spezial: Impfen - Schrot und Korn

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spezial: Impfen

Schutz mit Nebenwirkungen

Seit der Engländer Edward Jenner vor gut 200 Jahren die Pockenimpfung erfand, streiten Befürworter und Impfkritiker, deren Zahl klein ist, über den Sinn von Impfungen. Entscheiden müssen die Leute selbst. Dieses Spezial hilft abzuwägen. // Leo Frühschütz

Als Brigitte Holzbauer die ersten roten Punkte sah, war alles klar. Vor zwei Tagen hatte die Schule mitgeteilt, dass die Masern ausgebrochen seien. Nun hatte es also auch ihre Tochter Sophie erwischt. Eine Überraschung war es keine. Brigitte Holzbauer hatte die 8-Jährige nicht gegen Masern impfen lassen. „Ich will, dass meine Kinder die gängigen Kinderkrankheiten durchmachen. Das gehört zum

Leben.“ Sophie überstand die Krankheit problemlos. Ihre eineinhalbjährige Schwester Johanna steckte sich damals nicht an, zum Erstaunen der Hausärztin. Brigitte Holzbauer hatte der Kleinen homöopathische Masern-Nosoden gegeben.

Während Sophie im Bett lag, machte ihre damalige Schule, die Montessori-Schule im oberbayerischen Peißenberg, Schlagzeilen. Sie war einer der Brennpunkte des oberbayerischen Masernausbruches, der im Juni 2005 auch die Medien infizierte. „Die machten eine Panik, als sei die Pest ausgebrochen. Und wir standen als verantwortungslose Rabeneltern am Pranger, weil unsere Kinder nicht geimpft waren“, erinnert sich Brigitte Holzbauer. Am meisten geärgert hat sie sich über die Lüge, dass die Eltern Masern-Partys gefeiert hätten, damit die Kinder sich ansteckten. „Das hatte irgendein Offizieller als unbewiesene Vermutung in die Welt gesetzt und wenig später war von München bis Hamburg zu lesen, wir hätten an der Schule fröhlich Masern-Partys gefeiert. So ein Quatsch.“

In Deutschland ist Impfen freiwillig. Es gibt keinen Impfzwang. Wohl aber herrscht ein Rechtfertigungsdruck für Ärzte und Eltern, die sich nicht nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut (RKI) richten. Das RKI ist die zuständige oberste Behörde des Bundes und die STIKO-Empfehlungen gelten als Leitlinien, nach denen sich die Ärzte richten müssen. Und mit ihnen auch die Patienten. Die meisten lassen ihre Kinder wie vorgesehen in den ersten 24 Lebensmonaten gegen 12 Krankheiten immunisieren (siehe Kasten).

Argumente der Impfkritiker

Drei bis fünf Prozent der Menschen jedoch verweigern die Impfungen, schätzt das RKI. Ihre Argumente sind sehr unterschiedlich. Da gibt es welche, die Impfungen für wirkungslos halten und die Erfolge gegen Pocken und andere Infektionskrankheiten auf verbesserte Lebensumstände und Hygiene zurückführen. Andere machen Impfungen für die Zunahme von neuromuskulären Krankheiten wie multiple Sklerose, Autoimmunerkrankungen und Drüsen-erkrankungen wie juveniler Diabetes verantwortlich. Schwierig zu erklären ist für Impfgegner, warum parallel mit der Einführung der Masernimpfung vor 40 Jahren auch Fälle dieser früher allgemein verbreiteten Kinderkrankheit fast auf Null sanken.

Die meisten Menschen, die Impfungen ganz oder teilweise ablehnen, machen dies, weil sie Krankheiten als Teil des Lebens und der individuellen Entwicklung betrachten. Der Anthroposoph Rudolf Steiner vertrat die Ansicht, dass Körper und Seele in der Auseinandersetzung mit einer Krankheit reifen. Für den Körper belegt dies auch die moderne Immunologie: Ein kleines Kind verliert mit drei bis sechs Monaten den Immunschutz, den es von der Mutter mitbekommen hat. Durch Infektionen entwickelt und trainiert es sein Immunsystem. Die übertriebene Hygiene der letzten Jahrzehnte ist für viele Allergologen ein Grund für die steigende Zahl an Allergien und Autoimmunkrankheiten wie Rheuma oder Morbus Crohn. Weil dem Immunsystem der Kleinkinder Keime und andere Sparringspartner fehlen, wendet es sich harmlosen Stoffen oder gar eigenen Körperzellen zu. „Es gibt eine Vielzahl von Hinweisen darauf, dass durchgemachte Kinderkrankheiten sich positiv auf die Gesundheit auswirken, das ist nicht nur eine Großmutter-Weisheit“, sagt der Münchner Kinderarzt Steffen Rabe. Er kennt eine Reihe von Studien, die belegen, dass Menschen, die als Kinder die Masern durchgemacht haben, deutlich seltener an Krebs erkranken.

Risiken sachlich abwägen

Steffen Rabe ist einer der „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“. Sie sind keine Impfgegner, plädieren aber für eine differenzierte und sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema Impfen. Entscheiden sollen die Leute selbst, nachdem sie die einzelnen Argumente abgewogen haben. Dabei spielt zum Beispiel die Gefährlichkeit und Häufigkeit einer Infektion eine Rolle: In diesem Jahrtausend gab es in Deutschland keinen Fall von Kinderlähmung und drei Diphterie-Erkrankungen. Tetanus kommt dagegen häufiger vor, weil der Erreger im Boden präsent ist. Ein weiteres Thema ist der Zeitpunkt für eine Impfung. Röteln sind für Kleinkinder kein Problem – jedoch für werdende Mütter, die sie bis zum Beginn ihrer Schwangerschaft nicht hatten. Gegen Röteln sowie Mumps rät Rabe, Kinder vor der Pubertät zu impfen, wenn sie die Krankheit bis dahin nicht hatten (Antikörpertest).

Kein perfekter Impfschutz

Klar sagen muss man auch, dass keine Impfung einen 100-prozentigen Schutz bietet. Es gibt immer wieder Fälle, in denen auch Geimpfte erkranken. Beim Ausbruch von Keuchhusten an einer Brandenburger Schule 2004 waren alle 14 Erkrankten korrekt geimpft worden.

Zur Abwägung gehören auch mögliche Impfschäden. Die sind nach Ansicht der STIKO verschwindend gering. Doch darüber lässt sich streiten. Jedes Jahr gehen bei der für Impfsicherheit zuständigen Bundesbehörde, dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI), 800 bis 1000 Meldungen über Verdacht auf schwerwiegende Impfkomplikationen ein. Darunter sind auch etwa 30 Todesfälle. Beim Überprüfen der Komplikationen kam die Behörde in weniger als zehn Prozent der Fälle zu dem Ergebnis, dass ein Kausalzusammenhang zwischen Impfung und Komplikation „wahrscheinlich“ sei.

Bei den Todesfällen handelte es sich nach Auffassung des PEI um zufällige zeitliche Zusammentreffen. Bezogen auf rund 50 Millionen Impfungen im Jahr wären die Komplikationen somit tatsächlich verschwindend gering. Weil die Dunkelziffer nicht bekannt ist, „kann keine Aussage über die Häufigkeit unerwünschter Reaktionen gemacht werden“, schreibt das PEI in einer Auswertung.

Impfkritiker schätzen, dass höchstens fünf Prozent der Fälle gemeldet werden, rechnen die offiziellen Zahlen hoch und schreiben in der Zeitschrift Impf-Report: „Jährlich mindestens 500 Impftote“. Der Dachverband der gesetzlichen Krankenkassen wirft der STIKO vor, „in guter Verbindung zur Industrie“ zu stehen. Gemeint ist, neben anderen, der Vorsitzende der Kommission, Professor Heinz-Josef Schmitt, der an der Universität Mainz Impfstoffversuche für Pharmakonzerne durchführt. Für die Hersteller bedeutet es steigende Umsätze, wenn eine Impfung als Standard empfohlen wird. 2004 nahm die STIKO Windpocken in den Impfkatalog auf.Sie zählen nicht gerade zu den gefährlichen ImpfenKrankheiten.

Zahl empfohlener Schutzimpfungen für Kinder

Seit 1976 ist die Zahl empfohlener Impfungen von 5 auf 12 gestiegen.

Während die STIKO 1976 emp-fahl, Kinder in den ersten zwei Jahren gegen Diphterie, Tetanus, Polio, Masern und Mumps zu impfen, rät sie seit 2005 zu folgenden 12 Impfungen: Diphterie, Hepatitis B, Enzephalitis durch Hip (Bakterium Haemophilus influenzae Typ B), Enzephalitis durch Pneumokokken, Enzephalitis durch Meningokokken, Keuchhusten, Kinderlähmung, Masern, Mumps, Röteln, Tetanus, Windpocken.

Impfen gegen Gebärmutterhalskrebs

Vor wenigen Wochen hat die STIKO die Impfung gegen HPV (Humane Papillomaviren) für junge Frauen zwischen 12 und 17 als ImpfenStandard empfohlen und damit zur Kassenleistung gemacht. Das Virus kann Gebärmutterhalskrebs auslösen. Wie wirkungsvoll die Impfung ist, kann niemand genau wissen, weil es 30 Jahre dauern kann, bis sich ein Krebsgeschwür entwickelt. Die Impfstoffe sind seit letztem Jahr auf dem Markt. Drei Impfungen kosten 465 Euro.

Teure Impfung

Die gesetzlichen Kassen müssen seit Kurzem die von der STIKO empfohlenen Impfungen bezahlen. Sie befürchten, dass sich dadurch die jährlichen Kosten auf etwa 2,5 Milliarden Euro verdreifachen werden.

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