es sind Würmer. In Angst um ihr Leben haben sie die Kiste verlassen, die ihnen eigentlich Schutz bieten sollte. Und die meisten von ihnen sind vertrocknet. Nur einen kann ich retten, aber fühle mich elendig dabei, als ich ihn zurück in den Wurmkomposter platziere. Er windet sich zwischen meinen Fingern, als ahne er, wohin es geht.
 
Mein Essen lasse ich stehen, ich muss herausfinden, was ich falsch gemacht habe. Und vor allem: wie ich es wieder gut machen kann.

Was ist eine Wurmkiste?

Vor genau drei Wochen habe ich zusammen mit meinem Mann eine Wurmkiste gebaut. Wobei, eigentlich sind es sogar ganze vier aufeinander gestapelte Kisten aus unbehandeltem Holz: In den mittleren beiden leben die Würmer. Als Boden dient den Boxen jeweils Maschendraht. Und ich befülle sie regelmäßig mit unserem organischen Abfall. Alle Küchenabfälle außer Milch- und Fleischprodukten können hier rein, bestenfalls schon in kleine Stücke geschnitten. Davon ernähren sich die Tiere. Außerdem menge ich immer auch ein bisschen Zeitungspapier bei.

Kompost auf dem Balkon

Und wofür das Ganze? Ich wohne mit meiner Familie in einem Mehrfamilienhaus, das keine Biotonne hat. Eine Entscheidung unseres Vermieters lange vor unserer Zeit hier, „weil die Bewohner sie nicht mehr haben wollten“, wie er grummelt. Wir wollen keinen Kampf mit der Hausgemeinschaft antreten, aber auch auf keinen Fall unseren Biomüll in die Restmülltonne werfen. Deshalb suche ich nach einer Alternative, die sich in einer Wohnung ohne Garten umsetzen lässt und geruchlos ist. Die Wurmkiste scheint perfekt.

Erste Schritte: Jutebeutel statt Hanfmatte

„Außerdem ist es gut für die Natur“, sagt Mirko Schlüter vom Onlineshop Natursache.de, bei dem ich meine Würmer bestellt habe. „Der Humus, der bei der Wurmkompostierung entsteht, ist bester Pflanzendünger.“ Selbst wer keine Zimmerpflanzen oder einen Garten habe, könne ihn einfach in die Wildnis streuen.

Für den Start unserer Wurmkiste empfiehlt mir der Züchter Schlüter mindestens 1.000 Würmer. Kostenpunkt: 34 Euro. Auf die Dauer werde es bei einem vierköpfigen Haushalt wohl noch mehr benötigen, aber die Tiere vermehren sich rasch. Ein Paketbote liefert sie mir in einer Plastiktüte mit zusätzlichem Substrat – vor allem Pferdemist meine ich zu erkennen. Ich bette die wie übliche Regenwürmer aussehenden Tiere in die zweite Kiste von unten auf einigem geknüllten und feuchten Zeitungspapier sowie Blumenerde und gebe ihnen zum ersten Mal Futter.

Darüber lege ich einen feuchten alten Jutebeutel als günstige Alternative zur Hanfmatte, die viele Wurmkisten-Shops verkaufen. Über Nacht lasse ich die Kiste offen stehen und strahle sie mit einer Lampe an, damit die Würmer nicht abhauen. Würmer erkunden in den ersten Tagen gern ihre Umgebung, habe ich in einem Online-Forum gelesen. Weil sie aber sehr lichtempfindlich sind, kann ich sie so sanft zwingen, in ihrer neuen Behausung zu bleiben.

Wurmhumus und Wurmtee – der ideale Dünger für Pflanzen

Übrigens leben in der Wurmkiste keineswegs nur ihre Namensgeber. Insbesondere Bakterien und Pilze helfen, die Essensreste zu zersetzen. Aber immer auch Insekten wie Springschwänze oder Asseln. Sie alle arbeiten sich von unten nach oben durch das Futter. Eines Tages wird also die untere Kiste voll mit feinstem Humus sein, und die Würmer und ihre Freunde fressen in der oberen Kiste weiter vor sich hin.Die Erde aus der unteren Kiste kann ich dann unseren Zimmerpflanzen zu Gute kommen lassen, ebenso den Wurmtee, der unten raustropft – besseren Dünger gibt es angeblich kaum, mancher Wurmkistenbesitzer verkauft den Wurmhumus sogar zu stolzen Preisen.

So weit die Theorie. In der ersten Zeit läuft auch tatsächlich alles reibungslos. Als ich stolz zu Beginn der ersten Nacht mit meinen neuen Haustieren ein Foto herumschicke, kommentiert ein Freund es mit einem einzigen Satz: „Klingt interessant, aber auch saueklig.“ Wie recht er damit hat, ist mir da noch nicht bewusst.

Eigentlich kann ich nämlich ziemlich viel ab, bevor ich mich ekele. Freunden einen Pickel ausdrücken, Spinnen mit bloßen Händen einfangen, jemandem beim Übergeben wahlweise die Hand oder die Haare halten – Kinderspiele. Aber die Wurmkiste bringt mich an meine Grenzen.

Dabei las sich das alles so einfach. Und ich bin auch überzeugt, wenn es einmal gut läuft, dann läuft es gut. Aber wenn man einmal einen richtig blöden Fehler gemacht hat, wird es ziemlich schnell ziemlich stinkig und krabbelig. Das Gute ist, die Kompostwürmer zeigen einem ziemlich eindeutig, wenn etwas nicht läuft: Sie hauen ab. Das Schlechte ist,
es bleibt nicht viel als die Methode Trial-and-Error, um den Fehler zu beheben.

Wurmkiste: Was darf rein?

Bei mir beginnt das Scheitern mit Fruchtfliegen und Schimmel. Beides plötzlich da nach einem Kurzurlaub. Laut treuer Unterstützer im Web-Forum von wurmwelten.de ist das erst mal nichts Schlimmes, die Würmer stört es nicht. Aber es ist ein Zeichen dafür, dass der pH-Wert zu sauer sein könnte und man etwas weniger Obst füttern sollte. Das mache ich und eine Woche lang läuft es gut. Aber dann liegen plötzlich tote Würmer auf dem Boden.

Nach einigem Stöbern in diversen Foren glaube ich, meinen Fehler gefunden zu haben. Der Kaffee ist schuld. Eigentlich hatte ich immer wieder gelesen, dass Kaffeesatz der perfekte Schmackofatz für meine Würmer sein soll – er hat schon die perfekte Konsistenz zum Losfressen. Überlesen habe ich aber, dass er in den meisten Fällen auch ziemlich sauer ist – und dass Kaffee selbst sogar tödlich sein kann. Und ich hatte täglich die noch mit Satz und etwas Flüssigkeit gefüllte, erkaltete French-Press über der Kiste entleert.

Zu warm, zu nass, zu dicht?

Wurmhändler Mirko Schlüter ist sich nicht sicher, dass das tatsächlich der Grund für die Flucht ist. „Eine Ferndiagnose ist schwierig“, sagt er. „Würmer können eine ganze Menge ab.“ Er legt mir eine kurze Checkliste ans Herz:

  • Erstens die Temperatur: Ist es in der Kiste nicht kälter als 5 und nicht heißer als 25 Grad Celsius?
  • Zweitens das Futter: Ist es eine gute Mischung aus Stickstoff- (also Obst, Gemüse etc.) und Zellulose-reichem (etwa Zeitungspapier, Pappe oder Holzschnetzel)?
  • Dann die Feuchtigkeit: Der Inhalt der Kiste soll etwa so klamm sein wie ein ausgedrückter Schwamm.
  • Und zuletzt die Luftzufuhr: Ist das Innere der Kiste locker-luftig genug, dass überall Sauerstoff rankommt?

Mir geht ein Licht auf. Meine Essensrestemasse ist kürzlich ziemlich in sich zusammengesunken und seither ungefähr so dicht wie kalter, stückiger Kartoffelbrei vom Vortag. Ich beschließe, einen Teil davon wegzuwerfen, in den anderen Teil vorsichtig geknülltes Zeitungspapier und einen speziellen Mineralmix einzuarbeiten, den ich online bestelle. Letzterer soll auch dafür sorgen, dass der pH-Wert nicht zu sauer ist.

Während ich die stinkende oberste Schicht abtrage und sie nach Würmern durchsuche, entwickle ich wegen der ganzen krabbelnden und fliegenden Tiere ein Phantomjucken am Kopf, das mich noch den ganzen Tag begleiten wird. Aber Würmer bekomme ich nur ganz wenige zu Gesicht. Langsam kriege ich Panik: Sind die Würmer alle abgehauen und haben sich vom Balkon gestürzt? Ich begebe mich auf eine verzweifelte Suche.

Und wo finde ich sie? In meinem ach-so-kreativen Pflanzkübel, der als Deckel dienen sollte. Selbst die Blumenerde scheint den Würmern lieber zu sein als das Bett, das ich ihnen bereitet habe. Und die Moral von der Geschicht? Die Mutter der Wurmkiste bin nicht ich, sondern vielmehr Planung. Und Geduld.

 

 

Informationen rund um Wurmkompostierung

Wurmkompostierende Menschen sind sehr rege unterwegs in diesem Internet. Mir haben sie vor allem im Forum von wurmwelten.de geholfen. Dort gibt es außerdem auch alles rund um Würmer (von der Kiste bis zu Mineralien) zu kaufen, aber ebenso bei zig anderen Anbietern wie natursache.de und superwurm.de.

Warum sind Würmer wichtig?

In Deutschland sind 46 Regenwurmarten beheimatet – und dem WWF zufolge sind rund die Hälfte davon schon „sehr selten“. Auf Ökofeldern finde man pro Quadratmeter um die 450 Würmer, auf intensiv genutzten, konventionellen Äckern gerade mal 30. Verantwortlich dafür sind Pestizide, Gülle und schwere Maschinen. Dabei tragen Würmer erheblich zu guten Ernten bei, weil sie den Boden lockern und den besten Dünger hinterlassen.

Bauanleitung

Inga und ihr Mann haben das Design ihrer Wurmkiste selbst entwickelt. Ohne Griffe hat sie etwa 40 Euro gekostet. Die Anleitung verraten wir euch hier.

Text und Fotos: Inga Schörmann

Veröffentlicht:
Rubrik: Leben&Umwelt

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