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In Gemeinschaft leben

In Tempelhof entsteht ein neues Dorf. Eine Werkstatt, um auszuprobieren, wie Menschen in Zukunft solidarisch wirtschaften und miteinander leben können. // Leo Frühschütz (Fotos: Ruth Rall, Mona Hering, Peter Hönigschmid)

Schloss Tempelhof

Die Gemeinschaft Schloss Tempelhof bewirtschaftet 30 Hektar Grund. Die Bio-Zertifizierung ist am Laufen.

Punkt acht Uhr stehen alle vom Frühstück auf, bilden einen Kreis, fassen sich an den Händen und schweigen. Drei, vier, fünf Minuten lang. Bis ein Händedruck den Kreis entlang läuft und das tägliche Morgenritual beendet. Kurz werden noch Neuigkeiten ausgetauscht, dann stellt Agnes Schuster ihren Besucher vor, den Autor von Schrot&Korn. Willkommen in Tempelhof.

Agnes Schuster gehört zu den Initiatoren dieser Gruppe, die im schwäbischen Franken ein ganz besonderes Dorf neu aufbaut. Die Menschen hier haben sich zusammengefunden, um gemeinsam zu leben. Nicht als nette Nachbarn, sondern als Gemeinschaft, die zusammen lebt, arbeitet und feiert. „Wir haben hier den Freiraum, etwas ganz Neues entstehen zu lassen. Die Kraft, die dadurch freigesetzt wird, ist enorm“, schwärmt die Sozialpädagogin, die seit 30 Jahren Mitbesitzerin eines Naturkostladens ist.

Schon seit 2007 hatten Agnes Schuster, der ehemalige Bauunternehmer Wolfgang Sechser und Roman Huber vom Verein Mehr Demokratie mit 25 anderen in der Initiative „In Gemeinschaft leben“ nach einem Projekt Ausschau gehalten. Anfang 2010 tippte Wolfgang Sechser „Dorf kaufen“ in die Suchmaschine. Sie spuckte „Schloss Tempelhof“ aus: Ein Schloss aus dem 17. Jahrhundert mit Wirtschaftsgebäuden. Seit 2006 stand das Areal leer. „Das war eine Sozialbrache mit architektonischen Bausünden“, erinnert sich Agnes Schuster. „Aber auch voller Möglichkeiten“.

Suchwort fürs Glück: „Dorf kaufen“

Ideen hatte die Gemeinschaft schon zwei Jahren lang in vielen Treffen ausgearbeitet. Nun schufen sie eine Struktur aus Stiftung für den Grundbesitz, Genossenschaft als eigentlichem Dorf und einem Verein für den Veranstaltungsbetrieb und eine freie Schule. Die Gründer zeigten sich der Gemeinde offen und transparent, wurden daraufhin unterstützt und begannen in Großveranstaltungen Interessierten die Vision vorzustellen. Schließlich kauften sie Ende 2010 Schloss Tempelhof.

In zwei renovierten Wohnblöcken und einem Wirtschaftsgebäude leben jetzt 65 Menschen. 150 sollen es in den nächsten Jahren werden. In einem Flügel des Schlosses ist ein Gästehaus mit 42 Betten entstanden, das für Seminare und Besucher genutzt wird. In der ehemaligen Behinderten-Werkstätte arbeiten Schreiner, Werkzeugmacher und Künstler. In den Klassenzimmern finden sich Heilpraktiker ebenso wie Webseiten-Designer und Maßschneiderei. Ein Team aus Landwirten und Gärtnern bewirtschaftet 30 Hektar Grund, baut Getreide und Gemüse an, hält Bienen, Hühner und die gefährdeten Thüringer Wald Ziegen. Die Bio-Zertifizierung läuft. In der Großküche werden die Erzeugnisse verarbeitet. Das meiste essen die Tempelhofer selbst. Je nach Bedarf zahlen sie einen monatlichen Betrag für die Versorgung. Im Schnitt sind es 260 Euro. Das reicht, um Landwirtschaft und Küche zu finanzieren.

Schloss Tempelhof

Agnes Schuster und die Leute vom Tempelhof laden jeden ersten Sonntag im Monat zu einer Info-Veranstaltung ein.

Intensive Arbeit am WIR

Diese kraftvolle Umsetzung hat auch damit zu tun, dass die Menschen im Tempelhof intensiv am Gemeinschaftsgeist arbeiten. WIR-Prozess nennen sie das und orientieren sich dabei an den Empfehlungen zur Gemeinschaftsbildung des amerikanischen Psychologen Scott Peck. Sie beinhalten gruppendynamische Abläufe ebenso wie den achtsamen und vertrauensvollen Umgang miteinander. Eine von Pecks Empfehlungen ist das All Leader Prinzip: Keiner führt durchgehend, jeder trägt Verantwortung für sich und die Gemeinschaft.

„Die Dinge hier geschehen, weil die Menschen sie mit der Kraft ihres Herzens anpacken“, erklärt Agnes Schuster. Sie hat sich in den letzten Monaten dafür eingesetzt, dass die Gemeinschaft mehr Platz für Familien mit Kindern schafft. Ihren Impuls haben die verschiedenen Arbeitskreise aufgegriffen, die es in Tempelhof gibt: die Siedlungsplanung, die Landwirtschaft, die Ökologie, die soziale Entwicklung, die Bauhütte, sie alle gaben ihre Ideen dazu. Schließlich diskutierte das Dorfplenum die Angelegenheit. Es folgten ein Familiencamp, ein Architekturwettbewerb und ein Seminar mit den Familien, die sich in Tempelhof niederlassen wollen. Im Herbst ist Baubeginn. Gleichzeitig beginnt für die hinzukommenden Familien eine einjährige Annäherungsphase, in der sie am WIR-Prozess teilnehmen. Diese Zeit soll zeigen, ob sie in die Gemeinschaft passen und sie diese Art zu leben tatsächlich wollen.

Alle Dörfler haben ihre persönlichen Einkommens- und Vermögensverhältnisse offengelegt. „Wir haben alles, vom Millionär bis zum armen Schlucker.“ Ein Drittel der Menschen im Dorf arbeitet für die Gemeinschaft, auf dem Feld, in der Küche oder im Seminarhaus. Sie beziehen ein Bedarfseinkommen, das individuell festgelegt wurde. Jeder nach seinen Bedürfnissen.

www.schloss-tempelhof.de

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Julia
Auf der Homepage ist ein sehr informativer Beitrag vom SWR zu sehen.

Wirklich interessant und weckt Sehnsüchte...