Alle Jahre wieder - Schrot und Korn

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Alle Jahre wieder

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Sprint im Advent: schnell noch ein paar Geschenke © plainpicture/Normal

 

GESELLSCHAFT: Weihnachten ist die Zeit des Schenkens. Doch brauchen unsere Lieben die Geschenke überhaupt? Unsere Autorin Barbara Brüning fragt: Soll ich mir das Schenken schenken? 

Jahr für Jahr kurz vor Weihnachten treibt mich der Traum vom idealen Geschenk für meine Lieben in die Einkaufsmeile. Stunde für Stunde haste ich mit Tüten bepackt bei Wind und Wetter durch die vorweihnachtlich geschmückte, hell erleuchtete Innenstadt – dauerberieselt von Weihnachtsklängen, kaufe Dinge, die vielleicht bald in der hintersten Ecke eines Schrankes landen.

Das ideale Geschenk wäre eines, das die tiefsten Wünsche meiner Liebsten erfüllt, Wünsche, die sie vielleicht selbst gar nicht so genau kannten. Das Geschenk würde zeigen, dass ich sie liebe, verstehe und erkenne. Es soll sie freuen und ein Strahlen auf ihre Gesichter zaubern. Vor allem soll mehr zurückbleiben als ein Berg Verpackungsmüll, Nippes, unterdrückte Enttäuschung oder gespielte Freude. Schenken ist gar nicht so einfach.

Eigentlich sollten wir ja über ausreichend Erfahrung mit dem Schenken verfügen. Lange vor Christi Geburt spielte es eine wichtige Rolle im Zusammenleben von Menschen, erklärt der Historiker Gerd Althoff von der Universität Münster. Als anthropologische Konstante finde man es schon bei den alten Ägyptern, in Form von Grabbeigaben sogar noch früher: „Schenken stiftet Beziehungen und hält sie aufrecht,“ sagt der Geschichtsforscher. Und ebenso kompliziert wie Beziehungen mitunter sind, ist das Schenken selbst. Eine Gabe kann beleidigen, wenn sie lieblos ausgesucht wirkt, oder beschämen, wenn sie zu großzügig ausfällt.

links: Was wünschen Menschen wirklich? rechts oben: Und wohin jetzt mit dem Kratzpulli? rechts unten: Individuell: selbst gemachte Geschenke. © gettyimages/Maskot/Dan Brownsword/yulkapopkov

Geschenke von wertvoll bis vielsagend   

Für die vormoderne Zeit ließ sich relativ leicht feststellen, was ein gutes Geschenk war: Es sollte wertvoll sein, dabei ausgefallen und selten. In Moskau zeigt ein Museum alle Geschenke, die der Zar je erhalten hat, darunter ein ausgestopfter Löwe und ein vergoldeter Kinderthron. Seit der Moderne, etwa ab dem 18. Jahrhundert, ist beim Schenken jedoch ein innerlicher Aspekt hinzugekommen. Geschenke verraten nun etwas über die Beziehung: Wie gut kennt er oder sie mich? Wie sehr liebt er mich? Wie viele Gedanken hat sie sich gemacht? Wie gut hört er zu? Hat sie meine Wunschliste gelesen und beachtet?, schreibt Helmuth Berking in seinem Buch „Schenken: Zur Anthropologie des Gebens“. Meist zeigt sich dies schon am Tag nach Weihnachten, wenn am Frühstückstisch diskutiert wird: „Warum hat Tante Helga so wenig Geld geschickt, sie weiß doch, dass ich für meine große Reise im Sommer spare? Und Onkel Willi hatte nur eine Flasche Sekt dabei. Ein bisschen einfallslos, oder? Und was ist mit den Socken, die immer von Inge kommen? Sie müsste doch langsam wissen, dass der Kleine keine Wolle trägt. – Und so entfaltet sich vor unseren Augen das Netzwerk unserer aktuellen Beziehungen. Die Liebe und Nähe zwischen uns hat sich in Geschenken materialisiert.

Freiwilligkeit: zweifelhaft

Eines ist ein Geschenk mit Sicherheit nicht, wie es bei Wikipedia zu lesen ist: „Die freiwillige Eigentumsübertragung einer Sache oder eines Rechts an den Beschenkten ohne Gegenleistung.“ Nicht mit einem Gegengeschenk zu reagieren, bedeute Berking zufolge ein Abbruch der Kommunikation. Schlimmer ist eigentlich nur, ein Geschenk nicht anzunehmen – das komme, so der Historiker Althoff, dem Ende der Beziehung gleich. Aber egal, wie es mit der Beziehung weitergeht, übrig bleibt meist ein Berg Geschenkpapier, Verpackungsmüll und so einiges mehr, was bald schon vergessen sein wird.

Leider ist auch das beschenkt Werden kein reines Vergnügen. Der Beschenkte steht unter dem Druck zu zeigen, dass er sich freut und die Gabe schätzt. Katharina W., Mutter zweier Söhne, erzählt, dass sie selbst das nervig findet. Vor allem, wenn Monate später immer mal nachgefragt wird, ob sie das Geschenk fleißig nutze, den Pullover trage, er immer noch gefalle. Diesen Druck will sie in ihrer Familie gar nicht erst aufkommen lassen: „Ich habe für mich den Schluss gezogen, nicht mehr nachzufragen. Ich schenke in der Hoffnung, dass es gefällt. Aber wenn dem nicht so ist, dann ist das eben so.“


oben: Furoshiki heißen die japanischen Geschenktücher. links: Das wird der Henkel fürs Geschenk ... rechts: ... und drin ist eine Flasche. ©  Oryoki/workID

Was japanische Höflichkeit uns lehrt

Katharina W. gefällt die japanische Tradition des Schenkens, die sie durch Freunde kennengelernt hat. „Wir schenken uns gegenseitig immer viele kleine Dinge, die witzig sind und Spaß machen.“ Das steht in der Tradition der Japaner, für die es als höflich gilt, ein Gegengeschenk von geringerem Wert zu wählen, um den Beschenkten nicht zu beschämen. Schön ist auch die japanische Gepflogenheit, Geschenke nicht in Papier zu verpacken, sondern in schöne Stofftücher, die Furoshiki. Das vermeidet Verpackungsmüll. Kleinigkeiten wie ein Seife, ein Hautöl oder eine Flasche Wein werden zu etwas Besonderem, man tut der Umwelt und dem Beschenkten etwas Gutes. 

Je länger ich über das Schenken nachdenke, umso mehr scheint mir, dass die wirklich wertvollen Geschenke von der Natur selbst kommen. Und dabei denke ich nicht nur an Gesundheit oder ein langes Leben: Es ist noch nicht lange her, da stand ich in unserem kleinen Schrebergarten inmitten von Apfelbergen. Ich hatte zwei Kisten vor mir: eine für die aussortierten, fauligen oder von Vögeln angefressenen und eine für die „guten“. Während beide Berge wuchsen, fiel mir ein Apfel auf den Kopf. Nach dem ersten Schreck musste ich lachen. So also kann Schenken auch sein: freimütig, verschwenderisch und großzügig. „Vielleicht ist es ein bisschen viel auf einmal“, dachte ich. „Die Natur hätte das ruhig besser übers ganze Jahr verteilen können. Und auch noch ein paar Himbeeren im Herbst reifen lassen können.“

Aber wie heißt es doch so schön: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Ich habe meine Äpfel in kleine Stofftaschen verpackt und verschenkt. An Nachbarn, an Kitas in der Nähe, an die Nachmittagsbetreuung der Schule. Aus dem Rest habe ich Apfelmus und Gelee gekocht. Auch davon wird einiges verschenkt. – An Weihnachten. Und so habe ich jede Menge neue Beziehungen geknüpft und alte aufgefrischt. Vielleicht wachsen ja kleine, zarte Freundschaften daraus?

Ich will mir das Schenken nicht schenken. Auch wenn ein Geschenk in Größe und Zeitpunkt nicht hundert Prozent perfekt auf mich zugeschnitten ist, hinterlässt es ein Glücksgefühl. Vielleicht ist es ja genau das, worum es bei Weihnachten gehen könnte.

Zeit schenken – eine Kostbarkeit

Jemanden beschenken ohne Dank zu erwarten. Etwas Spenden zum Beispiel – oder gemeinsam mit Familie oder Freunden Spielzeug an bedürftige Kinder verschenken. Obdachlose bedenken. Es gibt sicher in jeder Familie eine Idee davon, wer es am meisten brauchen könnte. Auf jeden Fall wäre es ein schöner Anlass, darüber mal ins Gespräch zu kommen. Dann könnte man sich gegenseitig noch eine „Kleinigkeit“ schenken, die heute selten und kostbar ist: Zeit zum Beispiel.

Vielleicht die Verabredung, gemeinsam ins Kino zu gehen? Theaterkarten, Opernkarten oder einen Besuch im Freizeitpark? Man könnte gemeinsam Zeit verbringen, zwanglos über Gott und die Welt sprechen – und so die Beziehungen festigen. Großzügigkeit macht nämlich glücklich, haben Wissenschaftler in einer Studie festgestellt. Und die Berge an unnötigem Zeugs und Müllstrudel im Meer würden gar nicht erst entstehen. Das wären wirklich schöne Weihnachten! 

Einfach besser

Tipps für sinnvolles Schenken

Was ist das richtige Maß? Was hat der Beschenkte zuletzt geschenkt? Ihr Geschenk sollte nicht wesentlich teurer, größer oder wertvoller sein. Es könnte den Beschenkten beschämen.

Für wen ist das
Geschenk?
Überlegen Sie, was der Beschenkte besonders gerne tut, wofür er sich engagiert, wie er seine Zeit verbringt. Das Geschenk sollte mit seinen Werten übereinstimmen.

Erlebnisse und Zeit schenken. Kulturelle Veranstaltungen wie Musik-, Theater- oder Kinokarten können bleibende Erinnerungen werden. Weniger spektakulär, doch ebenso kostbar: Zeit zum Reden, zum Spazierengehen, zusammen Kochen und Essen.

Selbstgemachtes und Kunst. Solche individuellen Geschenke sind etwas Besonderes, denn Kunst ist kein Massenprodukt.
Schenken Sie eine Geschichte, etwas Selbstgenähtes, Selbstgebautes.

Arbeitskraft schenken. Ausmisten, Babysitten, etwas Reparieren, etwas Kochen. Viele Menschen fühlen sich besonders geliebt, wenn sie konkret Unterstützung erleben. 

Mehr zum Thema

www.zeit-statt-zeug.de/de
Hier gibt es Ideen für einzigartige Geschenke. Zum Beispiel: Nackenmassage statt Schal, Waldspaziergang statt Parfum.

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Von Krimidinner bis Messerschmiedekurs. Vorsicht!

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Geschenke für Menschen mit Demenz, Rheuma etc.

Erschienen in Ausgabe 12/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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