Pestizide in 30 Prozent des Grundwassers - Schrot und Korn

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Pestizide in 30 Prozent des Grundwassers

Kontrolle ist alles

Woher kommt eigentlich unser Wasser? Welche Anstrengungen sind nötig, damit ein gesundes Lebensmittel aus dem Hahn fließt? Wir haben uns die aufwändigen Sicherheitsvorkehrungen am Beispiel des Münchner Wasserwerks angesehen. // Leo Frühschütz

Wer hätte das gedacht? Auch Wasserwerke können schön sein. Zum Beispiel das Reisacher Wasserschlössl (oben) und das Vorratsbecken der Stadt München (unten).

Marmorboden spiegelnd weiß, darüber wölbt sich eine Kuppel. Durch das Fenster im Türmchen fällt Licht auf das „Heiligtum“ – einen Brunnen. Der 100 Jahre alte Grundwasserhauptsammelschacht Reisach, das „Wasserschlössl“, hat etwas von einem Tempel, einer Weihestätte des Wassers. „Man hat den Wert des Wassers auch im Bauwerk darstellen wollen“, sagt Hermann Engl, Meister bei der Wasserversorgung der Münchner Stadtwerke (SWM).

Sauberes Wasser bedeutet Leben. 400 Tote hatte die letzte durch verseuchtes Wasser ausgelöste Typhusepidemie 1872 in München gekostet. Um eine neuerliche Katastrophe zu verhindern, begann die Stadt 1881 damit, Quellen und Grundwasser im Mangfalltal 40 Kilometer südlich von München zu erschließen. Heute fließen pro Sekunde durchschnittlich 3.000 Liter aus dem Mangfalltal nach München. Das sind 80 Prozent des Bedarfs.

Das Reisacher Wasserschlössl ist eine der drei Quellfassungen im Mangfalltal. In seinen zehn Meter tiefen Schacht leiten drei mehrere hundert Meter lange, waagrechte Stollen das wertvolle Grundwasser des Talbodens. Er siehtaus wie ein klarer, bläulich schimmernder Whirlpool.

Mensch ist schneller als Computer

Die Klappen, die den Zu- und Ablauf regeln, sind noch die Originale und werden von Hermann Engl und seinen Mitarbeitern per Hand eingestellt. „Da braucht´s Fingerspitzengefühl, wenn es auf 100 Liter genau geht. Der Computer kann erst 20 Minuten später feststellen, ob es passt.“

Das in Reisach und den anderen Quellfassungen gewonnene Grundwasser fließt in freiem Gefälle, also ohne Hilfe von Pumpen, in die drei Hochbehälter südlich der Stadt. Es vereinigt sich dort mit dem Nass aus dem Loisachtal und der Münchner Schotterebene. 300 Millionen Liter Platz bieten die Hochbehälter. Gerade genug Wasser, um die 1,4 Millionen Menschen in und um München einen Tag lang zu versorgen. An den drei Behältern hängt das 3.200 Kilometer lange, vielfach miteinander verbundene Leitungsnetz der SWM.

Erwin Beck erklärt es auf seinem Computerbildschirm, beschreibt die ringförmigen „Schlagadern“, die verschiedenen Druckzonen. Er sitzt in der Netzwarte, demelektronisch gesicherten Kontrollzentrum der Stadtwerke. Die gesamte Versorgung der Stadt mit Wasser, Strom, Gas und Fernwärme wird an rund 15 Computerbildschirmen überwacht und gesteuert. Ein Maus-klick, und Erwin Beck weiß, wieviel Wasser gerade durch die Hauptleitung im Stadtteil Laim fließt und welcher Wasserdruck dort herrscht. Weicht ein Wert stark vom Normalfall ab, gibt das System Alarm und Erwin Beck schickt den Störungsdienst.

Jede Stunde erinnert ein Piepsen den Wassermeister daran, nach den Fischen zu sehen. Sie leben in Aquarien, deren Wasser direkt aus den Zu- und Abläufen der Hochbehälter entnommen wird. Ein Blick auf die Überwachungskamera genügt – wir sehen, dass sie munter umher schwimmen. Die Aquarien übrigens sind ebenso wie die elektronische Sicherung aller Zugänge zu Brunnen und Behältern 1972 zur Olympiade installiert worden, als Reaktion auf Attentatsdrohungen.

Für sicheres Wasser sorgt außerdem das städtische Laboratorium, das täglich 40 Proben aus Brunnen, Speichern und Leitungen analysiert, auf Bakterien und Schadstoffe überprüft. München hat im Gegensatz zu anderen Städten (siehe oben) Glück. Das Wasser der Millionenstadt ist sauber. So sauber, dass die Stadtwerke dafür werben, statt Mineralwasser doch das als „M-Wasser“ bezeichnete Leitungswasser zu trinken.

Pestizide in 30 Prozent des Grundwassers

Die Stadtwerke München haben Glück. Ihr Wasser aus dem Voralpenland ist so unbelastet, dass es nicht aufbereitet werden muss. Drei Viertel aller Wasserversorger dagegen müssen ihr Rohwasser mit Hilfe von Aktivkohle filtern oder mit UV-Bestrahlung den Gehalt an Keimen verringern. Besonders betroffen sind Werke, die ihr Wasser aus dem Uferfiltrat großer Flüsse oder aus Talsperren beziehen. In 30 Prozent des oberflächennahen Grundwassers lassen sich nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) Pestizidrückstände nachweisen. Nach einer Schätzung des UBA aus den 90er Jahren gaben die Wasserwerke der alten Bundesländer rund 920 Millionen Mark jährlich aus, um Schadstoffe landwirtschaftlichen Ursprungs wie Pestizide, Nitrate und Phosphate aus dem Trinkwasser zu holen.

Jeder Deutsche jagt täglich 34 Liter Trinkwasser durchs WC

40 Milliarden Kubikmeter Wasser werden in Deutschland jährlich verbraucht. Mehr Wasser als im Bodensee Platz hat. 26 Milliarden davon nutzen die großen Wärmekraftwerke zur Kühlung, 8,5 Milliarden schöpfen Industriebetriebe aus eigenen Brunnen. 5,5 Milliarden Kubikmeter fördern die öffentlichen Wasserwerke. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei 127 Liter am Tag: 46 für Baden, Duschen, Körperpflege. 34 für die Toilettenspülung, 31 für Putzen, Waschmaschine und Geschirrspülen. Für Essen und Trinken brauchen wir gerade mal 5 Liter. Weitere 11 Liter entfallen auf Kleingewerbe und sonstiges. Seit den achtziger Jahren sinkt übrigens der Wasserverbrauch. Damals lag er bei 150 Liter täglich.

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D.Lombard

Jeder Deutsche jagt täglich 34 Liter Trinkwasser durchs WC

Wahnsinn !

Wie wärs eventuell mit einem Eimer und dann ale ins WC oder wie die Franzosen.