Der politische Wille fehlt - Schrot und Korn

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Der politische Wille fehlt

Jakob von Uexküll stiftete den Alternativen Nobelpreis und hat sein Leben in den Dienst einer besseren Zukunft gestellt. Viel Zeit, für unsere Kinder zu retten, was wir noch haben, bleibt seiner Meinung nach nicht mehr. // Martin Fütterer, Fotos: Peter Boettcher

UexküllHerr Uexküll, wie schlägt sich der von Ihnen 1980 gestiftete Alternative Nobelpreis gegenüber dem „konventionellen“ Vorbild?

Immer besser! Die Nobelstiftung hat einen großen Fehler gemacht, als sie keine Auszeichnung für Leistungen auf den Gebieten Armutsbekämpfung und Umwelt schaffen wollte. Diese Themen werden immer wichtiger. Eine schwedische Politikerin hat gesagt, der Nobelpreis war der Preis für das vergangene Jahrhundert, der Alternative Nobelpreis ist der Preis für das beginnende Jahrtausend.

Was haben die Preisträger davon?

Der Preis kann ihr Leben und ihre Freiheit schützen, genauer gesagt die Bekanntheit, die sie dadurch bekommen. Das hat der Preis in etlichen Fällen schon geleistet. Außerdem öffnet er Türen. Oder wie ein Preisträger aus Kolumbien sagte: Ohne den Preis war ich ein einfacher Bauer und wurde vom Pförtner abgewiesen. Mit dem Preis machte mir der Minister persönlich die Türe auf.

Uexküll„Wir müssen auf schlechte Angewohnheiten verzichten, mit denen wir uns schaden oder die ethisch nicht länger akzeptabel sind.“

Einige Ihrer Preisträger engagieren sich derzeit in Sachen Hungerkrisen. Haben wir wirklich nicht mehr genug zu essen?

Es sieht so aus. Das Klimachaos verschärft in vielen Gebieten der Erde die Wasserknappheit, die Ernten gehen zurück. Und es gibt eine neue Konkurrenz. Bisher haben die Menschen der Dritten Welt mit den Rindern konkurriert, für deren Futter ihre Nahrungsmittel knapp wurden. Jetzt müssen sie auch noch mit Autos konkurrieren, wenn der Export von Biotreibstoff mehr bringt als der Anbau von Nahrung.

Gilt der Ausspruch Ihrer Preisträgerin Frances Moore-Lappé noch, dass nicht der Mangel an Nahrung das Problem ist, sondern der Mangel an Demokratie?

In jedem Fall. Die Ursache für Hunger ist nicht in erster Linie Nahrungsknappheit, sondern Armut und der mangelnde politische Einfluss der Armen. Es ist genug da, aber viele können es sich nicht leisten. Es gibt ein Menschenrecht auf Nahrung, aber das ist kaum irgendwo umgesetzt.

Wäre es denn umzusetzen?

Schon drei Prozent weniger Fleischkonsum in den Industrieländern würde dazu führen, dass eine Milliarde Menschen weniger hungern. Allein das Futter für eine Katze in den USA braucht so viel Anbaufläche wie das Essen für einen Menschen in Costa Rica.

Lange haben wir von der umweltfreundlichen Energie vom Acker geträumt. Kaum wird ernsthaft damit begonnen, gibt‘s eine Hungerkrise. Ist der Traum ausgeträumt?

Vielleicht nicht ganz. Wo Essen wachsen kann, sollte man Essen anbauen. Aber wo Standorte für die Nahrungsmittelproduktion nicht geeignet sind, kann man durchaus Energieträger anbauen.

Wie können wir unseren Energiebedarf klimaschonend decken?

In erster Linie durch Sonnenenergie, aktiv durch Fotovoltaik, passiv durch die Erhitzung von Wasser. Ergänzt durch Wind- und Gezeitenkraftwerke. All diesen Energieformen ist gemeinsam, dass verschwendet ist, was wir nicht nutzen. Die Sonne von heute kann ich morgen nicht mehr einfangen. Bei den fossilen Energieträgern ist es umgekehrt: Verschwendet ist, was wir nutzen, denn wir können es nicht ersetzen. Im Übrigen können wir nicht warten.

Worauf können wir nicht warten?

Dass Solarenergie durch technologischen Fortschritt so billig wird, wie wir das gerne hätten. Der Übergang auf Solarwirtschaft verschlingt erst einmal mehr Energie in der Produktion der Anlagen, als Solarenergie bereitstellen kann. Dafür brauchen wir fossile Energie. Wenn wir zu lange warten, haben wir nicht mehr genug davon. Der Übergang wird dann unmöglich.

Können wir uns Bioanbau noch leisten? Immerhin erbringt er geringere Erträge.

Die Erträge sind doch oft vergleichbar.

Nur auf sehr guten Böden.

Böden können besser gemacht werden – gerade durch Bioanbau. Die konventionelle Landwirtschaft ist jedenfalls keine Lösung, die grüne Revolution ist am Ende angekommen, die Erträge steigen auch bei immer größeren Düngergaben nicht mehr, sie sinken sogar. Die Bauern können sich in vielen Teilen der Welt Dünger und Pestizide nicht mehr leisten. Mit Bioanbau hingegen können sie oft die Wirtschaftlichkeit wieder erreichen. Auch die Klimakosten der energieintensiven konventionellen Landwirtschaft können wir uns nicht mehr leisten. Bioanbau hingegen kann durch Aufbau der Humusschicht sogar CO2 binden. Mit Bio kann genug Nahrung für alle erzeugt werden, wenn sie fair verteilt wird. Unseren Fleischkonsum allerdings werden wir reduzieren müssen.

Müssen wir im Norden verzichten, damit es für alle reicht?

Mit Sicherheit.

Welche Regierung würde mit einer solchen Botschaft noch gewählt?

Die Alternative ist eine Katastrophe.

Die ist aber noch nicht so greifbar, dass sie sich in Wahlbereitschaft manifestiert.

In Australien werden wegen zunehmender Trockenheit ganze Städte aufgegeben. Barcelona muss Wasser per Schiff beziehen. Die Auswirkungen sind sehr wohl greifbar. Es fehlen aber der politische Wille und die Führung. Roosevelt hätte einen Separatfrieden mit Deutschland schließen können. Stattdessen hat er Deutschland den Krieg erklärt, die amerikanische Wirtschaft wurde in wenigen Monaten auf Kriegswirtschaft umgestellt und es war Ehrensache für jeden Amerikaner, dazu beizutragen. Mit dem entsprechenden Willen sind also große Veränderungen in kurzer Zeit möglich, auch wenn Menschen dafür materiellen Lebensstandard hergeben müssen.

Auf was müssten wir denn noch verzichten, außer auf Fleisch?

Zum Beispiel weitgehend auf Flugreisen und einen großen Teil des Individualverkehrs. Ein Teil müsste hoch besteuert werden, ein Teil direkt verboten. Im Übrigen muss materieller Verzicht nicht bedeuten, auf Lebensqualität zu verzichten. Wir müssen auf schlechte Angewohnheiten verzichten, mit denen wir uns schaden oder die ethisch nicht länger akzeptabel sind. Dabei müssen die Menschen das Gefühl haben, dass sich ihr Verzicht lohnt und sie Teil einer großen Anstrengung aller sind. Wenn sie aufs Autofahren verzichten, ist es sehr demotivierend, wenn die Fabrik in der Nachbarschaft weiter CO2 ausstoßen darf.

Engagement für eine bessere Zukunft

Uexküll
Jakob von Uexküll ist der schwedisch-deutsche Stifter des Right Livelihood Award (Alternativer Nobelpreis). Ursprünglich hatte er der Nobelstiftung vorgeschlagen, einen Preis für ökologische Themen zu verleihen. Als diese ablehnte, kürte er 1980 selbst zwei geeignete Preisträger. 1985 kam die Einladung, die Verleihung im schwedischen Parlament durchzuführen. 2007 gründete von Uexküll den World Future Council (Weltzukunftsrat), dessen Mitglieder Politiker bei ökologischen und sozialen Themen beraten.

BuchtippBuchtipp

von Uexküll, Jakob:
Das sind wir unsern Kindern schuldig.

Europäische Verlagsanstalt, 2007,
148 Seiten,
16,90 Euro

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Sabine Kaiser
Danke für diesen Artikel und für den Mut zur Ehrlichkeit und Authentizität von Jakob von Uexküll. Ich wünsche mir, dass es mehr solche Menschen gibt, die sich nicht korrumpieren, resignieren und vermarkten lassen, die Humanität und Courage zeigen für uns und unsere Kinder!