Kolumne: Mit der Einkaufstasche wählen gehen - Schrot und Korn

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Kolumne: Mit der Einkaufstasche wählen gehen

Fred Grimm, Autor von „Shopping hilft die Welt verbessern“, schreibt hier über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischen kommt.

Fred GrimmHaben Sie heute schon gewählt? Nein, ich meine nicht die Briefwahl, dieses wunderbare Instrument vorgezogener Entscheidungsfindung, das einem erlaubt, sein Kreuz am Strand zu machen oder lieber gleich die Kinder ranzulassen („Papa, darf ich die Piraten wählen?“). Ich meine die „Abstimmung an der Supermarktkasse“ wie sie der Münchener Starsoziologe Ulrich Beck genannt hat.

Frei nach dem Motto „Ich kaufe, also bin ich der Bestimmer“ entscheiden wir demnach durch das, was wir kaufen, über die ökologischen und sozialen Bedingungen mit, unter denen die Waren produziert werden. Diese „Moralisierung der Märkte“ setzt auf die Macht der Konsumenten als Gegengewicht zu den großen Konzernen, die es sich bald nicht mehr leisten können, „unmoralisch“ zu produzieren, weil sie sonst ihre Kunden verlieren. Klingt vielleicht etwas utopisch, aber wahrscheinlich machen Sie längst mit.

Wenn Sie – wie ich – zu den Stammkunden im Bio-Laden gehören, geht es Ihnen beim Lebensmittelkauf um giftfreie und artgerechte Herstellung, um faire Beziehungen zwischen Konsumenten, Händlern und Bauern. Mit Ihrer persönlichen „Abstimmung an der Ladenkasse“ wenden Sie sich gegen die industrialisierte Landwirtschaft, mit all ihren zerstörerischen Folgen. Ihre Wahlfreiheit beim Einkauf wird durch das Bio-Siegel sowie die Siegel von Bioland, Naturland, Demeter et cetera ungeheuer erleichtert.

Der Erfolg der Siegel hat gezeigt, dass man uns Verbraucher ernst nehmen kann. Wenn wir wissen, dass bestimmte Produkte umweltfreundlich und fair hergestellt wurden, greifen wir tatsächlich zu. Eigentlich brauchen wir für alles, was wir kaufen oder bezahlen sollen – nicht nur für Lebensmittel oder Kosmetik –, eine Art „Öko-fair-TÜV“, damit wir selbst entscheiden können, welche Art der Wirtschaft wir unterstützen wollen.

Übeltäter so geheim wie Frau Merkels Nummer

Nun spielen Verbraucherthemen in der Schlussphase von Wahlkämpfen selten eine Rolle. Da wird lieber über unpassende Frisuren oder zukünftige Posten diskutiert. Ein Jammer. Wenn etwa Gammel- als Frischfleisch verkauft oder eklige Stärke-Gel-Sehnen-Substanzen als „Kochschinken“ deklariert werden, bleiben die Namen der Übeltäterfirmen noch immer geheim – als handle es sich um die Handynummer von Angela Merkel.

Noch immer dürfen Bankberater ihren Kunden ruinöse Finanzpakete aufschwatzen. Und während jeder Hartz-IV-Empfänger seine intimsten Lebensbedingungen offen legen muss, können deutsche Energie- oder Wasserversorger ihre überhöhten Preise nach wie vor fast frei kalkulieren. Die „Abstimmung an der Supermarktkasse“ ist eine schöne Idee, aber damit das wirklich funktioniert, werden wir am 27. September auch den echten Stimmzettel noch brauchen.

Erschienen in Ausgabe 09/2009
Rubrik: Leben&Umwelt

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Gudrun Sievers
Mich beschäftigt schon länger die Idee einen alternativen Stadtrundgang anzubieten, um den Menschen zu zeigen wie wir die Lebensbedingungen bestimmen und auch verbessern können durch gezieltes Handeln.In unserer Stadt (ca. 75000 Einw.) gibt es nur zwei Bioläden und zwei außerhalb liegende Ökohöfe mit Verkauf, die mit ÖPNV nicht erreichbar sind, einen alten Weltladen, der seit den 1970er Jahren nicht erneuert oder erweitert wurde und eher eine unpolitische Bevölkerung. Vielleicht ist der Artikel der letzte Anschub nun doch endlich loszulegen und zu versuchen die doch verbreitete "Aldi-Mentalität" ein kleines Stückchen zu durchbrechen und die Menschen "aufzuwecken". Vielen Dank für den Artikel.