Immer ein Kompromiss - Schrot und Korn

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Immer ein Kompromiss

Verpackung: Glas oder PET, Papier oder Plastik? Wer Lebensmittel verpackt, muss viele Ansprüche gleichzeitig erfüllen – und dabei Zugeständnisse machen. Auch im Bio-Laden. // Leo Frühschütz

Verpackung Die Bananenschale ist eine optimale Verpackung – sieht gut aus, schützt den Inhalt, erste braune Flecken zeigen, dass die Frucht optimal reif ist. Sie lässt sich leicht öffnen, problemlos kompostieren und ist CO2-neutral. Nur das Gewichtsverhältnis von Verpackung und Inhalt passt nicht. Man zahlt viel Schale mit. Das Bananen-Beispiel zeigt die vielfältigen Aufgaben einer Verpackung. Sie alle gleich gut zu erfüllen, ist schwierig. Insofern ist Verpackung immer ein Kompromiss. Zum Beispiel Glas: Quarzsand und die anderen mineralischen Rohstoffe sind reichlich und in Deutschland vorhanden. Glas ist inert, gibt also keine Stoffe an Lebensmittel ab, und schützt vor äußeren Einflüssen. Es ist mehrwegfähig, lässt sich gut reinigen und unbegrenzt recyceln. Doch es braucht viel Energie, um die Rohstoffe zu schmelzen. Glas ist schwer und verbraucht so zusätzliche Energie beim Transport. Zudem ist Glas teuer und wenn es runterfällt, gibt's Scherben.

Schutz, Logistik, Optik

Bei jedem Produkt muss der Hersteller die Vor- und Nachteile verschiedener Verpackungsmaterialien abwägen. Dabei stellt der Qualitätsmanager den Schutz des Lebensmittels in den Vordergrund. Der Techniker weist darauf hin, dass die Abpackmaschine mit der neuen Verpackung zurechtkommen muss. Der Logis-tiker hätte es gerne möglichst stabil und stapelbar und schließlich sagt die Marketingleiterin: Die Verpackung muss hochwertig aussehen und die Qualität unseres Produktes widerspiegeln. Das Ergebnis einer solchen Abwägung kann zum Beispiel eine Dose sein, wie sie der Kräuterspezialist Herbaria für seine Gewürzmischungen entwickelt hat. Bester Aromaschutz kombiniert mit edel aussehender Hülle aus recyclingfähigem Material. Diese erfolgreiche Verpackungslösung ist seither mehrfach von anderen Herstellern kopiert worden.

Und die Kunden? Sie legen Wert auf umweltverträgliche Verpackungen, hat die Gesellschaft für Konsumforschung ermittelt. Dabei liegen im Öko-Ranking der Befragten Glas und Papier/Karton weit vor Metall und Plastik. Im Bio-Laden finden umweltbewusste Kunden viele Säfte, Milch und Joghurt in Mehrwegverpackungen. Glas und Papier als Packmaterial haben einen höheren Stellenwert als im konventionellen Supermarkt. Doch auch im Bio-Laden gibt es Dosen, PET-Flaschen, Getränkekartons und Plastikfolien, und das mit steigender Tendenz.

Ein Grund dafür ist, dass viele Neu-kunden Gewohntes so bevorzugen, etwa Plastikflaschen für Ketchup, Getränkekartons für Milch oder Plastikbecher für Joghurt. Das können Hersteller oder Händler nicht ignorieren. Ein Beispiel: Jahrelang verkaufte die Andechser Molkerei Scheitz Trinkjoghurt in Glas-Mehrweg – ohne durchschlagenden Erfolg. Anfang 2005 stellte sie auf Einweg-PET-Flaschen um. Ein Jahr später waren die Joghurt-Drinks "Renner des Jahres" auf der Leitmesse BioFach.

Gasdichte Plastikfolien

Mehrlagige, dadurch gasdichte Plastikfolien sind notwendig, um Produkte unter Schutzgas zu verpacken. Dabei wird in der Plastikhülle der Luftsauerstoff durch Stickstoff oder Kohlendioxid ersetzt. So kann das Lebensmittel nicht oxidieren und bleibt länger frisch. Sauerstoffabhängige Bakterien und Schimmelpilze können sich nicht vermehren. Das funktioniert etwa bei Chips, Trockenfrüchten oder frischen Nudeln in der Kühltheke. Vergleichbar dichte Folien braucht man, wenn man Lebensmittel unter Vakuum verpacken, also die gesamte Luft entziehen will.

Kunststofffolien für Verpackungen enthalten keine Weichmacher. Sie bestehen aus elastischen Kunststoffen wie Polyethylen (PE), Polypropylen (PP) oder Polyethylenterephthalat (PET). PVC- Folien, die Weichmacher brauchen, sind nicht mehr üblich. Gebräuchlich ist PVC dagegen als Dichtmasse in Schraubdeckeln und macht dort regelmäßig Probleme. So sorgten 2006 hormonell wirksame Weichmacher im Pesto für Schlagzeilen. Zuvor waren immer wieder Babygläschen betroffen. Inzwischen gibt es Alternativen zu PVC-haltigen Dichtungen (siehe Kasten oben links). Jedoch können auch elastische Kunststoffe Zusätze enthalten, die sie reißfester, anschmiegsamer oder besser bedruckbar machen. Die aktuelle EU-Verordnung über Plastikverpackungen für Lebensmittel nennt 900 solcher Stoffe. Diese dürfen in Spuren auch ins Lebensmittel übergehen, solange sie die Grenzwerte nicht überschreiten.

Faltschachteln aus Karton

"Dann lieber Karton", denkt man sich da. Doch die umweltfreundliche Faltschachtel aus Altpapier ist in Verruf geraten. Recyclingkarton enthält bis zu 0,1 Prozent leberschädigende Mineralöle, die in die darin verpackten Lebensmittel übergehen können. Besonders betroffen sind feinkörnige Trockenprodukte wie Mehl oder Reis mit langen Lagerzeiten und

direktem Kontakt zum Karton. Ein Polyethylenbeutel als zusätzliche Verpackung zögert die Kontamination lediglich zeitlich hinaus. Nur gasdichte Beutel oder Aluminium schützen wirkungsvoll. Weniger belastet sind Lebensmittel aus der Tiefkühltruhe, weil die Öle bei den niedrigen Temperaturen kaum ausdampfen.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kam Ende 2009 zu dem Schluss, "dass der Übergang von Mineralölen auf Lebensmittel dringend minimiert werden sollte." Quelle der Verunreinigungen sind vor allem mineralölhaltige Druckfarben für Zeitungen, die über recycelte Fasern in den Karton gelangen. Doch die Zeitungsverleger erklärten, sie könnten ihre großen Druckmaschinen nicht so einfach umstellen. Kartonhersteller versuchen, Altpapiersorten, die hohe Konzentrationen an Mineralöl enthalten, auszuschleusen. Parallel entwickeln sie Verfahren, die Kartonagen mit einer wirksamen Barriereschicht zu versehen. Doch das kann dauern. "Die Bio-Hersteller setzen als Reaktion auf das Problem Kartonagen aus Frischfaser ein", berichtet Ralph Weishaupt, der einige Unternehmen beim Qualitätsmanagement berät (siehe Interview links). Sie wollen auf Nummer sicher gehen, denn mit dem Altpapier können auch andere Problemstoffe in den Karton gelangen wie Diisopropylnaphthalin aus Durchschreibepapier oder Phthalate aus Klebstoffen.

Chemie in Druckfarben

Aufpassen müssen die Hersteller bei den Farben, mit denen sie ihre Verpackungen bedrucken lassen. Auch ohne Mineralöl können sie über 1000 Chemikalien enthalten. "Untersuchungen haben gezeigt, dass Lebensmittel des deutschen Marktes häufig mit Druckfarbenbestandteilen in Mengen belastet sind, die gesundheitlich vertretbare Schwellen überschreiten", schreibt die Bundesregierung in einem Verordnungsentwurf. Von anderen festgestellten Rückständen sei gar nicht bekannt, ob und wie gefährlich sie seien. Dennoch sollen weiterhin rund 900 Chemikalien in Druckfarben und, solange sie den jeweiligen Grenzwert nicht überschreiten, auch im Lebensmittel vorkommen dürfen. Nicht vorgesehen ist in dem Entwurf, dass die Farbenhersteller alle Zutaten ihrer Druckfarben öffentlich – oder auch nur gegenüber ihrem Kunden – deklarieren müssten.

Hersteller von Bio-Lebensmitteln können in solchen Fällen nur nachfragen und müssen sich auf die Unbedenklichkeitsangaben der Anbieter verlassen. In manchen Verpackungsbereichen, etwa bei Getränkekartons, gibt es nur wenige große Anbieter, für die selbst große Naturkostfirmen nur kleine Kunden sind. Der Einfluss der Bio-Branche auf die Entwicklung von Verpackungen ist deshalb nicht groß. Ein kleiner Bio-Pionier, der sich davon nicht abschrecken lässt, sondern mit den Verpackungsherstellern um Transparenz und Verbesserungen ringt, ist die Naturkosmetik-Manufaktur I+M (s. Schrot&Korn 8/11). Und einiges kann jeder selbst umsetzen. Etwa darauf verzichten, perfekt verpackte Bananen zusätzlich in Plastikfolie zu wickeln.

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incl. 'http://'
Lena
Ich glaube das beste ist, wenn man direkt beim Erzeuger einkauft,

dann spart man Verpackung, Transportwege und die Erzeuger erhalten einen fairen Preis.