Die Vielfalt retten - Schrot und Korn

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Die Vielfalt retten

5000 Menschen aus 189 Staaten treffen sich am 19. Mai in Bonn. Bei der „9. Vertragsstaatenkonferenz der Konvention über die biologische Vielfalt“ steht der Schutz der Arten im Mittelpunkt. Und definitiv geht es um mehr als das Fortbestehen von Orang-Utan & Co. Es geht um unser eigenes Überleben. // Leo Frühschütz

In Kalimantan kreischen die Kettensägen. Täglich roden Holzfäller im indonesischen Teil der Insel Borneo Hunderte Hektar tropischen Regenwaldes. Sie verkaufen das Holz und schaffen Platz für Palmölplantagen. 26 Millionen Hektar Wald wollen indonesische und internationale Konzerne in Kalimantan und anderen Teilen Indonesiens in den nächsten Jahren in Palmöl-Monokulturen umwandeln. Das entspricht der Fläche von Groß-britannien. Das Palmöl soll den Energiedurst der Industriestaaten und Chinas stillen. Der Kahlschlag in Indonesien ist nur ein Beispiel dafür, wie schnell die Menschen in ihrer Gier nach Geld und Rohstoffen ganze Ökosysteme vernichten. Jedes Jahr fallen nach Angaben der Umweltorganisation Greenpeace 150 000 Quadratkilometer Orang-Utan-Wald den Motorsägen zum Opfer, eine Fläche, rund drei Mal so groß wie die Schweiz. 1 000-jährige Urwaldriesen enden als Gartenstühle, billiges Bauholz oder Papierzellstoff; sie machen Platz für Sojafelder, Rinderweiden und Palmölplantagen.

Wälder besonders gefährdet

Der Schutz der Wälder steht weit oben auf der Tagesordnung, wenn vom 19. bis 30. Mai die Delegierten der UNO-Konferenz in Bonn über Biodiversität diskutieren. Denn die Wälder sind die artenreichsten Lebensräume der Welt und besonders gefährdet. Doch auch andernorts dezimieren die Menschen die Vielfalt des Lebens. Sie plündern die Meere, missbrauchen Flüsse als Abwasserkanäle und betonieren die Landschaft zu mit immer neuen Industriegebieten und Eigenheimsiedlungen.

„Der Rückgang der biologischen Vielfalt schreitet rasch und unaufhaltsam voran. In den letzten 50 Jahren hat der Mensch die Ökosysteme schneller und stärker verändert als in irgendeinem anderen vergleichbaren Zeitraum der Menschheitsgeschichte“, schreibt Ahmed Djoghlaf. Er muss als Exekutivsekretär der Biodiversitäts-Konvention dafür sorgen, dass die Staaten die Buchstaben dieses Vertragswerks in die Realität umsetzen.

Verabschiedet wurde die UN-Konvention über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity – CBD) 1992 auf der Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro. Die 189 Staaten und die EU, die die Konvention unterzeichnet haben, verpflichten sich auf drei Ziele: Sie müssen die biologische Vielfalt erhalten, zu ihrer nachhaltigen Nutzung beitragen und für einen gerechten und fairen Ausgleich der finanziellen Vorteile aus der Nutzung der biologischen Vielfalt sorgen.

Die Delegierten dieser Staaten treffen sich alle zwei Jahre zu einer Konferenz (COP). Dabei beraten und beschließen sie, wie die allgemein formulierten Artikel der Konvention konkret ausgestaltet und umgesetzt werden sollen.

Weit gekommen sind sie noch nicht. „Bis zum Jahr 2010 soll ein weltweites Netz aus Schutzgebieten existieren, doch es fehlt am guten Willen dafür“, kritisiert Günter Mitlacher vom Forum Umwelt und Entwicklung. Er koordiniert die Aktivitäten der deutschen Umweltverbände und entwicklungspolitischen Organisationen zur UN-Konferenz. Der Druck, in Bonn Fortschritte zu erzielen, sei so hoch wie nie zuvor, sagt Mitlacher. Denn die Konvention gibt das Ziel vor, bis 2010 den weltweiten Verlust an Biodiversität deutlich zu verringern. Er erwartet, „dass die Staaten bekennen müssen, welche Gebiete sie bis 2010 in ein globales Netz der Schutzgebiete einbringen werden“.

Arme wollen auch verdienen

Der Knackpunkt ist das Geld. „Die Entwicklungsländer sagen mit einem gewissen Recht, ihr habt eure Wälder plattgemacht und seid dabei reich geworden. Von uns verlangt ihr, unsere Wälder unter Schutz zu stellen“, beschreibt Mitlacher deren Position und nennt Ecuador als Beispiel. Der südamerikanische Staat will nur dann auf Erdölbohrungen im Regenwald verzichten, wenn die Weltgemeinschaft ihn für die Erlöse entschädigt, die das Öl bringen würde. Das Geld müsste von den reichen Industrienationen kommen und die zieren sich. Als Bremser gelten vor allem die USA, die die Konvention zwar unterzeichnet, aber nicht völkerrechtlich verbindlich ratifiziert haben. Damit sind sie Verhandlungspartner, aber nicht zur Umsetzung der Konventionsziele verpflichtet.

Streit ums Geld gibt es auch bei der Forderung der Konvention, die Gewinne aus der Nutzung genetischer Ressourcen gerecht zu verteilen. Wenn Pharmakonzerne aus exotischen Heilpflanzen neue Wirkstoffe entwickeln, dann sollen auch die einheimischen Völker mitbestimmen und daran verdienen. Denn sie haben das traditionelle Wissen über diese Pflanzen jahrhundertelang bewahrt und deren Lebensraum gepflegt. Gleiches gilt für Kleinbauern und ihre traditionellen Pflanzensorten, die wegen ihrer Resistenzen und Widerstandskraft bei Pflanzenzüchtern gefragt sind. Hier sind es die großen Agrar- und Gentechnikkonzerne, die eine Umsetzung der Konvention hintertreiben. Die Entwicklungsorganisationen nennen sie „Biopiraten“, weil sie sich das Erbgut der Arten unentgeltlich unter den Nagel reißen wollen und es sich oft noch patentieren lassen.

Für Günter Mitlacher und die von ihm koordinierten Verbände ist die Konferenz in Bonn eine große Chance, Aufmerksamkeit für das Thema Biodiversität zu wecken. „Der Schutz der Vielfalt ist neben dem Klimawandel das zweite große Thema für die Zukunft der Menschheit.“ Doch bei vielen genießt die Biodiversität noch lange nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie das Klima. Das mag daran liegen, dass Biodiversität mit dem Schutz einzelner Tierarten wie Tiger, Orang-Utan oder Braunbär gleichgesetzt wird. Einzelnen Arten lässt sich oft mit gezielten Maßnahmen helfen: Man weist Schutzzonen aus, bewacht Brutgebiete oder wildert Tiere aus. Solchem Engagement ist es zu verdanken, dass bei uns wieder mehr Adler brüten und Biber ihre Dämme bauen.

Der Sinn hinter dem Begriff

Doch Biodiversität ist komplexer. Der Begriff bezieht sich nicht nur auf einzelne Spezies, sondern umfasst beispielsweise auch die Gleichmäßigkeit, mit der Individuen einer Art verteilt sind. So ist ein System, das aus zehn Arten besteht, von denen jede durch zehn Individuen vertreten ist, „diverser“ als eines mit ebenso vielen Arten, von denen aber eine durch 91 Individuen vertreten ist und alle anderen nur durch eines.

Und Vielfalt ist notwendig, damit unsere natürliche Umwelt all die Leistungen erbringen kann, die wir ganz selbstverständlich entgegennehmen. Dazu zählen Rohstoffe und Nahrung für Mensch und Tier ebenso wie saubere Luft und Erholung (siehe unten). „Die biologische Vielfalt stellt das Fundament dar, von dem menschliches Leben in seiner Gänze abhängt“, schreibt Ahmed Djoghlaf in der Einleitung der UN-Studie „Die Lage der biologischen Vielfalt“. Die Studie stellt fest, dass das Fundament bröckelt. Schuld daran ist eindeutig der Mensch.

Die Lösung

Den Gefahren wird man nicht mit einfachen Lösungen Herr. Um die Vielfalt zu erhalten, braucht es ein Netzwerk aus vielen Ideen und Aktiven. Absichtserklärungen alleine sind zu wenig, meint Ahmed Djoghlaf: „Es wird Zeit, unsere Hoffnungen und Energien in praktisches Handeln zum Wohle allen Lebens auf Erden umzusetzen.“

Festival und Demo

Zur Konferenz in Bonn gibt es vom 12. bis 16. Mai auch ein Festival. Die Intention: Die Vielfalt des Lebens soll gefeiert werden. Geboten sind „Theater, Musik, Tiere, Pflanzen, Saatgut, Aktionen, Tanz und Musik, Videos, Präsentationen aller Art und Pavillons aller Kontinente“.

Die Veranstalter versprechen einen „großen Spaß für Groß und Klein“. Auf dem Programm steht aber auch eine Demo mit ernstem Hintergrund: So will man etwa „das Menschenrecht auf ausreichende, vielfältige und gesunde Ernährung“ einfordern.

Klein, aber oho

Unscheinbare, aber wichtige Ökosysteme sind etwa die Lebensgemeinschaften von Bakterien, die sich wie ein Teppich am Boden der Ostsee erstrecken. Ein Teil der Organismen in diesen mikrobiellen Matten baut aus Sonnenlicht und Kohlendioxid Biomasse auf. So leisten sie einen wichtigen Beitrag zum Kohlenstoffkreislauf.

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