"Beruf kommt von Ruf" - Schrot und Korn

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"Beruf kommt von Ruf"

Einst Aussteigerin, heute Geschäftsführerin des Bio-Unternehmens Zwergenwiese: Susanne Schöning ist immer in Bewegung. Aktuell betreibt sie auch eines von Deutschlands interessantesten Städtebauprojekten. // Martin Fütterer, Fotos Thomas Langreder

SchöningFrau Schöning, was ist eine Kulturtherme? Den Begriff findet nicht einmal Google …

Es ist eine Weltneuheit: Man schwebt in einem Becken mit körperwarmem Salzwasser. Hat man die Ohren unter Wasser, hört man Musik. Hat man die Augen offen, erblickt man in der großen Kuppel den Sternenhimmel, einen Sonnenuntergang oder eine andere 3-D-Projektion. Dann liegt man warm im Wasser, während echte Schneeflocken oder Herbstlaub vom Himmel zu fallen scheinen. Man kann einfach entspannen, aber es wird auch Heilanwendungen geben.

Das existiert aber noch nicht, oder?

Nein. Die Kulturtherme gehört zu dem Wohn- und Kulturprojekt „Auf der Freiheit“, das in der Stadt Schleswig entstehen wird. Es liegt direkt am Wasser der Schlei und war die letzten 70 Jahre militärisches Sperrgebiet. Jetzt soll auf den 56 Hektar ein neues Stadtviertel wachsen.

Was ist geplant?

Häuser und Wohnungen für rund 1 300 Menschen. Sehr wichtig sind mir dabei gute Nachbarschaftskonzepte und generationsübergreifendes Zusammenleben. Es wird dort ein Heilkundeinstitut geben, in dem sowohl Patienten behandelt als auch Spezialisten und Fachkräfte aus- und fortgebildet werden. Auch Kongresse sind geplant. In den modernen ehemaligen Werkshallen der Bundeswehr sind großzügige Ateliers vorgesehen, mit dazugehörigen Wohnungen. In dieser Künstlerkolonie sind der Kreativität dann keine Grenzen gesetzt. Eine Schule haben wir schon, das ist ein nagelneues dänisches Gymnasium, eine gefragte Schulform nicht nur für die dänische Minderheit im Norden von Schleswig-Holstein. Erste „Fremdsprache“: Deutsch. Dann haben wir ja zwei Kilometer Ufer zur Schlei, einem Meeresarm der Ostsee mit Badestrand und Sporthafen, und nicht zuletzt Wohnen direkt am Wasser. Ach ja, und ein Zen-Meditationszentrum.

Schöning
Susanne Schöning und Autor Martin Fütterer trafen sich auf der Biofach in Nürnberg.

Sie haben mit einer kleinen Projektfirma das Gelände gekauft und stehen voll in der Verantwortung. Eigentlich machen Sie doch Brotaufstriche. Wie geht das?

Vegetarische Brotaufstriche sind immer noch mein Hauptberuf. Und ich will ja selbst nicht bauen, darum kümmern sich unsere Partner, die auf diesem Gebiet Erfahrung haben. Mein Ziel ist ein besonderes Stadtviertel, in dem Jung und Alt, Kunst und Wissenschaft, Schulmedizin und Alternativmedizin, Einheimische und Besucher, Familien und Singles, Ruhe und Spektakel, Land und Meer, Landschaft und Urbanität zusammenwirken. Natürlich muss die Bauplanung dazu beitragen. Aber das Spannende werden die Menschen sein, die dort wohnen, und wie sie ihre Gemeinschaft organisieren. Da möchte ich unbedingt dabei sein!

Schöning

Werden Sie also selbst dort einziehen?

So kam ich ja überhaupt zu dem Projekt. Ich habe als Zwanzigjährige in einer Landkommune gelebt, mit Selbstversorgung und Aussteigen. Ich fühlte mich sehr wohl dabei. Dann habe ich lange mit der eigenen Familie gewohnt und jetzt ist mal wieder Gemeinschaft dran. Dachte ich. Und stieß in meiner Nachbarschaft auf dieses Gelände, für das die Stadt ein Konzept und einen Betreiber suchte. Ist halt gleich ein bisschen groß geworden, die neue Wohngemeinschaft …

Das klingt sehr spontan. Machen Sie keine Pläne?

Nicht wirklich. Die Dinge im Leben ergeben sich. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Unternehmerin werde. Da habe ich mich ja geradezu zu meinem eigenen „Feindbild“ entwickelt. Als junge Aussteigerin war ich der naiven Meinung, Unternehmen seien grundsätzlich Bonzen und Ausbeuter. Deswegen ja Selbstversorgung und Kommune – keine Beteiligung an Konsumwahnsinn und der allgemeinen Sinnlosigkeit.

Aber das ließ sich nicht halten…

Nein, man kann aus dieser Welt nicht aussteigen. Man muss versuchen, sie besser zu machen, aktiv zu sein und etwas zu unternehmen.

Dann denken Sie heute anders über Unternehmen?

Natürlich! Sie sind eine großartige Möglichkeit, Dinge in Bewegung zu bringen. Viel schneller und vor allem effizienter als mit Politik. Als Unternehmer habe ich außerdem die Möglichkeit, ein Unternehmen fair und verantwortungsbewusst zu führen. Solche Unternehmen gab es früher natürlich auch schon, nur wollte ich das nicht wahrhaben.

Findet man diese Einstellung nur in der Biobranche?

Nein. Ich habe inzwischen ja auch andere Unternehmen kennengelernt, insbesondere unsere Geschäftspartner aus den Bereichen Verpackung, Maschinen und Technik. Gerade von den Familienunternehmen habe ich viel gelernt.

Sie produzieren inzwischen auch für den allgemeinen Handel. Ist der fair und verantwortungsbewusst?

Viele Einkäufer aus dem Discountbereich sind ausschließlich auf den Preis fixiert. Dass der Billigere das vielleicht nicht durchhält, ist ihnen egal. Leider findet sich immer einer, der billiger anbieten will oder muss, zum Beispiel, weil er gerade viel investiert hat und jedes verkaufte Glas dann zählt, auch wenn es nicht den vollen Preis bringt.

Ist das nicht ein Nachteil an der Unternehmerrolle – der Maßstab Geld?

So sind nun mal die Spielregeln der Wirtschaft. Man kann damit hadern oder akzeptieren: Am Ende muss die Rechnung aufgehen oder – das wars!

Was wird in zehn Jahren sein?

Das Bauprojekt ist dann fertig. Und dann? Das ist wie im Märchen von Frau Holle: Da ruft der Apfelbaum „Schüttel mich!“ und das Brot ruft „Hol mich aus dem Ofen!“. Irgendetwas ruft, weil es getan werden muss. Wer es dann um seiner selbst willen tut, wird Goldmarie, wer es um des Goldes willen tut, wird Pechmarie. Beruf kommt von Ruf – und auch Berufung. Wir werden sehen.

Das klingt so einfach – sind Sie mit dieser Einstellung nie in Krisen geraten?

Mit Sensationen kann ich da leider nicht aufwarten. Natürlich habe ich oft sehr hart gearbeitet.

Und bei dem Bauprojekt?

Wenn ein Geschäft allen Seiten Vorteile bringt, dann schließt man es ab – das bin ich als Unternehmer so gewöhnt. Aber Politik und Verwaltung scheinen nicht so zu funktionieren. Das war neu für mich. Da musste ich ein sehr hartes Stück Überzeugungsarbeit leisten. Aber das ist jetzt geschafft.

Zur Person

1979 kaufte Susanne Schöning mit Freunden einen Bauernhof und setzte auf ökologische Landwirtschaft und Selbstversorgung. Mit der Zeit lernte sie viel übers Einmachen und entwickelte vegetarische Brotaufstriche. Aus dem Hobby wurde die Firma Zwergenwiese in der Nähe von Schleswig mit heute 50 Mitarbeitern. 2005 schrieb die Stadt Schleswig das ehemalige Militärgelände „Auf der Freiheit“ zum Verkauf aus. Susanne Schöning erhielt mit ihrer Projektfirma Team Vivendi den Zuschlag, obwohl sie nicht die Höchstbietenden waren. Ausschlaggebend war der Ansatz eines lebendigen Stadtteils, in dem Wohnen, Arbeiten, Kunst und Gesundheitsangebote eine Verbindung eingehen, von der sich Schleswig Impulse für die Stadtentwicklung erhofft.

Wohnen am Fluss

SchöningDas ehemalige Militärgelände liegt an der Schlei, einem flußartigen Arm der Ostsee, und ist landschaftlich sehr reizvoll. Es soll Rückzugsmöglichkeiten ebenso bieten wie Gemeinschaft. Privaten ebenso wie öffentlichen Raum.

www.auf-der-freiheit.de

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A. Sieben-Schroth
Frau Schöning bringt verschiedene Ebenen zusammen , integriert sie auf lebendige und machbare Weise. Das habe ich gesucht und in dem Artikel trefflich gefunden. Es ist ein Modell der Machbarkeit in kleinen Schritten, an der Realität orientiert, aus eigener Erfahrung, harter Arbeit und Zuversicht vereint mit Ökosinn, Nutzen für alle, zusammengestellt. Welch ein Glück das es sowas gibt.
apfelrot
Solche BIOGRAFISCHEN Beiträge finde ich besonders toll - DANKE!