Satt ohne Genfood - Schrot und Korn

Anzeige

Anzeige

Satt ohne Genfood

Gentechnik bedroht den Ökolandbau

Fünf Jahre galt in der EU ein Anbau-Stop für Genpflanzen. Jetzt ist das Moratorium beendet. Schon nächstes Jahr kommt womöglich genmanipuliertes Saatgut auf den Acker. Damit sind Bio-Lebensmittel von „Gensmog“ bedroht. // Leo Frühschütz

„Zu Massiver Verschmutzung hat der Anbau von gentechnisch verändertem Raps bei gentechnikfreiem Raps, inklusive Öko-Raps, geführt.“ Marc Loiselle, Bio-Bauer aus der kanadischen Provinz Saskatchewan, weiß, wovon er spricht. Etwa die Hälfte der kanadischen Rapsflächen sind mit Gen-Raps bepflanzt. „Das bedeutet, dass wir keinen Bio-Raps mehr anbauen können.“

100 Millionen Dollar Schaden

Dabei wäre die Pflanze wichtig für die Fruchtfolge und gutes Geld hätte der Öko-Raps auch gebracht. Doch bei Messungen wurden Verunreinigungen bis zu 7,2 Prozent festgestellt. Auf bis zu 100 Millionen Dollar schätzt Marc Loiselle den Schaden, den die Bio-Bauern von Saskatchewan durch den Gen-Raps-Anbau erlitten haben. Geld, dass sie jetzt mit Hilfe der Gerichte von den Konzernen Monsanto und Bayer/Aventis zurückfordern.

EU-Bürokraten und Gentech-Lobbyisten reden gerne von „Koexistenz“, so als könne es ein friedliches Nebeneinander von Genpflanzen-Anbau und gentechnikfreier Landwirtschaft geben. Felix Prinz zu Löwenstein, Bio-Bauer und Vorsitzender des Bundes der ökologischen Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) hält den Begriff Koexistenz für eine Täuschung: „Wir müssen klar sagen: Wer den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen zulässt, hat keine Chance mehr, in der entsprechenden Pflanzenart völlig GVO-freie Produkte herzustellen.“

Gegen Augenwischerei beim Thema Koexistenz: Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bio-Dachver-bandes BÖLW.

Denn gentechnisch veränderte Organismen (GVO) sind, einmal freigesetzt, nicht mehr kontrollierbar. Die fremde Erbinformation der Genpflanzen kann über den Pollen durch Wind und Insekten auf gleichartige oder verwandte Pflanzen übertragen werden. Auch können beim Transport, im Lagersilo und in der Verarbeitung überall Teile von Genpflanzen in gleichartige gentechnikfreie Ware gelangen. Beispiele für solche Kontaminationen gibt es genug: Gen-Raps-Pollen in Rapshonig aus Kanada oder Samen transgener Pflanzen in Saatgut für Mais, Soja und Raps.

Auch in deutschen Lebensmitteln finden die staatlichen Untersuchungsämter regelmäßig geringe Spuren von Genmais oder -soja. Zurzeit noch in sehr geringem Umfang, doch mit der Ausbreitung von Genpflanzen in Europa würde die Belastung deutlich steigen.

Besonders betroffen davon wären die Bio-Bauern. Im Ökolandbau sind GVO auf allen Ebenen verboten. Bio-Lebensmittel sind also per Gesetz gentechnikfrei und die Verbraucher erwarten das auch, wenn sie im Bioladen einkaufen. Bereits jetzt treibt die Branche einen hohen Aufwand, um zu verhindern, dass es zu Verunreinigungen kommt. Bisher weitgehend erfolgreich. Doch da ging es bislang vor allem um Importware, sowie darum, Transporte und Verarbeitung sauber zu halten. Gegen Pollen im Wind jedoch kann ein Bio-Bauer seinen Acker nicht schützen. Kein Bio-Imker kann seinen Bienen erklären, Genpflanzen-Felder zu meiden.

„Der Verbraucher muss weiterhin die Möglichkeit haben, gentechnisch unbelastete Lebensmittel zu verzehren. Das geht aber nur, wenn wir in Deutschland konsequent auf den Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft verzichten“, argumentiert das Aktionsbündnis Ökolandbau, ein Zusammenschluss von rund 40 Bio-, Umwelt- und Verbraucherorganisationen. Saatgutlieferanten, Lebensmittelindustrie und Handelskonzerne sehen das anders. Für sie bedeutet „Koexistenz“, dass Genpflanzen-Anbauer und -Verarbeiter nicht mit zu strengen Auflagen traktiert werden dürfen. Und „Wahlfreiheit“ heißt, dass Verbraucher auch bewusst Genfood einkaufen dürfen. Tatsächliche Gentechnikfreiheit wird ersetzt durch möglichst großzügige Grenzwerte für GVO-Verunreinigungen.

Der größte Teil der deutschen Politiker und der EU-Abgeordneten denkt ähnlich. Bisher mussten Lebensmittel erst als Genfood gekennzeichnet werden, wenn sie mehr als ein Prozent GVO enthielten. Die EU hat den Wert im Sommer auf 0,9 Prozent gesenkt und bezeichnet dies als Stärkung der Verbraucherrechte. Noch nicht abschließend entschieden haben EU-Kommission und Agrarministerrat über die zukünftig erlaubten GVO-Verunreinigungen im Saatgut. Geplant sind je nach Pflanzenart zwischen 0,3 und 0,7 Prozent (siehe Aktion auf Seite 38).

Verursacher sollen zahlen

Laut einer EU-Studie verteuern sich Bio-Produkte um bis zu 40 Prozent, wenn sie aufwändig vor Gensmog geschützt werden müssen. Nach dem Verursacherprinzip würden solche Kosten an denjenigen hängenbleiben, die an den Genpflanzen verdienen, also an den großen Saatgutkonzernen. Tatsächlich zahlt die Bio-Branche bisher alles selbst. Das muss sich ändern, fordert der BÖLW: „Diese Mehrkosten sind durch einen Ausgleichsfonds der Saatgutindustrie zu vergüten und dürfen nicht Produzenten und Verbrauchern solcher Lebensmittel aufgebürdet werden, die weiterhin auf Gentechnik verzichten wollen.“ Darüber hinaus verlangt der Branchenverband einen Haftungsfonds der Saatgutindustrie für Schäden, die Bauern entstehen, wenn in ihren Produkten GVO gefunden werden und der Verursacher nicht eindeutig festzustellen ist.

Die wichtigste Rolle im anstehenden Kampf für ein Europa ohne Genpflanzen spielen die Verbraucher. Trotz jahrelanger und teurer Image-Kampagnen der Gentechnik-Konzerne lehnen immer noch rund 75 Prozent der Deutschen Genfood auf dem Teller ab. In der EU warten rund 20 Genpflanzen auf eine Anbau-Erlaubnis. Doch die Nachfrage der Bauern hält sich in Grenzen. In einer Emnid-Umfrage für Greenpeace erklärten 70 Prozent der deutschen Bauern, dass sie von Genpflanzen die Finger lassen werden.

Ab 2005 wollen die USA und Kanada den Anbau von Gen-Weizen freigeben. Dagegen laufen inzwischen kanadische Bauern Sturm, denn sie befürchten einen Verlust ihrer Märkte. Weltweit wird „gentechnikfrei“ immer mehr zu einem Zeichen für Qualität, das europäischen Bauern Marktvorteile bringt. Felix von Löwenstein hofft deshalb auf ein neues Moratorium: „Wenn die Politik versagt, dann liegt es am Verbraucher, ein Nachfrage-Moratorium zu errichten, um die grüne Gentechnik abzuwehren.“

Satt ohne Genfood

Immer wieder behaupten Anhänger der grünen Gentechnik, dass nur mit manipulierten Pflanzen die Welternährung gesichert werden könnte. Gegen den Willen der betroffenen Länder liefern die USA seit Jahren Gen-Mais als Hungerhilfe. Tatsächlich könnte eine an die lokalen und kulturellen Bedingungen angepasste nachhaltige und ökologische Landwirtschaft die Welternährung besser sichern als das Genfood der großen Konzerne. Wissenschaftler der Universität Cardiff haben für Greenpeace International Beispiele zusammengetragen und ausgewertet. Der Titel der Studie: „The real green revolution“.

Das Gen-Moratorium

Vor fünf Jahren hatten sich die EU-Staaten darauf verständigt, keine neuen GVO-Produkte zuzulassen oder den Anbau von GVO-Pflanzen freizugeben. Zuerst sollten einheitliche und strenge Regeln für Freisetzungen, Anbau, Kennzeichnung und Vermarktung erlassen werden. Dieses so genannte Gen-Moratorium war eine politische Reaktion auf die starken Verbraucherproteste gegen den Vormarsch der „grünen Gentechnik“ in Europa. Inzwischen hat die EU die angekündigten Regelungen verabschiedet. Damit gilt das Moratorium als beendet.

Mehr in www.schrot-und-korn.de

Über unsere Linkliste können Sie unter www.schrot-und-korn.de/links einen Artikel zum Thema Gentechnik in Zusatzstoffen nachlesen (aus S&K 6/2002), ebenso ein Interview mit dem kanadischen Biobauern Marc Loiselle (10/2002) sowie einen Beitrag über Gentechnik im Futtertrog (11/2000). Alle Texte können Sie auch direkt über den Coupon auf Seite 65 anfordern.

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'