interview - Schrot und Korn

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Unsere Stillkultur ist kaputt

In der „Tagesschau“ ist sie nüchtern und sachlich. Doch wenn es um das Wohl unserer Kinder geht, kann Eva Herman ganz schön loslegen. Ihre Botschaft: Wenn mehr Babys ge-stillt würden, dann stünde es besser um unsere Welt. //Das Gespräch führte Peter Gutting

? Nur knapp zehn Prozent der deutschen Frauen stillen bis zum sechsten Monat. In anderen europäischen Ländern sind es sehr viel mehr, zum Teil über 70 Prozent. Woran liegt das?

! Die Stillkultur in Deutschland ist kaputt, sie ist nach dem Zweiten Weltkrieg grandios eingebrochen und hat sich bis heute nicht wirklich erholt. Das hat drei Gründe: Zum einen eine Art Trotzreaktion gegen das Nazi-Dogma „eine gute deutsche Mutter stillt ihr Kind“. Zum anderen die zunehmende berufliche Emanzipation der Frauen. Das Dritte ist die Industrialisierung der deutschen Haushalte, zu der auch die Saugflasche gehört.

? Oft hat man aber den Eindruck, dass Frauen ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie nicht stillen.

! Meine Erfahrung ist, dass viele Leute nichts über das Thema hören möchten. Da spielen psychologische Gründe eine Rolle. Ich bin Jahrgang 1958, in dieser Zeit haben nur ganz wenige Mütter gestillt, ich selber bin auch nicht gestillt worden. Tief im Unterbewusstsein hat diese Müttergeneration der 50er und 60er Jahre ein verdrängtes Schuldgefühl, weil sie nicht gestillt hat. Deshalb meiden die Mütter das Thema und können ihre Töchter und Enkeltöchter nicht ermutigen. Frauen, die heute schwanger werden, haben aber langsam ein verändertes Bewusstsein dafür, welche Vorteile mit dem Stillen verbunden sind. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang: Sie dürfen keiner Frau ein schlechtes Gewissen machen, die nicht gestillt hat oder nicht stillen kann.

? Welche gesundheitlichen Vorteile hat das Stillen für Mutter und Kind?

! Eine Mutter, die in ihrem Leben zwei Jahre stillt, senkt ihr Brustkrebsrisiko um 50 Prozent. Dabei muss man wissen, dass jährlich 48.000 Frauen in Deutschland neu an Brustkrebs erkranken. Es ist außerdem erwiesen, dass gestillte Kinder insgesamt offener, selbstbewusster und intelligenter sind. Sie haben seltener Gewichtsprobleme und sind deutlich gesünder. In einer amerikanischen Studie wurde nachgewiesen, dass allein in den ersten vier Monaten der Krankenhausaufenthalt für tausend mit Flaschenmilch ernährte Kinder 68.486 Dollar kostet. Für tausend gestillte Kinder sind es dagegen nur 4.460 Dollar.

? Auf diese Weise könnte unsere Gesundheitsministerin viel Geld sparen.

! Unbedingt. Stillen ist ein gesellschaftspolitisches Thema ersten Ranges. Aber unsere Politiker erkennen das nicht.

? Wir haben in Großstädten inzwischen bis zu 50 Prozent Single-Haushalte, immer mehr Ehen gehen kaputt, die Menschen sind zunehmend unfähiger, tragfähige emotionale Bindungen einzugehen. Fördert Stillen die Bindungsfähigkeit?

! Ganz klar. Stillen ist Nahrung für die Seele. Auch hier gibt es eindeutige wissenschaftliche Beweise: Wenn die Bindung am Anfang eine hohe Qualität hat, setzt sich das ins weitere Leben fort. Das haben zum Beispiel Karin und Klaus Großmann in einer Langzeitstudie über 30 Jahre festgestellt. Sie untersuchten die Bindungsfähigkeit im Säuglingsalter und dann erneut, als die Kinder fünf, zwölf und 20 Jahre alt waren. Die Bindung war entweder in allen Phasen geglückt oder in allen Phasen gestört. Kurz gesagt: Am Start erkennt man den Gewinner.

? Sie schreiben in Ihrem Buch „Vom Glück des Stillens“, dass das Stillen auch gegen Suchtkrankheiten vorbeugt. Inwiefern?

! An der Mutterbrust muss das Baby aktiv sein. Die Flasche dagegen stellt es ruhig. Und zwar egal, ob es bloß Hunger hat oder aus einem anderen Grund schreit, aus Langeweile, Angst oder Unlust. Damit erhält das Flaschenbaby eine Prägung für sein weiteres Leben. Wenn ich Frust habe, kann ich mich trösten, indem ich etwas in den Mund nehme. Im Jugend- und Erwachsenenalter können das Süßigkeiten, Alkohol oder Zigaretten sein.

? Sie haben Ihren Sohn, der heute sieben ist, ein gutes Jahr lang gestillt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

! Für die Mutter bedeutet das Stillen Trost nach der Anstrengung der Geburt. Es ist Zuwendung, Wärme, unbeschreibliches Glück. Jede Frau hat am Anfang mal Probleme, vielleicht fließt die Milch nicht oder die Brust ist entzündet: Da darf man nicht aufgeben, das schaffen wir alle. Wenn dann die Milch fließt und das Baby trinkt, hat man als Mutter das Gefühl: Das ist eine Situation, die stimmt. Da werden auf beiden Seiten alle psychologischen Bedürfnisse erfüllt.

? Wollen nicht alle Eltern das Beste für ihr Kind?

! Es ist verrückt: Die Natur hat das hervorragend eingerichtet, aber wir Menschen geben unseren Babys Industrienahrung.

? Wie haben Sie persönlich Stillen und Berufstätigkeit unter einen Hut gebracht?

! Am besten geht das mit einem Vorbild. Für mich war es meine Kollegin und Freundin Bettina Tietjen. Deren Tochter, das zweite Kind, kam ein paar Monate vor meinem Sohn zur Welt. Als Bettina wieder arbeiten ging, beschaffte sie sich eine Milchpumpe, damit das Baby tagsüber Muttermilch aus der Flasche bekam und sie es morgens und abends nach wie vor stillen konnte. Sie hängte ein Schild an die Bürotür: „Bitte nicht stören, ich pumpe“. Männliche Kollegen haben gefrotzelt, aber ich dachte mir: Das kann ich auch.

? Gelten Frauen, die länger als ein Jahr stillen, noch immer als Exoten?

! Ja, das ist leider ein gesellschaftliches Phänomen, was an der Natur völlig vorbeigeht. Raten Sie, wie hoch die durchschnittliche Stilldauer weltweit ist: Es sind 4,2 Jahre.

? In den Ländern der Dritten Welt sterben jedes Jahr 1,5 Millionen Babys, weil die Babynahrungsmittelhersteller ihre Produkte dort verkaufen, obwohl die Leute nicht lesen können und die hygienischen Voraussetzungen für die Zubereitung von Flaschenmilch fehlen.

! Das ist ein Skandal. Es wird mir jedes Mal übel, wenn ich daran denke. Das war ein wichtiger Grund, dieses Buch zu schreiben.

? So natürlich wie möglich – gilt dieses Prinzip auch für Ihren Speiseplan?

! Ich bin vor vier Jahren in eine sehr schöne Gegend in Hamburg gezogen und habe es mir mit allen Lebensmittelhändlern vor Ort verscherzt, weil ich einige Kilometer weiter in einen Bioladen fahre. Ich weiß einfach zu viel über das Thema Ernährung, denn damit beschäftigte ich mich sehr intensiv. Deshalb ist mir bewusst, was ich mir ersparen kann, wenn ich Bioprodukte kaufe.

? Wie stehen Sie zum Thema Fleisch?

! Ich war fünf Jahre lang konsequente Vegetarierin und bin aktuell wieder sehr auf dem Rückzug, was den Fleischkonsum betrifft. Vor allem eine neue Studie gibt mir sehr zu denken. Darin steht, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen unserem Fleischkonsum und der starken Zunahme von Alzheimer und Parkinson.

Vier Bücher, eine CD

Eva Herman wurde in Emden geboren. Ihre journalistische Laufbahn begann 1985 beim Bayerischen Rundfunk. 1989 wechselte sie nach Hamburg zur „Tagesschau“. Sie führte durch verschiedene Galas und Showsendungen wie „Stars“, „Schlagerparade der Volksmusik“ oder „Ein Herz für Kinder“. Daneben schrieb sie zwei Romane und zwei Sachbücher. Zusammen mit Bettina Tietjen moderiert sie eine Talkshow auf N3 und interpretiert auf der CD „Swing it“ ihre Lieblingstitel. Kürzlich trat sie als Gast im TV-Film „Dann kamst du“ auf, gedreht nach ihrem gleichnamigen Debütroman.

Stillfreundliche Krankenhäuser

In Deutschland gibt es 18 anerkannte stillfreundliche Krankenhäuser. Die Adressen finden Sie unter www.stillfreundlich.de (Telefon 0221/ 3409980). Kontaktadressen von Stillberaterinnen verzeichnet die La Leche Liga unter www.lalecheliga.de (Telefon 0571-48946).

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