Kolumne: Die nackte Lust auf Kürbisköpfe - Schrot und Korn

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Kolumne: Die nackte Lust auf Kürbisköpfe

„Die vegetarischen Schönen wurden nun erst recht im Internet angeklickt und bescherten zahllosen jungen Männern leidenschaftliche Nachtgedanken an Brokkoli.“

Fred Grimm
Fred Grimm, Autor von „Shopping hilft die Welt verbessern“, schreibt ab jetzt in Schrot&Korn über gute grüne Vorsätze - und das, was dazwischenkommt.

Anfang des Jahres sorgte ein TV-Werbespot der Tierschutzorganisation PETA für einen Skandal. Eigens für den Super Bowl, das große amerikanische Männerfest, produziert, rieben sich in dem 29-Sekunden-Film halb nackte Damen lustvoll an Kürbisköpfen und liebkos-ten Brokkoli. Der Slogan: »Studies show: Vegetarians have better Sex.«

Der Sender NBC, der keine Bedenken bei Werbespots für „Victoria’s Secret-Edelstrapse“ oder den Splatter-Film „Freitag, der 13.“ hatte, verweigerte die Ausstrahlung und sorgte für einen unbezahlbaren Marketing-Effekt. Die vegetarischen Schönen wurden nun erst recht im Internet angeklickt und bescherten zahllosen jungen Männern leidenschaftliche Nachtgedanken an Brokkoli. Für nicht ganz so testosterongesteuerte Nicht-Vegetarier barg die Botschaft des Spots dagegen eine deprimierende Neuigkeit. Nach den vielen guten ethischen und klimapolitischen Gründen für den Fleischverzicht, nun also auch noch das: »Vegetarians have better Sex.«

Reicht es denn nicht, dass Vegetarier auf eine Ehrengalerie aus Mahatma Gandhi, Kate Winslet und Brad Pitt blicken dürfen? Die Currywurstfraktion hat Boris Becker und Gerhard Schröder. Im Umfeld des modernen, von ökologischen Werten geleiteten Menschen gibt es so etwas wie eine Hierarchie der Essmoral: Auf der untersten Stufe stehen diejenigen, die Eisbeine und Schweinenackensteaks in sich hineinzwängen, bis sich ihre Physiognomie den verzehrten Tieren anzunähern scheint. Ein Stück darüber rangieren die Teilzeitvegetarier. Sie knabbern zwar tapfer ihren Salat, essen auch schon mal einen Möhrenauflauf, lassen sich aber alle paar Tage doch wieder von Fleischeslust übermannen.

Vegetariern, die akribisch die Schinkenwürfelchen aus dem Eintopf herausfingern und jedweden Wurstdurst überwunden haben, fehlt nur noch eine Stufe zur nächsten, der veganen Erleuchtung. Auf Veganer, die auf tierische Produkte aller Art verzichten, dürfte folgende Studie zum Thema Essen und Klimawandel ähnliche Wirkungen entfalten wie der Vegetarier-Sexspot auf pubertierende Jungs. Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) hat die durch unsere Ernährung verursachten jährlichen CO2-Emissionen auf eine Fahrtstrecke in einem BMW umgerechnet. Der Fleischesser kommt dabei auf 4 758 Kilometer.

Ein Veganer schlägt mit 629 Kilometern zu Buche. Veganer, die sich in Bioqualität ernähren, schaffen mit 281 Kilometern beinahe Klimaneutralität. In der Sphäre über den Veganern thront nur noch der Essheilige, der Kurt, wie ich ihn nenne, weil ich mal einen Kurt getroffen habe, für den Veganer angepasste Weicheier sind. Kurt, ein altersloser, hagerer Mann mit ledriger Haut, lehnt Landwirtschaft als Zivilisationskrankheit ab und isst nur das, was er im Wald und auf der Wiese findet. Wer - wie er - niemals Tiere mit den Zähnen zerreißen würde, der rupft auch kein Gemüse aus dem Acker oder Beeren aus dem Strauch. Im Herbst sitzt Kurt manchmal unter einem Apfelbaum und wartet, bis einer runterfällt. Ich habe mich nicht getraut, ihn zu fragen, was er tut, wenn er auf den Wurm beißt.

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