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Den Sport entgiften

Mode © gettyimages/myshkovsky
Sport ist gesund – Sportmode leider nicht immer © gettyimages/myshkovsky

MODE: Jetzt ist eine schöne Zeit zum Wandern, Joggen und Radfahren. Leider ist Sportkleidung aber oft ungesund und umweltschädlich. Rebecca Sandbichler

Die Amerikanerin Kathrine Switzer kann man dafür bewundern, dass sie im Jahr 1967 als erste Frau der Welt den Boston-Marathon lief. Oder für ihr Outfit: „Sie trug eine ausgebeulte Jogging-Buxe aus Baumwolle“, erzählt die passionierte Läuferin und Autorin des Blogs „Läufer pro Umwelt“ Heidi Schmitt aus Frankfurt. Heute wäre es undenkbar, so einen Marathon zu laufen. Denn Sport- und Outdoormode soll jetzt mehr leisten: Feuchtigkeit abtransportieren, windabweisend und wasserfest sein und nicht beschweren. All das erreichen Hersteller bisher vorwiegend mit künstlichen Fasern, Spezialmembranen und chemischer Nachbehandlung. „Kann das gesund sein?“, fragt sich da nicht nur Schmitt. Viele Läufer seien sich inzwischen der Probleme bewusst und trotzdem spiele das Thema Nachhaltigkeit nur eine Nebenrolle: „Die meisten freuen sich doch, wenn sie das zwanzigste Lauf-Shirt für 7,99 Euro bekommen.“ Ein bedenklicher Überfluss: Denn die synthetischen Fasern dieser Schnäppchen kosten die endliche Ressource Erdöl.

„Das perfekte Material gibt es leider nicht“, findet Maike Rabe, die Leiterin des Forschungsinstituts für Textil und Bekleidung der Hochschule Niederrhein. „Wir bilden mit Synthesefasern häufig das ab, was die Naturfasern schon seit jeher gut können. Im Bereich der Sport- und Outdoorbekleidung sind sie aber oft auch in ihrer Funktion den Naturfasern überlegen“, sagt die
Textilexpertin. „Die Textilproduktion basiert heute zu mehr als 60 Prozent auf Synthesefasern, weil sie schlichtweg unschlagbar günstig und langlebig sind“, so Rabe.

Umweltschützer kritisieren vor allem deren chemische Ausrüstung: mit Flammschutzmitteln, Weichmachern, giftigen Farben, bakterientötenden Bioziden oder Schwermetallen. Mitarbeiter der Greenpeace-Kampagne „Detox Fashion“ untersuchten im Jahr 2016 Marken-Wanderjacken und fanden in vielen Fällen immer noch sogenannte per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC). Diese Fluor-Kohlenstoffverbindungen machen Textilien wasser- und schmutzabweisend sowie lichtbeständig. PFC reichern sich aber im Körper an, sind hormonell wirksam, gelten als krebserregend und wurden sogar schon in entlegenen Naturlandschaften nachgewiesen.

„Membrane wie Gore-Tex und auch die Imprägnierungen von Funktionskleidung enthalten häufig diese PFC“, erklärt Lars Wittenbrink, der in Münster das Ökomode-Geschäft „Grüne Wiese“ führt. „Eigentlich braucht der durchschnittliche Sportler aber gar keine so hochgerüsteten Funktionstextilien.“ Das bewiesen Mitarbeiter der Detox-Kampagne, die sogar erfolgreich eine Himalaya-Expedition mit PFC-freier Outdoorkleidung bestritten haben. Alternativen gebe es zum Glück inzwischen, sagt Wittenbrink: „Sie finden sogar im normalen Handel eine faire, umweltverträgliche und schöne Wanderjacke.“  Gerade erst hat der deutsche Hersteller Vaude sein gesamtes Bekleidungssortiment umgestellt und verzichtet vollständig auf PFC. Eine Fleece-Jacke seiner „Green Shape Core“-Kollektion besteht zum Teil aus der sogenannten Qmilk, einer leistungsfähigen, biologisch vollständig abbaubaren Faser aus Milch, die nicht für den Verzehr zugelassen ist.

Wir essen unseren eigenen Fleecepulli

Funktionsfasern aus natürlichen Rohstoffen, die sich in der Umwelt wieder zersetzen, werden auch an Maike Rabes Institut erforscht – um ein Problem zu lösen: „Momentan gelangen textilbasierte Mikroplastikteilchen durch die Wäsche über das Abwasser in die Natur und könnten über die Nahrungsmittelkette wieder beim Menschen ankommen“, so die Textilforscherin. Wir essen also womöglich unsere eigenen Fleecepullover. „Schon bei der Textilerzeugung ist die konsequente Trennung und Aufbereitung wassergefährdender Chemikalien zu beachten“, sagt Rabe. „Fabrikanten innerhalb der EU halten sich streng an die Standards der am besten verfügbaren Technologien.“ Da aber ein Großteil der Textilproduktion im nicht-europäischen Ausland stattfinde, sei schwer zu erkennen, wie produziert wurde: Die Lieferketten seien für Verbraucher zu intransparent. Anerkannte Öko-Siegel könnten darum gewisse Standards am besten belegen.

Der Öko-Textilhändler Wittenbrink findet Siegel jedoch nur eingeschränkt hilfreich, wenn man schon im Laden steht. Er rät, sich bereits im Vorfeld über faire und nachhaltig arbeitende Modemarken zu informieren – zum Beispiel auf der Plattform getchanged.de: „Der GOTS-Standard ist sehr hoch, erlaubt aber zum Beispiel nur Naturmaterialien.“ Bei selten zu waschenden Produkten wie Regenjacken oder Sportschuhen sei aber auch der Einsatz von Recycling-Polyester oder -Nylon ein sinnvolles Konzept. Das Kieler Wintersport-Start-up Puya etwa fertigt die gesamte Kollektion aus wiederverwerteten PET-Flaschen, verzichtet auf PFC und sammelt die eigenen Produkte zur Aufarbeitung ein. Bei Bleed aus Helmbrechts gibt es ebenfalls PFC-freie Funktionsjacken aus Recycling-Polyester.

Öko-Händler Wittenbrink hat für eine Masterarbeit die Nachhaltigkeit der Branche untersucht und stellt den Bergfreunden unter den Sportmodenherstellern im Vergleich etwa zu Sneaker-Produzenten ein besseres Zeugnis aus: Neben bekannten Vorreitern wie Vaude oder Patagonia seien auch Hersteller wie Jack Wolfskin, Mammut oder Salewa Mitglieder der Fair-Wear-Foundation, die Sozialstandards für Textilarbeiter verbessern will. Und viele Produkte trügen das Bluesign-Label, das den verantwortlichen Einsatz von Chemikalien überwacht.

Auch Heidi Schmitt achtet auf das Bluesign-Zeichen, wenn sie neue Sportkleidung braucht, was nur selten vorkommt: „Ich kaufe bewusst nur wenige, langlebige Sachen und möglichst von Herstellern, die auf Nachhaltigkeit achten.“ Für Sportwäsche findet sie hochwertige Naturmaterialien wie die Holz-Zellulose-Faser Tencel oder Merinowolle interessant. Der deutsche Hersteller Engel bietet etwa Sport-shirts, Laufhosen und Jacken aus einem natürlich antibakteriellen Merino-Seidengemisch. Hinzu kommt: „Wolle muss man wegen der selbstreinigenden Wirkung nicht unbedingt nach jedem Einsatz waschen“, sagt Schmitt. Sogar für das Schuhproblem weiß sie eine Lösung: Bei der deutschen Manufaktur Lunge aus Mecklenburg tragen alle Schuhe das Oeko-Tex-100-Siegel – sind also geprüft schadstofffrei.

Inzwischen findet man für fast jeden sportlichen Einsatz eine ökolog­ische und sozial vertretbare Alternative. Und manchmal muss es vielleicht auch kein Hightech-Material sein. 

 

Textilsiegel

Wichtige Siegel der Öko-Sportmode:

Bluesign

Fair Wear Foundation IVN Best Cradle-to-cradle Global OrganicTextile Standard (GOTS)

Bluesign

Fair Wear
Foundation

IVN Best

Cradle-to-cradle

Global OrganicTextile Standard (GOTS)

Ausführliche Informationen zu den Textilsiegeln finden Sie unter: www.schrotundkorn.de/siegel-faire-mode

Erschienen in Ausgabe 06/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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