Besser essen in den Städten - Schrot und Korn

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Besser essen in den Städten

Viele Menschen wollen nicht mehr vom globalen Lebensmittelmarkt abhängig sein. Das neue Buch „Genial Lokal“ soll Bürgern in Städten helfen, einen Ernährungsrat zu gründen und so die Macht über ihre Teller zurückzuerobern.

Wenn es um ihr Essen geht, sind Städter eigentlich wandelnde Geldbörsen. Denn obwohl die tägliche Ernährung das gesamte Leben massiv beeinflusst, scheint vor allem in den Ballungsräumen die Verantwortung dafür am Kühlregal zu enden: Über einige Balkontomaten hinaus, könnten die wenigsten Stadtbewohner sich selbst versorgen.

Valentin ThurnAuch als Ganzes sind urbane Gesellschaften von einer krisensicheren Ernährungssituation oft weit entfernt: „Die Versorgung in den Städten geschieht vor allem über Supermärkte, die so gut wie gar nicht mehr aus der Region beliefert werden, sondern an den Weltmarkt angebunden sind“, bestätigt der Kölner Journalist Valentin Thurn.

Gerade auf diesem Weltmarkt läuft Einiges schief, wie Thurns Film „Taste the Waste“ bewiesen hat: In seiner global recherchierten und viel beachteten Dokumentation deckte er eindrücklich auf, welche enormen Mengen an genießbaren Lebensmitteln entweder schon direkt bei der Ernte oder später im Handel weggeworfen werden, weil sie nicht dem Ideal entsprechen. Den wenigsten von uns schmeckt der Gedanke an eine so sinnlose Ressourcenverschwendung, während weltweit immer noch Millionen Menschen an Hunger sterben.

Doch Verschwendung bleibt längst nicht das einzige Problem eines internationalen, überwiegend konventionellen Lebensmittelsystems: ungebremste CO2-Emissionen, Bodenzerstörung, Wasserknappheit, Ausbeutung von Mensch und Tier – all diese globalen Probleme hängen mit unserem Konsum vor Ort zusammen.

Die Botschaft: Bürger, verbündet euch

Thurn sieht jedoch einen Keim der Hoffnung. Und zwar in den Köpfen von uns Konsumenten: „Immer mehr Menschen wollen mitentscheiden, wo ihr Essen herkommt und wie es produziert wurde.“

Doch das ist für die Meisten gar nicht so einfach: Für den Otto- und Lise-Normalverbraucher ist es im Alltag so gut wie unmöglich herauszufinden, wie eine verantwortungsbewusst zusammengestelle Einkaufsliste aussehen könnte”, findet die Berliner Ernährungsaktivistin und Autorin Christine Pohl. Wer Bio-Ware und Fairtrade-Produkte in seinen Korb legt, macht zwar sicherlich schon Vieles richtig. „Aber längst nicht alle Menschen können sich das auch leisten.”

Um nachhaltig etwas zu verändern, müsse man noch mehr tun, sagt auch die Ernährungs-Journalistin Gundula Oertel: „Wenn wir uns vertieft mit unserer Ernährung auseinandersetzen und den Wandel zu unserer Sache machen.“ Dazu müssen wir nur noch größer denken: „Wer mehr erreichen möchte, als nur die eigene Ernährungsweise zukunftsfähig zu verändern, braucht dazu Bündnispartner.“

Ein Bündnis haben darum auch Oertel, Thurn und Pohl geschlossen. Gemeinsam arbeiten sie am Buch „Genial lokal“, das man noch einige Tage lang beim oekom-Verlag vorbestellen kann. „So kommt die Ernährungswende in Bewegung“, verspricht der Titel und es soll eine Anleitung werden: für mehr Einfluss auf unser Essen.

Thurn selbst ist nach dem Erfolg seines Films schnell vom Beobachten zum Tun gekommen: Er gründete den deutschlandweit bekannten Verein Foodsharing, dessen Mitglieder schon unzählige Tonnen Lebensmittel vor dem Mülleimer gerettet haben, und später startete er in seiner Stadt eine Initiative nach dem internationalen Vorbild der „food policy councils“: den Ernährungsrat Köln.

Ernährungspolitik auf lokaler Ebene

An Ernährungsräten sind üblicherweise viele verschiedene Akteure aus dem lokalen Ernährungssystem beteiligt: Landwirte, Lebensmittelproduzenten, Händler, Mitglieder der Stadtverwaltung und ganz normale Bürger. Gemeinsam wollen sie die Versorgung der Menschen auf die lokale Ebene zurückholen und somit die ökologischen und sozialen Probleme der globalen Lebensmittelerzeugung umgehen.

Internationale Erfolge, die auch im Buch nachzulesen sind, beweisen laut Thurn, wie viel Ernährungsräte für die Menschen einer Stadt tun können: „Das ‚London Food Board‘ hat zum Beispiel viele neue urbane Gärten angelegt und deren Produktion deutlich verbessert“, erzählt er. „Ebenfalls in England und auch in Brasilien kaufen öffentliche Kantinen nun Lebensmittel aus der Region ein.“

In Köln hat der Ernährungsrat beispielsweise kürzlich eine Karte von allen möglichen Orten veröffentlicht, an denen die Stadt bereits „essbar“ ist. Johannisbeersträucher auf dem Kinderspielplatz oder Fassaden, auf denen Kräuter wachsen – es sind kleine Dinge, die einen Unterschied für das urbane Leben machen.

Ernährungsräte schielen nicht auf die nächste Wahl

Christine Pohl sagt, die urbane Ernährung sei von der Politik bisher weitgehend vernachlässigt worden. „Aber wir brauchen Ernährungspolitik in den Städten, denn hier müssen die Veränderungen beginnen.“ Sie nennt es einen „trickle-up“-Effekt: Veränderungen im überschaubaren Raum anzugehen, um insgesamt langfristig einen systemischen Wandel zu erreichen.

Dabei seien Ernährungsräte aufgrund ihrer Struktur im Vorteil, sagt Kollegin Gundula Oertel: „Sie sind unabhängig von der Politik und von Unternehmensinteressen und müssen nicht auf  Wiederwahl oder Legislaturperioden achten.“

Valentin Thurn ist nach Jahren der Recherche im Ernährungssystem ebenfalls überzeugt, dass die Macht der Berufspolitiker nicht überschätzt werden darf: „Sowohl in Brüssel als auch Berlin ist die Agrarlobby derart fest im politischen System verankert, dass wir eher etwas auf lokaler Ebene erreichen können“, sagt er. „Es gibt allerdings Themen wie die EU-Agrarpolitik, die können wir nur verändern, wenn sich eines Tages die Ernährungsräte Europas zu einer Bewegung zusammenschließen.

„Genial Lokal“ soll eine Anleitung sein

Eine solche Bewegung könnte bald in Reichweite sein, denn die Idee der Ernährungsräte verbreitet sich: Allein in Deutschland sind seit dem Sommer 2017 zusätzlich zu den bestehenden Ernährungsräten in Berlin und Köln noch weitere in Fürstenfeldbruck, Oldenburg, Frankfurt, Dresden und München entstanden.

Menschen aus mehr als 40 Städten reisten im vergangenen Herbst nach Essen, zum ersten großen Vernetzungstreffen der Ernährungsräte unter dem Motto „Ernährungsdemokratie jetzt!“. Viele ihrer Fragen, zum Beispiel zum möglichen Aufbau eines Ernährungsrats, zur Beteiligung der Stadtverwaltung, aber auch zum altbekannten Problem der Finanzierung, sollen nun im Buch „Genial Lokal“ beantwortet werden.

„Unser Buch ist ein guter Leitfaden, wie man Gleichgesinnte findet, gemeinsam ein zivilgesellschaftliches Bündnis schmiedet und dessen Arbeit Wirkung verleiht“, sagt Oertel.

Kollegin Pohl glaubt ebenfalls an die verändernde Kraft von Ernährungsräten: „Jetzt kommen endlich die unterschiedlichsten Menschen zusammen, um gemeinsam die Bestimmungsmacht über ihre Teller zurückzugewinnen.“

Link zum Crowdfunding: https://www.oekom-crowd.de/projekte/genial-lokal/

Mehr zum Thema:

Ernährungsrat Köln: http://ernaehrungsrat-koeln.de

Ernährungsrat Berlin: http://ernaehrungsrat-berlin.de

Allgemein über Ernährungsräte in Deutschland: http://ernaehrungsraete.de

Mehr über Food Policy Councils: http://www.foodpolicynetworks.org/fpc-map/index.html

Text: Rebecca Sandbichler 
Fotos: Rebecca Sandbichler, PR/Oekom-Verlag

Veröffentlicht:
Rubrik: Leben&Umwelt

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