spezial: Bio und Billig? | Was wir essen - Schrot und Korn

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spezial: Bio und Billig? | Was wir essen

Hauptsache billig?

Essen ist mehr als pure Nahrungsaufnahme. Essen hat Folgen für die eigene Gesundheit, für Boden, Tiere, Bauern, Händler. Einige Menschen sind daran sehr interessiert. Andere fallen auf Schönfärberei herein. // Leo Frühschütz

In einschlägigen Umfragen ist die Welt in Ordnung: Da kaufen die Deutschen ganz viele Bio-Lebensmittel, legen Wert auf artgerechte Tierhaltung und achten auf Qualität statt auf den Preis. Im Alltag dagegen liegt der Anteil der Bio-Lebensmittel bei drei Prozent und ständig heißt es: „Bio ist so teuer, das kann ich mir nicht leisten.“ Fast die Hälfte ihres Lebensmittelbedarfs decken die Deutschen inzwischen bei Discountern. Für ihre Mobilität geben sie mehr aus als für das Essen. Zehn Euro für einen Liter Motoröl sind kein Problem, das Salatöl aber darf keine zwei Euro kosten. Was ist das Essen den Menschen tatsächlich wert?

„Etwa die Hälfte der Menschen hat nur ein geringes Interesse an Ernährungsfragen“, sagt Immanuel Stieß. Der Soziologe vom Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt, hat 2000 Verbraucher über Ernährungsgewohnheiten, Lebensstil und Einkaufsverhalten befragt. Daraus destillierten er und seine Wissenschaftlerkollegen bestimmte Ernährungsstile. Zum Beispiel den „Billig- und Fleischesser,“ zu dem 13 Prozent der Bevölkerung zählen. Dessen Motto: Ernährung muss preiswert und unkompliziert sein, gegessen wird nach Lust und Laune, Gesundheit spielt keine Rolle. Pestizidduschen für den Salat oder das Leid der Käfighühner in den Legebatterien sind kein Thema. Das gilt auch für viele Menschen, die im Kochen und Essen eine lästige Pflichterfüllung sehen. Sie schnappen sich das Schnäppchen bei den billigen Lebensmitteln, weil sie das eingesparte Geld lieber anderswo ausgeben.

Wer sich für Ernährung wenig interessiert, fällt leicht auf Tricks herein: Käfigeier, deren Verpackung Hühnerhof-Idylle vorgaukelt; Gemüse von „kontrollierten“ Bauernhöfen, wobei nie jemand wirklich definiert hat, was „kontrolliert“ bedeutet; Erdbeerjoghurt fast ohne Erdbeeren. „Schönfärbende Worte und Kennzeichnungen vermitteln das gewisse Extra, halten aber oft nicht, was sie versprechen“, schimpft Edda Müller, Vorsitzende des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. Sie nennt derartiges Vorgehen Verbrauchertäuschung und fürchtet, dadurch könne bei vielen Menschen der Eindruck entstehen, Qualitätsprodukte seien immer zu Discountpreisen zu bekommen.

Doch es gibt auch genug Verbraucher, für die Qualität vor Geiz kommt, für die das Essen der Genuss ist und nicht die Schnäppchenjagd. „Etwa die Hälfte der Menschen sagt sich, meine Ernährung ist mir etwas wert und richtet sich auch im Alltag auf die eine oder andere Weise danach“, hat Immanuel Stieß festgestellt. Die Motive sind ganz unterschiedlich: die eigene Gesundheit, das Wohl der Kinder, die Verantwortung für die Umwelt, der Tierschutz oder einfach der Genuss. Dieses Interesse an der Ernährung schlägt sich in Umfragen in hohen Prozentzahlen für entsprechende Statements nieder. Und in einer gesteigerten Wahrnehmung des eigenen Handelns.

So gibt es die 13 Prozent große Gruppe der „ernährungsbewussten Anspruchsvollen“. Das sind Menschen, die Ernährung und Gesundheit ganzheitlich sehen, auf Frische, Regionalität und Naturbelassenheit von Lebensmitteln achten und dabei auch noch Wert auf Genuss legen. Möglichst viele Lebensmittel stammen aus Öko-Anbau. Im Durchschnitt sind die Einkommen in dieser Gruppe höher, es sind aber auch Alleinerziehende darunter oder junge Menschen mit weniger Geld. „Entscheidend ist nicht der Verdienst, sondern die Frage, wie viel Geld ich für Essen ausgeben will. Für diese Menschen ist das eine Sache der Wertigkeit“, erklärt Immanuel Stieß. Natürlich lassen sich nicht alle Vorstellungen über die optimale Ernährung eins zu eins umsetzen. „Man hat im Alltag noch andere Verpflichtungen“, umschreibt es der Soziologe. Und genügend sonstige Zwänge plagen einen auch: Knapp bei Kasse, die Kinder kreischen, generell keine Zeit zum Kochen. „Gestresste AlltagsmanagerInnen“ nennt Stieß dies Ernährungsgruppe, die 16 Prozent der Bevölkerung ausmacht. „Sie versuchen sich am aufreibenden Spagat zwischen den hohen Ansprüchen an die Ernährung der Familie und den kräftezehrenden Anforderungen des beruflichen Alltags.“ Da greift man notgedrungen häufiger zum Fertiggericht als einem lieb ist und kommt seltener in den Bio-Laden. Solche Ernährungsstile sind nicht unbedingt von Dauer. Die typischen Fastfood-Esser zum Beispiel sind junge Singles. Ziehen sie mit einem Partner zusammen, werden die Essgewohnheiten meistens häuslicher. Kommt das erste Kind, spielt Ernährung plötzlich eine Top-Rolle. Schließlich sollen die Kleinen nur das Beste bekommen. Ein zweiter typischer Wendepunkt im Essverhalten kommt dann, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Mit dem Alter wird die Gesundheit wichtiger, man schließt einen Kompromiss zwischen der Freude am Essen und dem Kampf mit den Pfunden. Leichte, leckere Gerichte in hoher Qualität kommen vermehrt auf den Speiseplan. Das Geld ist nicht mehr so knapp wie früher und man gönnt sich was - gerne auch in Bio-Qualität. Der Lebensmittel-Markt wird sich weiter teilen, prognostizieren viele Marktforscher. So stehen Billigprodukte und -preise auf der einen, Qualität, Zusatznutzen und Einkaufserlebnis auf der anderen Seite. Immanuel Stieß sieht dennoch optimistisch in die Zukunft.

Er hat bei seinen Studien festgestellt, dass „innerhalb der Gruppe der Ernährungsbewussten eine zweite Generation heranwächst“. Jugendliche, die durchs Elternhaus oder durch eigenes Interesse angeregt, sich intensiv mit Ernährung beschäftigen. „Bio stößt bei diesen Jugendlichen auf ein relativ breites Interesse. Das hat in manchen Kreisen sogar Trendcharakter.“ Nur bräuchte es mehr Angebote, die der Lebenswelt der Jugendlichen entsprechen. „Bio-Döner zum Beispiel“.

Und nicht nur der Nachwuchs macht Hoffnung, sondern auch die nackten Zahlen: 2004 ist der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln noch einmal deutlich, um rund zehn Prozent gewachsen. Aldi & Co. kamen lediglich auf zwei Prozent.

Als Kind auf Chemie geeicht

Norwegische Geschmacksforscher befragten Verbraucher über Vanille. Alle Teilnehmer sagten, sie würden natürliche Vanille anstatt des künstlichen Aromas bevorzugen. Im anschließenden Test entschieden sie sich jedoch für das Vanillin, dessen Geschmack sie als natürlicher wahrgenommen hatten. Der Grund: Als Kind waren sie an den Geschmack von Vanillin gewohnt, das für sie die natürliche Vanille verkörperte.

Lebens-Mittel: Mittel zum Leben

Nichts verbindet uns so eng mit der Natur und mit den Menschen, wie das Essen. Unsere Lebensmittel sind die Produkte von Boden, Pflanzen und Tieren, von Regen und Sonnenschein. Die Arbeit von Bauern, Gärtnern, Müllern, Bäckern oder Metzgern steckt in ihnen. Auch die Zeit, die Käse und Wein zum Reifen, die Feigen zum Trocknen brauchen. Das alles funktioniert jeden Tag fast reibungslos, damit wir unser Mittel zum Leben bekommen. Eigentlich ist Essen ein kleines Wunder, das uns jeden Tag wieder mit der Welt verbindet - wenn wir daran denken.

Essbare Ausstellung

Eine von der Münchner Schweisfurth-Stiftung erarbeitete Wanderausstellung erzählt vom Wandel in der Nahrungsmittelproduktion, vom Preiskampf im Handel und davon, wie Lebensmittel ohne Tierquälerei und Pestizidverseuchung hergestellt werden können. Zu sehen vom 18. Februar bis 27. Mai 2005 im ober-bayerischen Rosenheim. Mehr Infos unter: www.hauptsachesatt.de

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incl. 'http://'
Maria
Interessant, endlich etwas was zu hoffen lässt, wenn man ständig mit essgestörte konfrontiert wird bei denen es zum größten Teil um Jugendlichen handelt.