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Wem gehört die Saat?

Obst, Gemüse, Getreide: Sie alle wachsen aus Samen. Doch wem gehört die Saat? Wer bestimmt, was wächst? – Von der Antwort hängt unsere Zukunft ab. // Leo Frühschütz

Saatgut

Ein alter Bauernspruch sagt: „Wer die Saat hat, hat das Sagen.“ Und darum geht es: Um das Sagen, um Macht und um Geld, das sich damit verdienen lässt. Denn essen müssen wir. Und hierfür brauchen wir Saatgut. Seit die Menschheit vor gut zehntausend Jahren sesshaft geworden ist und gezielt Pflanzen angebaut hat, ist das so. Einen Teil der Ernte behielten die Bauern immer als Saatgut zurück, um es im nächs­ten Jahr auszusäen. Sie tauschten mit Nachbarn, probierten neue Sorten aus und waren – abgesehen von Missernten und Hungersnöten – unabhängig von Lieferanten. Bis 1900 entstanden weltweit 5000 Arten von Nutzpflanzen mit zwei Millionen Sorten, jeweils angepasst an Boden und Klima vor Ort. Davon sind laut der Welternährungs­orga­nisation FAO inzwischen Dreiviertel ausgestorben.

Hybride: Pflanzen mit Kopierschutz

Vor hundert Jahren begannen Wissenschaftler und Wirtschaftsunternehmen mit kommerzieller Züchtung. Ihre Sorten versprachen höhere Erträge, kosteten aber Geld. Denn die Züchter wollten Aufwand, Wissen und eingesetztes Kapital bezahlt haben. Doch solange die Bauern die einmal gekauften neuen Samen nach der Ernte erneut aussäten, war damit kein Reibach zu machen. Deshalb verlangten die Züchter seit den 1920er-Jahren Urheberrechte und erfanden einen Kopierschutz. Dieser Kopierschutz heißt beim Saatgut Hybridsorte. Dabei zwingen die Züchter die Elternlinien der Pflanzen so lange zur Selbstbefruchtung, bis die erwünschten Eigenschaften etwa Fruchtfarbe oder Resistenz reinerbig sind und damit sicher auf die nächste Generation übertragen werden. Kreuzt man zwei solcher Inzuchtlinien, liefert die daraus entstehende Pflanze ein besonderes Saatgut, das die positiven Eigenschaften beider Elternlinien vereint. Die daraus wachsenden, als F1 bezeichneten Hybride liefern zunächst besonders hohe Erträge und äußerlich einheitliche Pflanzen. Doch schon in der folgenden F2-Generation, also bei den Samen der Hybridpflanzen, verlieren sich die Eigenschaften wieder. Sie taugen nicht für eine Aussaat im nächsten Jahr. Der Kopierschutz funktioniert. Bauern müssen Hybridsamen jedes Jahr neu kaufen. Wegen der hohen Erträge tun es die meisten. Der größte Teil von Gemüse, Sonnenblumen und Mais sowie ein Teil von Raps und Roggen sind Hybride, auch im Öko-Landbau.

Hinter der augenscheinlichen Vielfalt an F1-Hybriden stehen in Wirklichkeit nur wenige Inzuchtlinien, die in unterschiedlichen Kombinationen gekreuzt werden. Insgesamt lässt die Hybridzüchtung die genetische Vielfalt verarmen. Die Alternative dazu sind samenfeste Sorten, die sich natürlich fortpflanzen und immer wieder ausgesät werden können. Auch sie gibt es im Öko-Landbau und in vielen Bio-Läden.

Patente auf Pflanzen: ein lukratives Geschäft

Patente werden eigentlich nur auf Erfindungen erteilt – etwa auf gentechnisch veränderte Pflanzen. Doch das Patentrecht ist die schärfste Waffe im Kampf um das Saatgut. Der Patentinhaber muss den Nachbau einer Sorte erlauben und kassiert dafür Lizenzgebühren. Gentechnik-Konzerne wie Monsanto bitten auch dann zur Kasse, wenn durch Auskreuzung ungewollt Gentechnik-Pflanzen auf einem Acker wachsen. Außerdem versuchen die Unternehmen seit Jahren trickreich Patente auf herkömmliche Pflanzen (und Tiere) zu erhalten – mit Erfolg. Ein beliebter Trick besteht darin, herauszufinden, welche Gene für eine bestimmte Eigenschaft verantwortlich sind. Diese werden so markiert, dass sie im Laufe der Züchtung leicht wiedergefunden werden können. Zum Patent wird nicht nur das Marker-Verfahren angemeldet, sondern auch die von Natur aus vorhandenen Gene. Dem Patentinhaber würden dann die Rechte an allen Pflanzen gehören, die dieses Gen aufweisen (siehe Kasten oben links).

Ende 2012 hat das europäische Parlament ein neues Patentrecht mit einem einheitlichen EU-Patent verabschiedet. Das macht es den Firmen noch einfacher, europaweit ihre Patentansprüche durchzusetzen. Streitigkeiten soll ein eigenständiger Europäischer Patentgerichtshof regeln. Christoph Then, der den europaweiten Widerstand gegen Saatgutpatente mit koordiniert (Kasten links oben), befürchtet, dass dadurch „Patente billiger und Einspruchsverfahren dagegen teurer werden. Das neue Patentrecht hilft Monsanto & Co.“

Saatgutrecht: vom Rückgang der Vielfalt

Das Sortenschutzrecht erlaubt den Nachbau von Saatgut mit dem Landwirte- Privileg. Seit 1997 muss der Bauer allerdings dem Züchter einer geschützten Sorte Gebühren für den Nachbau zahlen.

Darüber hinaus schreibt das Gesetz vor, dass nur Saatgut amtlich zugelassener Sorten gehandelt werden darf. Dies schließt die alten bäuerlichen Sorten vom Markt aus. Denn um als Sorte zugelassen zu werden, muss die Züchtung „beständig“, „homogen“ und „unterscheidbar“ von anderen Sorten sein. Viele bäuerliche Sorten zeichnen sich jedoch durch Vielfalt innerhalb einer Sorte aus. Dadurch sind sie weniger anfällig, liefern stabile Erträge, bekommen aber keine Sortenzulassung. Dies habe „zu einem enormen Rückgang der Vielfalt an Sorten und zu einem Rückgang der genetischen Breite innerhalb von Sorten geführt – das ist genetische Erosion per Gesetz“, beschreibt Andreas Riekeberg von der europaweiten Kampagne für Saatgut-Souveränität die Auswirkungen dieser EU-weiten Regelung.

Zwar hat die EU 2008 die Zulassung sogenannter Erhaltungssorten erleichtert – sie aber gleichzeitig in eine Nische zementiert. Denn diese alten und regionalen Sorten dürfen nur in einer Ursprungsregion gehandelt werden und auch das nur in winzigen Marktanteilen. Derzeit arbeitet die EU-Kommission an einer Revision des Saatgutrechts. Sie will ein Dutzend alter Richtlinien durch eine neue Verordnung ersetzen, die dann direkt für alle Mitgliedsstaaten verbindlich wäre. Ein erster Arbeitsentwurf liegt seit November 2012 vor. „Die geplanten Regelungen werden die Position der Saatgutkonzerne weiter stärken, die Vielfalt vernichten und die Menschen in ihrem Recht auf Saatgut einschränken“, kommentiert Andreas Riekeberg und setzt dagegen: „Saatgut braucht überhaupt keine Zulassung.“

Zehn Konzerne haben die Macht

Hinter dem Entwurf der Kommission steht eine mächtige Lobby. In den letzten 15 Jahren wurden viele mittelständische Züchter von den großen Agrarchemiekonzernen aufgekauft. Zehn Unternehmen kontrollieren drei Viertel des kommerziellen weltweiten Saatgutmarktes. Dazu zählen Monsanto, Dupont/Pioneer und Syngenta ebenso wie die deutschen Firmen KWS und Bayer CropScience.

„Diese Firmen haben kein Interesse an genügsamen und lokal angepassten Sorten. Ihr Interesse richtet sich allein auf Sorten, die an den Input ihrer Agrarchemie angepasst sind“, analysiert Andreas Riekeberg.

Doch auch der Widerstand von unten wächst. Eine vielfältige Koalition von Bauern, Verbrauchern, Umweltschützern und Menschenrechtsorganisationen kämpft für freies Saatgut – überall auf der Welt. Die Inderin Vandana Shiva hat mit ihrer Organisation Navdanya dieses Engagement in einem dicken Bericht dokumentiert. Saatgut-Initiativen aus aller Welt stellen in Seed Freedom ihre Arbeit vor. Im Vorwort schreibt die Trägerin des Alternativen Nobelpreises: „Unser wichtigstes Ziel ist es, die Menschen darin zu bestärken, dass sie die Kraft haben, ihr Saatgut und sich selbst zu befreien.“

-> www.navdanyainternational.de

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Kuno
Leider hat der Artikel im Übergang vom Sortenschutzrecht zum Saatgutrecht einen Fehler. Es heißt noch richtig "Das Sortenschutzrecht erlaubt den Nachbau von Saatgut mit dem Landwirteprivileg. Seit 1997 muss er Bauer allerdings dem Züchter einer geschützten Sorte Gebühren für den Nachbau zahlen."



wenn es dann aber weitergeht: "Darüberhinaus schreibt das Gesetz vor, dass nur Saatgut amtlich zugelassener Sorten gehandelt werden dsrf", ist das falsch, weil nicht "das Gesetz" (also das Sortenschutzrecht) dieser Vorschriften macht, sondern das (EU-)Saatgutrecht bzw. das deutsche Saatgutverkehrsgesetz, das die EU Saatgutgesetzgebung in deutsches Recht umsetzt.



Dieser Fehler ist umso bedauerlicher, als oft (und so leider auch nun in Ihrem Artikel) das Sortenschutzrecht (bei dem es um private geistige Eigentumsrechte auf neue Pflanzensorten geht) und das Saatgutrecht (bei dem es um die Zulassung des Saatgutes zur Vermarktung und zum Handel geht) durcheinander gebracht werden.