Bin im Garten! - Schrot und Korn

Anzeige

Anzeige

Bin im Garten!

© Peter Bria/LBV
Bauerngarten: eine schöne Gesellschaft aus Stockrosen, Mohn und Vexiernelken © Peter Bria/LBV

 

UMWELT Jeder noch so kleine Naturgarten kann das Klima schützen. – Ein Plädoyer für grünere Oasen. Mit vielen Tipps für Einsteiger. Susanne Wiborg

Es ist ganz gleich, ob ein Garten klein oder groß ist“, brachte es Hugo von Hofmannsthal einst auf den Punkt. „Was die Möglichkeiten seiner Schönheit betrifft, so ist seine Ausdehnung so gleichgültig, wie es gleichgültig ist, ob ein Bild groß oder klein, ob ein Gedicht zehn oder hundert Zeilen lang ist.“ Der Garten ist ein kleines Universum, das mit uns lebt und jederzeit ohne Autobahnstau, Flugreise und Umweltbelastung erreichbar ist: Das stille Abenteuer vor der Haustür, das immer genau dann auf uns wartet, wenn wir es brauchen, als ständig präsenter Gegenentwurf zu jedwedem Alltagsstress. Und die Liebe zum Garten ist jedem zugänglich, der sich darauf einlässt, unabhängig von Geschlecht und Alter, Status und Kontostand.

Richtig angelegt, kostet ein Garten in jeder Beziehung erstaunlich weinig, bringt aber umso mehr für Mensch und Umwelt. Eines allerdings braucht es dafür: Mitdenken! Die simple Bereitschaft, Pflanzen nicht als austauschbare Deko-Versatzstücke zu betrachten, sondern näher kennenzulernen als Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten. Und es braucht den Wunsch, den natürlichen Kreislauf, der sich noch im kleinsten Garten abspielt, zu verstehen und zu unterstützen, kurz: nicht gegen die Natur zu gärtnern, sondern sich ihr vielfältiges Angebot zunutze zu machen. Die Basis ist da immer dieselbe. Egal, ob Reihenhausgarten oder Regenwald: Die Grundlage allen Lebens auf unserem Planeten ist: der Humus.

Links oben: Die Fetthenne ist ein Schmetterlingsmagnet. Links unten: Aus Abfällen wird wertvolle Erde. Rechts: Nischen für das pralle Leben: Dem Star gefällt‘s hier. © Peter Bria/LBV; mauritius images/Dave Watts/Alamy; Fotolia/photos_com

Humus: Grundlage allen Lebens

Die wenigen Zentimeter Humus auf der Erdoberfläche zu pflegen, ist einer der bedeutendsten Beiträge zu Umwelt- und Klimaschutz. Denn eine intakte Humusschicht, passend bepflanzt, puffert klimatische Extreme ab und kann so jedem Garten helfen, mit Dürre oder Starkregen besser fertig zu werden. Außerdem hat der Humusgehalt des Gartenbodens einen sehr großen Einfluss auf seine Fruchtbarkeit. Im Prinzip ist es sehr einfach, den Humusgehalt zu erhöhen. In der freien Natur im Wald und auf den Wiesen passiert es ständig: Herbstlaub, abgestorbene Pflanzenreste oder Tierkot fallen auf den Boden, werden von Kleinstlebewesen zu Humus zersetzt und in die obere Bodenschicht eingearbeitet.

Gärtnergold: Mulch und Kompost

Blumenerde: Torffrei

In Blumenerde ist leider oft Torf enthalten. Doch für Torf werden Moore zerstört. Die Torfgewinnung schadet dem Klima, seltenen Pflanzen und Tieren. Achten Sie beim Kauf von Blumenerde auf torffreie
Sorten.

 

Wenn Gärtner dieses Prinzip der Natur kopieren, nennt man das Mulchen. Als Mulch eignen sich im Grunde alle Gartenabfälle – vom Herbstlaub über angetrockneten Rasenschnitt bis hin zu gehäckselten Sträuchern. Man bedeckt den nackten Boden einfach mit anfallendem Mulchmaterial. Das füttert das Bodenleben, spart lästiges Unkrautzupfen und in heißen Sommern jede Menge Gießwasser: Eine lebendige Mulchdecke ist ein vielfach bewährtes Mittel gegen Trockenheit.

Auch die gute, alte Kompostkiste erzeugt wertvollen Humus. Sie ist ein wunderbares Beispiel für Nachhaltigkeit: Denn aus Abfällen wird fruchtbare Erde. In jedem noch so kleinen Garten findet sich für sie ein Plätzchen, selbst auf dem Balkon lässt sich eine Tonne füttern. Egal ob Haufen, Kiste oder Tonne sollte die unterste Kompostschicht immer aus dünnen Ästen oder Reisig bestehen. So erhält der Kompost genug Luft. Abwechselnd werden darüber feinere, feuchte Abfälle mit trockenen, groben Materialien geschichtet. Je mehr Vielfalt, desto besser wird der Dünger. Alle organischen Gartenabfälle sowie Küchenabfälle wie Obst, Gemüse, Tee, Kaffee und Eierschalen dürfen mitspielen. Und nach spätestens einem Jahr ist der Kompost fertig.

Wo die Bodenbasis stimmt, fühlen sich Pflanzen wohl und gedeihen ohne größeren zusätzlichen Service. Vorausgesetzt, sie sind – und das ist das Zauberwort – standortangepasst. Robust und naturfreundlich sind Gehölze wie Weißdorn, Heckenrose, Berberitze, Holunder oder Eberesche. Sehr entbehrlich dagegen sind Thuja, Blaue Zypresse, Kirschlorbeer & Co. Deren starre Unfreundlichkeit, die sie bereits optisch verbreiten, trügt nicht: Sie scheiden giftige Hemmstoffe aus, die es sogar unmöglich machen, in ihrer Nähe andere Pflanzen anzusiedeln.

Gartenhelden: Heckenrose und Wiesenblumen

Doch in den meisten Fällen lässt sich die vorhandene Bepflanzung mit einer passenden Gesellschaft aufwerten. Zum Beispiel mit Frühlingszwiebelpflanzen, einer blühenden Clematis, Wildpflanzen oder einer Ramblerrose.

Überhaupt: Rosen – gerade die Rambler, also riesige Kletterrosen – sind ein echtes Plus im Naturgarten, solange sie nur offene Blüten tragen. Ihre Hagebutten sind höchst begehrt: Uns schmecken sie als Marmelade, Säugetiere knabbern sie als Rohkost und viele Vögel zwitschern ein Loblied auf diese kleinen Vitaminbomben. Außerdem bietet ein Rosenstrauch gute Deckungs- und Nistmöglichkeiten. Robuste oder wilde offenblütige Rosen gehören wirklich zu den Top-Pflanzen im Naturgarten: Sie sind bildschön fürs Auge, duften und sind rundum nützlich. Doch muss man sich nicht in fundamentalistischer Verbissenheit von alten Lieblingen trennen: Einer gefüllten Rose zum Beispiel, die ja Insekten kein Futter bietet, kann man als Begleiter Nachtviolen, Wegwarten, Nachtkerzen oder blühende Kräuter zugesellen.

Am meisten anfangen können die hier lebenden Nützlinge natürlich mit heimischen Sträuchern und Pflanzen: Bienen und Schmetterlinge stehen etwa auf Nektar, Pollen & Co. von Akeleien, Vergissmeinnicht, Fingerhut und den meisten Wiesenblumen. Und heimische Obstbäume, wie Apfel und Kirsche oder eine Eberesche freuen Insekten und Vögel gleichermaßen.

In einem sehr kleinen Revier können sogar Blumentöpfe Betonflächen zu blühendem Leben erwecken. Zwar brauchen Töpfe verhältnismäßig viel Wasser. Doch anders als eine sterile Rasenfläche, die ja auch gewässert werden muss, geben sie der Natur dafür etwas zurück: Bienen werden sich einfinden.

Wer dauerhaft pflanzt, sollte blühende und Früchte tragende Sträucher wählen. Da ist schon die pflegefreie Felsenbirne eine Riesenverbesserung gegenüber jeder Konifere. Sie lässt sich in eine Hecke integrieren und bietet mehrfachen Nutzen auf kleinem Raum: im Frühling eine zauberhafte Blüte, die Insekten freut, im Sommer Beeren zum Naschen für Menschen und Vögel und im Herbst prächtig gefärbtes Laub.

Ohne Tiere ist der Garten eine leere Kulisse

Das Soja-Experiment

Mit dem Projekt „1000 Gärten“ will Tofu-Hersteller Taifun Soja heimisch machen. Unterschiedliche Sorten werden an verschiedenen Orten angebaut, die Ergebnisse ausgewertet. 
www.1000gaerten.de

 

Ohne die Tiere – vom Regenwurm bis zum Singvogel – bleibt jeder Garten nur eine leere Kulisse. Zum Glück lassen sie sich einladen, meist nach dem Motto: Weniger ist mehr. – Weniger Mineraldünger, Verzicht auf Spritzmittel und Schneckenkorn, weniger rigoroses Schneiden und Aufräumen, sodass der Garten mehr Deckung bietet. Insektenfreundliche, also offene Blüten erfordern ebenso wenig zusätzlichen Aufwand wie Pflanzen, die zur Freude der Vögel Samenstände tragen, etwa ein paar schöne, verzweigte Sonnenblumen. Für einen Nistkasten findet sich auf jedem Balkon ein Plätzchen, ebenso wie für eine kleine Wasserstelle.

Überflüssig im Naturgarten ist dagegen technischer Overkill wie der Laubsauger und automatischer Rasenmäher. Wer, statt allherbstlich alles Leben erbarmungslos zu schreddern und nackte Ödnis zurückzulassen, die wertvolle Ressource Laub einfach an geeigneten Stellen liegen lässt, schützt den Boden ebenso wie unzählige Überwinterungsgäste von Käfer bis Igel. Eine ebenso schöne wie einfache Hilfe für bedrohte Insekten ist es, im Herbst reichlich Krokusse zu pflanzen. Diese versorgen Hummeln und Bienen beim Neustart im Frühjahr mit ersten Pollen.

Im kleinen Kosmos vor der Tür geht es also nie um Mühe, Plage, Ideologie, sondern um Leben, Freude an der Vielfalt und Kreativität. Risiken und Nebenwirkungen gibt es allerdings: Unversehens kann einen das Gartenvirus heftig erwischen. Das passiert gern, sobald man herausgefunden hat, wie einfach sich Köstlichkeiten wie Salat, Kräuter und Tomaten direkt am Haus ziehen lassen. Da sind dem Experimentieren in Garten und Küche bald keine Grenzen mehr gesetzt: Willkommen in einer der ältesten, glückbringendsten und vergnüglichsten Leidenschaften der Menschheitsgeschichte. 

 

Autorin Susanne Wiborg lebt bei Hamburg. Am liebsten schreibt sie Gartenkolumnen über Stockrosen, Spitzmäuse & Co. Sie findet: „Der Garten ist wie das richtige
Leben: durchwachsen.“

 

 


Katja Holler

Die studierte Gartenbauerin hat schon als Kind ihren Sandkasten mit Baumschösslingen bepflanzt und ihr Taschengeld für Topfpflanzen ausgegeben. Noch heute arbeitet sie am liebsten im Garten.

Interview

„Offene Blüten sollten es sein“

Was tun mit Rasen, der im Sommer regelmäßig verdorrt?

Aufwerten! – Zum Blümchenrasen zum Beispiel. Kleine, harte Pflanzen wie Hornklee füttern Insekten und locken seltene Schmetterlinge an. Oder Sie legen gleich einen artenreichen Trockenrasen an mit Kräutern wie Thymian oder Ysop. Die sind ideal für solche Standorte.

Und der Rest des Gartens? Wie wird der zum klimafreundlichen Naturschutzgebiet?

Raus mit der Forsythie, rein mit der ebenfalls gelbblühenden, aber insektenfreundlichen Kornelkirsche. Fast alles andere lässt sich einfach ergänzen mit vielen, oft heimischen Gehölzen und Stauden: Weißdorn, Heckenrose, Felsenbirne, Berberitze, Holunder, Eberesche und Haselnuss sind sehr klimaresistent. Robuste Rosensorten mit offenen Blüten sind ebenso umweltfreundlich wie schön und bieten Nektar, Pollen und Hagebutten. Sanddorn, wilde Birnen und Äpfel oder Quitten lieben trockene, sommerheiße Standorte. Und als Faustregel gilt: Alles, woraus man leckere Marmelade kochen kann, schmeckt auch vielen Tieren.

Gibt es Stauden und Sommerblumen, mit denen Tiere etwas anfangen können?

Viele beliebte, prächtige Blühpflanzen bieten der Umwelt eine Menge, solange ihre Blüten nur offen, nicht gefüllt sind: Glockenblumen zum Beispiel sind Magneten für seltene Wildbienen. Und die Samenstände aller Zierdisteln sind bei vielen Vögeln hoch geschätzt.

Und wie werden Hecken zu Bollwerken des Naturschutzes?

Eine bestehende Hecke lässt sich aufwerten, indem man Sträucher wie Kornelkirsche und Felsenbirne dazwischen setzt. Man kann auch einen Saum aus blühenden Wildpflanzen in etwas Abstand davor oder dahinter säen. Passende Samenmischungen gibt es für unterschiedliche Standortbedingungen.


Grüner Gärtnern

Naturgarten für Einsteiger

Lernen Sie Ihr Grundstück kennen. Wo sind sonnige, schattige, windige und geschützte Stellen? Pflanzen Sie standortangepasst. Das erspart Gärtnerfrust und Gießwasser. Mulchen Sie, wo immer es geht. Kaufen Sie Pflanzen und Saatgut aus Öko-Landbau. Diese sind robuster und werden ohne chemisch-synthetische Spritzmittel und mineralischen Kunstdünger gewonnen. Einheimische Gehölze und Blühpflanzen werten das Revier auf. Wie ist Ihr Gartenboden? Lehmig oder sandig, sauer oder alkalisch? Welche Pflanzen mögen das? Vergrößern Sie möglichst die Humusschicht. Denn Humus ist die Basis allen Bodenlebens. Kompostieren Sie. Bei Bedarf kaufen Sie torffreie Blumenerde, niemals torfhaltige. Denn diese schadet dem Klima. Denken Sie an Tiere mit geeigneter Vegetation, Deckung, Wasser und Nisthilfen. Experimentieren Sie. Schon ein einziger Quadratmeter Boden, mit passenden Wildpflanzen eingesät, ergibt einen Garten. Legen Sie los! Nichts muss perfekt sein – Hauptsache, ein Anfang ist gemacht.

Mehr zum Thema:

www.nabu.de Tipps für naturnahes Gärtnern bietet die Seite des NABU – Naturschutzbund Deutschland e.V.

www.greenpeace.org/austria/de/News/Aktuelle-Meldungen/Gentechnik-News/2014/7Tipps-giftfreier-Garten

www.naturgarten.org Der Naturgartenverein widmet sich dem Ziel, die Artenvielfalt zu bewahren.

Film über die Faszination von Naturgärten unter www.youtube.com/watch?v=eKA23A7qJjo

 

Kreuter, Marie-Luise; Holler, Katja: Der Biogarten: Das Original. Mit Videolinks im Buch. blv Verlag, 27. Auflage 2016, 432 Seiten, 30 €

Wiborg, Susanne: Gäste in meinem Garten: Bienen, Amseln, Huhn und Star. Verlag Antje Kunstmann, 2019, 150 Seiten, 18 €

Franck, Gertrud; Bross-Burkhardt, Brunhilde: Gesunder Garten durch Mischkultur. Oekom Verlag, 2019, 176 Seiten, 24 €

Erschienen in Ausgabe 04/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'