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Neues Siegel gegen Kinderarbeit

Grabsteine aus Kinderhand

In indischen Steinbrüchen schuften Kinder unter elenden Bedingungen für deutsche Grabsteine, Tischplatten und Gartenfliesen. Ein neues Siegel soll das ändern. // Text: Claudia Mende, Fotos: Benjamin Pütter AGEH/Misereor

Drei Jungen umklammern einen Presslufthammer. Ihre Gesichter sind weiß vom Steinstaub, die schwere Maschine lässt ihre Körper vibrieren. Ohrenbetäubender Lärm schallt von den Steinwänden zurück. Bei 45 Grad im Schatten bohren sie hier Löcher in den Granitstollen. Die Jungen sind zwölf, vierzehn und fünfzehn Jahre alt. Sie arbeiten acht Stunden am Tag im Steinbruch, ohne Mundschutz oder Ohrenschützer, an den Füßen nur Gummilatschen.

Lange Zeit wusste niemand, was sich in den Steinbrüchen der Firma Enterprising Enterprises abspielt, nahe der boomenden südindischen Hafenstadt Chennai. Der indische Konzern gehört zu den zehn größten Steinproduzenten der Welt, in Indien ist er die Nummer eins beim Abbau von Steinen für den Export. Benjamin Pütter, Kinderrechtsexperte der Hilfsorganisation Misereor, hat für eine Gruppe Freiburger Steinmetze vor Ort recherchiert: „Wir wollten eigentlich nachweisen, dass es in den Exportsteinbrüchen keine Kinderarbeit gibt. Stattdessen fanden wir in jedem besuchten Steinbruch Kinder ab etwa zwölf Jahren an den 40 Kilogramm schweren Presslufthämmern und Schlagbohrern.“ Um seine Recherchen mit Bildern zu untermauern, nahm Pütter beim nächsten Besuch ein Team des Fernsehsenders Arte mit, das heimlich Film­aufnahmen machte.

Mit List in die Steinbrüche

„In den Granitsteinbrüchen gibt es keine Kinderarbeit“, hatten Verantwortliche von Enterprising Enterprises immer wieder versichert. Kinderarbeit ist in Indien illegal – es drohen Gefängnisstrafen von bis zu drei Monaten. Die Steinbrüche liegen jedoch abgelegen im Bundesstaat Tamil Nadu und werden gegen unerwünschte Zuschauer bewacht. Um Zugang zu bekommen, musste sich Pütter als Steinhändler ausgeben. Während er sich die Steine zeigen ließ, schaute sich sein indischer Kollege Jay Manoharan, von der Vereinigung indischer Steinbrucharbeiter Qwarids, um. „Bis zu zwei Drittel der Arbeiter waren Kinder unter 18 Jahren. Ihr Wochenlohn beträgt etwa 300 Rupien, das entspricht 3 Euro.“ Sie gehören zur untersten Hindu-Kaste, den „Unberührbaren“. Die 260 Millionen indischen Unberührbaren oder „Dalits“, wie sie sich selber nennen, gelten als minderwertig, weil sie Berufe ausüben, die sie mit Müll, Dreck oder Tod in Berührung bringen. Solche Arbeiten gelten als unrein.

„Moderne“ Form der Sklaverei

Menschen, die nicht lesen und schreiben können, kann man leicht über den Tisch ziehen. Die „Dalits“ müssen ihre Kinder zur Arbeit in die Steinbrüche schicken, weil sie hoch verschuldet sind. Wenn ein Familienmitglied krank wird und Kosten für einen Aufenthalt im Krankenhaus anfallen, sitzt die Familie in der Falle. Sobald sie ihren Daumen unter den Schuldschein gesetzt hat, werden der geliehenen Summe zwei Nullen angehängt. Aus 1.000 geliehenen Rupien werden so bei Vertragsabschluss 100.000 Rupien, hinzu kommt noch eine jährliche Zinsrate von 10 Prozent.

Diese in Südindien gängige Praxis ist zwar illegal, doch die Menschen haben nicht die Möglichkeit, ihre Rechte einzufordern. Es kommen Summen zustande, die sie aufgrund der niedrigen Löhne zu Lebzeiten nicht mehr abbezahlen können. Diese Schuldknechtschaft ist nichts anderes als eine moderne Form der Sklaverei. Eltern verleihen ihre Kinder dann an die Steinbruchbesitzer, um ihre Schulden abzutragen. Die Kinder leben weit entfernt von ihren Familien in Strohhütten direkt auf dem Gelände der Steinbrüche. Gelegentlich dürfen sie nach Hause fahren. Ihr Leben ist der Steinbruch. Weil sie nicht zur Schule gehen, fehlt jede Perspektive, um aus dem Kreislauf von Armut und Unwissenheit herauszukommen. „Kinder, die schutzlos dem Steinstaub ausgesetzt sind und jeden Tag dermaßen hart arbeiten“, sagt Benjamin Pütter, „haben eine Lebenserwartung von 35 Jahren. Der Steinstaub ruiniert ihre Lungen.“ Manchen fehlt der Daumen oder ein Finger, denn auch mit Sprengstoff müssen die Kinder in den Steinbrüchen umgehen.

Steine ohne Kinderarbeit

Rund 80 Prozent aller Grabsteine für deutsche Friedhöfe kommen aus Indien. Die Importware aus Fernost hat den heimischen Stein fast vollständig verdrängt, weil sie trotz des langen Transportweges konkurrenzlos billig ist. Für den deutschen Steinmetz bleibt wenig zu tun: Er setzt nur noch die Inschrift in den Grabstein, der fertig gesägt und poliert aus Chennai angeliefert wird.

Auch Natursteine für Gärten, Edelfassaden und Pflaster kommen aus Indien oder dem noch billigeren China. Benjamin Pütter und die Freiburger Steinmetze mit ihrer Initiative Signum haben die Branche aufgeschreckt. Sie haben jetzt zusammen mit dem katholischen Hilfswerk Misereor ein Gütesiegel initiiert, an dem der Kunde erkennt, dass der Grabstein „fair gehandelt“ und frei von Kinderarbeit ist. Vorbild für „Xertifix“, so der Name für das Siegel, ist das „Rugmark“ Logo für Teppiche, die ohne Kinderarbeit gewebt wurden. Ein Verbund von Hilfsorganisationen, Handel und Gewerkschaft baut derzeit ein Netz von unabhängigen Kontrollen in den Steinbrüchen Südindiens auf. Einige indische Händler haben sich unter dem Druck aus Deutschland bereit erklärt, Kontrolleure in die Steinbrüche zu lassen – die Firma Enterprising Enterprises ist nicht darunter.

Faire Steine

Xertifix„Xertifix“ heißt das Siegel, das Grabsteine kennzeichnet, die frei von Kinderarbeit sind. Welche Firmen zertifizierte Steine anbieten steht unter www.xertifix.de.

Weitere Infos unter:

Interview

"Wir wollen nicht, dass Kinderblut an unseren Steinen klebt."

SchindlerDieter Schindler, Steinmetz und Mitglied der Freiburger Firmengruppe Signum.

Herr Schindler, Sie haben indische Steinbrüche besucht. Was haben Sie dort erlebt?

Ich war vor fünf Jahren zum ersten Mal in Indien und habe mir verschiedene Steinbrüche angesehen. Man durfte nie unangemeldet erscheinen und das hat mich misstrauisch gemacht. Die Partner versicherten mir, dass es dort keine Kinderarbeit gebe. Beim nächsten Besuch konnte ich einen Steinbruch ohne Voranmeldung besuchen und habe Jungen bei der Arbeit gesehen. Sie behaupteten, sie wären 20 Jahre. Mir kam das sehr zweifelhaft vor. Wir wollen nicht, dass Kinderblut an unseren Steinen klebt. Deswegen haben wir Benjamin Pütter von Misereor gebeten, sich die Sache anzuschauen. Wir waren erschüttert über seine Ergebnisse.

Arbeiten Sie ausschließlich mit Steinen aus Indien?

Die heimischen Steine sind unglaublich zurückgegangen, weil sie vom Preis her einfach indiskutabel sind. Ihr Anteil liegt bei uns bei vielleicht fünf Prozent.

Was macht Signum aus?

Signum besteht aus drei Freiburger Steinmetzen. Wir unterscheiden uns von anderen Händlern, indem wir die Steine selber individuell gestalten. Der Markt wird heute von Billigimporten aus Indien bestimmt. Dort werden die Steine auch in der Regel nach Massenvorlagen gestaltet. Unsere Steine stammen auch aus Indien, aber nur aus kontrollierten Steinbrüchen ohne Kinderarbeit.

Werden unsere Friedhöfe immer gleichförmiger?

Auf den Friedhöfen geht die Gestaltungskultur mehr und mehr verloren. Grabsteine werden immer eintöniger, sie sehen aus wie vom Band.

Wie soll „Xertifix“, das Siegel für „saubere“ Grabsteine funktionieren?

„Xertifix“ wird nicht vom Handel selbst, sondern von einem unabhängigen Verein kontrolliert. Gewerkschaften, Hilfsorganisationen und bekannte Persönlichkeiten wie Norbert Blüm wollen sich beteiligen. Das Siegel wurde 2006 eingeführt.

Die Fragen stellte Claudia Mende

Projekt für die Steinbruch-Kinder

Die Hilfsorganisation Misereor hat, zusammen mit der indischen Nicht-Regierungsorganisation Qwarids, ein Projekt für die Kinder in den Exportsteinbrüchen aufgelegt. „Wir wollen die Kinder da rausholen“, erklärt Benjamin Pütter. Ihre illegal erworbenen Schuldscheine sollen vor Gericht für null und nichtig erklärt werden. Anschließend sollen die Kinder wieder bei ihren Familien leben, zur Schule gehen und einen Beruf mit Zukunft erlernen können.

Erschienen in Ausgabe 03/2007
Rubrik: Leben&Umwelt

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incl. 'http://'
angelika68
Zum Kommentar von alina: Misereor ist eine sehr gute und zuverlässige Quelle, aus der man durchaus schöpfen kann. Ich freue mich über diese wichtige Information, die ich kein bisschen

"spektakulär" oder reißerischfinde, sondern einfach ungeheuer wichtig und noch viel zu unbekannt. Ich selbst suche gerade nach Informationen über Grabsteine, da mein Vater vor einigen Monaten gestorben ist. Er hat sich sehr in der Eine-Welt-Arbeit und speziell für Indien engagiert, auch in Zusammenarbeit mit misereor. Trotzdem war mir bislang entgangen, dass unsere Steine zumeist von Kindern in der so genannten "Dritten/

Vierten Welt" in Steinbrüchen abgebaut werden. - Wie gut, dass ich beim googlen auf Ihren Artikel gestoßen bin!!!

Herzlichen Dank!!!
Ulrike Paeper
Vielen Dank für diesen Artikel. Ich war im vergangenen Jahr selbst für einige Wochen in Indien und habe eine indische NGO besucht. Bei dieser Reise habe ich auch viele Formen von Kinderarbeit kennengelernt.

Eine kleien Ergänzung zu dem Artikel: Dalits gehören nicht der untersten Hindu-Kaste an; sie fallen ganz aus dem Kastensystem heraus; so dürfen Dalits eigentlich auch keine Tempel besuchen. Die Benachteiligung für Dalits existiert weiterhin, obwohl sie gesetzlich mit der Unabhängigkeit 1948 verboten wurden.
klara
möchte immer wieder lesen
Ansgar
Sehr hilfreich. Ich arbeite als Religionslehrer in Steinmetz-Klassen. Da ist das Thema brennend aktuell.
Maximilian Lindner
Leider ist diese Problematik fast niemanden bekannt. Wer kommt denn schon auf die Idee, dass Grabsteine um den halben Erdball transportiert werden? Ich selbst habe in meiner Kommune im Dezember 2006 den Versuch gestartet, die Friedhofssatzung, wie jetzt in München geschehen, zu ändern. Im Herbst will der Stadtrat jetzt diesen Antrag behandeln. Ich hoffe natürlich, dass er positiv verabschiedet wird.

Auf meiner Homepage http://www.keine-grabsteine-aus-kinderarbeit.de versuche ich eine entsprechende Kampagne aufzubauen.
alina4
Es ist schlimm, dass einfach vorgegebene Artikel ohne Recherche übernommen werden - weil es einfach ein spektaluläres Thema ist.