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Kolumne

Wir können so viel

Fred Grimm fragt sich in seiner Kolumne, inwieweit Corona die Menschheit zusammenbringt. Er findet, wir Menschen können so viel.

09.06.2020 vonFred Grimm

Es gibt wahrscheinlich keinen schlauen Gedanken zur Coronakrise, der in den vergangenen Wochen ungesagt geblieben ist. Dabei scheint es, als habe uns das Virus mit seiner apokalyptischen Wucht in einer Phase erwischt, in der wir uns innerlich längst auf eine große Katastrophe vorbereitet hatten. Eine eisfreie Arktis, ein verbranntes Australien ohne Wälder, ein Sommer ohne Bienen – die Pandemie menschlichen Versagens, die dahintersteckt, hat zwar mit der Pandemie, die gerade unter uns wütet, nicht direkt etwas zu tun. Aber die Frage nach der Sinnhaftigkeit unseres Wirtschaftens und Lebens, sie drängte sich seit Langem auf.

In den ersten Wochen des großen Stillstandes gab es kaum ein stärkeres Sinnbild für unsere verirrte Zeit als die fast leeren Flugzeuge, die in der Luft kreisen mussten, damit die Fluggesellschaften ihre Slots an den Airports nicht verlieren. So will es die Regel: Wer am Boden bleibt, ist raus. Es gibt viele solcher Regeln – die Wirtschaft muss „wachsen“, sich bewegen, immer Neues schaffen, und wenn sie dabei unsere Lebensgrundlagen vernichtet. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das zielsicher an seiner eigenen Ausrottung arbeitet, heißt es manchmal und in diesen Tagen wird die Idee vom Menschen als Feind seiner selbst beängstigend fassbar.

Das Coronavirus trennt die Menschen in Infizierte und Gesunde, aber es bringt die Menschheit auch auf lange nicht mehr erlebte Art zusammen. Wissenschaftler aus allen Ländern arbeiten über politische und kulturelle Distanzen hinweg an einem Impfstoff, tauschen ihre Erfahrungen aus. Kollaboration und Demokratie scheinen die besseren Rezepte zur Krisenbewältigung zu sein als Ignoranz oder Diktatur.

Wir sind nicht mehr als ein Kleiner, großer, verwundbarer Mensch.

Fred Grimm

Wenn man aus der großen Erzählung der Pandemie die vielen kleinen wunderbaren Momente freilegt, findet man Hingabe, Solidarität, viel Witz, Kreativität und Mut. Wir Menschen können so viel, das vergisst man oft in unserem überbeschleunigten, durchkonsumierten Leben, in dem man kaum noch Zeit hatte, sich um andere zu kümmern oder um sich selbst. Wir lernen gerade, dass es auch anders geht, für ein paar Wochen wenigstens.

Kein Menschenleben war und ist es wert, so zynisch dürfen diese Zeilen auf keinen Fall verstanden werden, aber der Corona-Schock hat uns womöglich dabei geholfen, uns auf die weiteren großen Herausforderungen vorzubereiten. Denn wenn wir unsere Art mit der Natur und ihren Ressourcen umzugehen, nicht dramatisch ändern, verkommt unsere überhitzte Welt binnen weniger Jahrzehnte zum unbewohnbaren Ort. Das, was unsere Kinder und Kindeskinder dann erleben, wird heftiger sein als die aktuelle Pandemie. Wir müssen globale Lösungen finden, eine andere Welt nicht nur denken, sondern auch wirklich gestalten. Am Ende, das erfahren wir gerade schmerzlich, haben wir nur die eine und sind jeder auch nicht mehr als ein kleiner, großer, verwundbarer Mensch.

Fred Grimm

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt. Als Kolumnist sucht er nach dem Schönen im Schlimmen und den besten Wegen hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

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