Wie riskant ist „ gut“ verpackt? - Schrot und Korn

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Wie riskant ist „ gut“ verpackt?

Weichmacher im Pesto, Druckfarben im Saft. Wenn solche Stoffe aus der Verpackung in die Lebensmittel gelangen, ist die Aufregung groß. Ganz ausschalten lässt sich das Risiko nicht. // Leo Frühschütz

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Im Herbst 2005 lernten die Deutschen eine neue Abkürzung kennen: ITX. Das steht für Isopropylthioxanthon, ein Bestandteil von Druckfarben. Er sorgt dafür, dass die Farbe schnell trocknet, wenn sie mit UV-Licht bestrahlt wird. Dadurch kann man auf problematische Lösemittel in den Farben verzichten. Beim Bedrucken von Lebensmittelpackstoffen ist die UV-Härtung weitverbreitet. Nur leider blieb das ITX nicht in der Farbe. Es wanderte ins Lebensmittel. Labore wiesen Spuren in Babymilch, Fruchtsäften und anderen in Verbundkarton verpackten Produkten nach. Die Kunden waren entsetzt, Hersteller riefen ihre Ware zurück. Der Schaden ging in die Millionen. Auch die Biobranche war betroffen. Denn für viele Verpackungen gibt es nur wenige Hersteller, die die ganze Lebensmittelbranche beliefern.

Verpackungen sollen das Lebensmittel schützen, haltbarer machen und appetitlich präsentieren. Sie bieten Platz für Informationen und sollen den Transport erleichtern. Dabei kommen sie in direkten und ständigen Kontakt mit dem Inhalt. Wechselwirkungen zwischen Verpackung und Lebensmittel sind nichts Neues. In der Antike litten viele reiche Römer an chronischer Bleivergiftung. Der säurehaltige Wein löste das giftige Schwermetall aus der Lasierung der Amphoren.

Problematische Stoffwanderung

So gefährlich sind heutige Verpackungen nicht. Doch auch sie enthalten Stoffe, die problematisch werden können. Dabei sollen diese Substanzen eigentlich dazu beitragen, dass moderne Lebensmittelverpackungen ihre vielfältigen Aufgaben möglichst gut erfüllen.

Das gilt zum Beispiel für die Dichtungen von Schraubverschlüssen. Sie halten die Gläschen monatelang dicht. Schimmelpilzsporen und Bakterien bleiben außen vor. Doch sie enthalten leider auch zahlreiche Stoffe, die in das Lebensmittel wandern und so für Schlagzeilen sorgen.

999 ungeprüpfte Substanzen

2003 entdeckten Lebensmittelkontrolleure in Babykostgläschen zufällig das im Tierversuch krebserregende Semicarbazid. Es war ein Abbauprodukt des Aufschäummittels, das die Dichtungen in Form brachte. Ein Jahr später kam 2-EHA (Ethylhexansäure) dazu. Die Substanz sorgt dafür, dass die Dichtungen die hohen Temperaturen beim Sterilisieren der Gläschen gut überstehen. Doch sie steht auch im Verdacht, Embryonen zu schädigen. 2006 machten hormonell wirksame Phthalate in Olivenöl und Pesto Schlagzeilen. Diese Weichmacher hielten die Dichtungen geschmeidig.

Eigentlich dürfte es solche Fälle nicht geben. Die einschlägige EU-Verordnung schreibt vor, dass Materialien, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen, so beschaffen sein sollen, dass aus ihnen möglichst keine Stoffe auf die Nahrungsmittel übergehen. Kommt dies dennoch vor, müssen die Mengen so gering sein, dass sie die menschliche Gesundheit nicht gefährden. Das umzusetzen ist schwierig.

Denn eine Verpackung besteht nicht einfach aus Plastik oder Pappe, sondern aus verschiedensten Einzelstoffen. Allein für die Herstellung der Druckfarben kommen über 1 000 Substanzen in Frage. „Ein Großteil davon ist ungeprüft; es liegen keine Daten vor, die ihre gesundheitliche Bewertung erlauben“, schrieb etwa das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) nach dem ITX-Skandal. Dass die großen Verpackungshersteller auf ITX-freie Farben umgestellt haben, hilft also nicht wirklich weiter. Es bleiben 999 andere ungeprüfte Substanzen.

Problem: Messmethode

Besser erforscht und geregelt sind die vielen Zusätze in Kunststoffen. Hier sind die Messmethoden das Problem, mit denen vorab ermittelt werden soll, ob Inhaltsstoffe aus dem Plastik ins Lebensmittel übergehen. Für solche Versuche verwendet man keine echten Lebensmittel, sondern sogenannte Simulanzien. Zum Beispiel Wasser mit einem Schuss Essigsäure oder reines Olivenöl. In einem großen EU-Forschungsprojekt namens Foodmigrosure stellte sich heraus, dass diese Methoden die tatsächlich herausgelöste Menge oft deutlich unterschätzen. Außerdem funktionieren sie nur mit Flüssigkeiten oder Ölen. Doch auch trockene Lebensmittel wie Backmischungen oder Semmelbrösel können Inhaltsstoffe aus der Verpackung aufnehmen. Im Sommer 2007 berichtete das BfR, dass in kartonverpackten Lebensmitteln die Chemikalie Diisobutylphthalat (DiBP) in einer Konzentration von bis zu fünf Milligramm je Kilogramm nachgewiesen wurde. Der Weichmacher kommt in Klebern für Papier vor und gelangt nicht nur über geklebte Stellen in die Verpackungen, sondern vor allem über das Papier-Recycling. Denn Papptüten und Faltschachteln bestehen meist komplett aus Altpapier. Auf Druck der Behörden haben sich die Hersteller und Verarbeiter von Papier, Pappe und Klebstoffen freiwillig dazu verpflichtet, auf Kleber mit DiBP zu verzichten.

Roland Franz erforscht am Fraunhofer Institut Verfahrenstechnik und Verpackung seit vielen Jahren die Wechselwirkung zwischen Verpackungen und den in ihnen enthaltenen Lebensmitteln. Das Projekt Foodmigrosure koordinierte er außerdem und ist sich sicher, dass die EU daraus Konsequenzen zieht und die gesetzlichen Bestimmungen verbessert. Doch die neuen Regelungen werden vor allem für Kunststoffe gelten, während andere Verpackungsmaterialien noch länger ungeregelt bleiben. In einem weiteren Forschungsprojekt arbeitet Roland Franz mit mittelständischen Unternehmen daran, den Übergang von Klebstoffen in die Verpackungen zu verringern. „Vor allem die Verpackungshersteller haben ein großes Interesse daran, solche Probleme dauerhaft zu lösen.“

Macht Alu Alzheimer?

Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht keinen Zusammenhang zwischen Aluminiumaufnahme und Alzheimer. Wer jedoch sichergehen will, lagert Apfelmus, Salzhering und andere säure- oder salz­haltigen Lebensmittel besser nicht in aluminiumhaltigen Gefäßen. Salz und Säure erhöhen die Löslichkeit von Aluminium.

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