Noch bevor das Aufnahmegerät eingeschaltet ist, sprudelt Kerstin Doppstadt los: Viel zu organisieren, wenn man mal für zwei Tage zur BioFach fährt. Wer übernimmt den Melkdienst, wer bringt die Kinder zur Schule, wer schmeißt den Hofladen? Den Stress sieht man ihr nicht an. „Wir Frauen können das“, sagt sie augenzwinkernd.
Elf Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland werden von Frauen geführt. Wir sind EU-Schlusslicht. Der Durchschnitt liegt bei 32 Prozent. Was machen diese Zahlen mit dir?
Ich stelle mir die Frage, wie diese Werte zustande kommen. Auf dem Papier mögen die vielleicht stimmen. Bauernhöfe werden auch heute noch oft dem ältesten Sohn übergeben. Der ist dann offiziell Betriebsleiter. Die Realität sieht aber anders aus. Meistens übernehmen Ehefrauen und Partnerinnen auch Führungsaufgaben, organisieren die Arbeit, erstellen Dienstpläne, fahren Trecker. Die Zahlen zeigen aber auch, dass sich viele Frauen ihre Stellung auf den Höfen hart erkämpfen müssen.
2026 ist das UN-Jahr der Bäuerin. Ist das sinnvoll oder eher Symbolpolitik?
Total sinnvoll, wir können gar nicht genug darüber sprechen. Es geht ja um Sichtbarkeit. Da müssen wir noch einiges ändern, fifty-fifty ist das Mindeste. Wir wissen, dass sich Strukturen in der Landwirtschaft nur langsam ändern. Daher finde ich es gut, das Thema Frauen stärker in den Vordergrund zu spielen. Das UN-Jahr kann eine Starthilfe bieten.
Das Motto dieses Jahres lautet: „Wo Frauen wirken, wächst Zukunft.“ Lippenbekenntnis oder Programm?
Frauen gucken immer in die Zukunft und schauen dabei über den Tellerrand hinaus. Auf Bauernhöfen sind sie häufig für die kommunikativen Netzwerke zuständig. Damit tragen sie dazu bei, die Arbeit zu organisieren und effizient zu gestalten. Frauen sind auf Höfen nicht wegzudenken.
Zur Person
Kerstin Doppstadt ist Quereinsteigerin und arbeitete zunächst als Zirkuspädagogin, ehe es sie auf den Albertshof verschlug. Heute managen sie und ihr Mann Peter den Betrieb gemeinsam. Der Hofladen wurde von Schrot&-Korn-Leser:innen schon mehrfach zum „Besten Bio-Laden“ gewählt.
Der SWR hat euch ein Jahr lang begleitet. Titel der Sendung: Kühe, Kinder, Chaos. Fühlst du dich gesehen?
Treffender hätte das nicht formuliert werden können. Wir haben 150 Milchkühe. Die sind sehr präsent – jeden Tag, auch am Wochenende. Kinder? Ja absolut, wir haben fünf eigene und jede Woche kommen Schulklassen zu uns auf den Hof. Als Demonstrationsbetrieb zeigen wir allen Altersgruppen, wie ökologische Landwirtschaft funktioniert. Diese Bildungsarbeit ist uns sehr wichtig und wir finden, dass die noch viel mehr gezeigt werden müsste. Ansonsten haben wir dieselben Themen wie alle anderen Familien auch. Dass da auch immer Ungeplantes passiert, ist klar. Auf Chaos darf man sich bei uns schon mal einstellen.
Wie ist die Aufgabenteilung zwischen dir und deinem Mann Peter? Ihr führt den Betrieb gemeinsam.
Ich habe mich vor über 20 Jahren in einen Bauern verliebt und dann den ganzen Hof gleich mit geheiratet. Bei uns macht jeder das, was er am besten kann. Während mein Mann viel Zeit im Kuhstall verbringt, kümmere ich mich zum Beispiel um die Schulklassen. Als Sozialpädagogin liegen hier meine Stärken. Ich kümmere mich aber auch um neue Technik und die Buchhaltung. Meine zweite große Leidenschaft ist unser Bio-Laden. Den haben wir mittlerweile auf das Doppelte ausgebaut und auch ein Café eingerichtet. Hier kommen wir mit den Menschen ins Gespräch. Das ist unser Tor zum Hof. Über die Jahre hat sich das wunderbar entwickelt, dass ich inzwischen sage: Ja, ich bin Betriebsleiterin – noch nicht auf dem Papier, aber auch das werden wir bald ändern.
Wie blickt die jüngere Generation auf die Rollenbilder in der Landwirtschaft?
Die kämpfen teilweise noch mit denselben alten Vorurteilen. Gerade heute Morgen noch haben mir Schüler der Meisterklasse erzählt, dass sie immer nur männliche Betriebsleiter im Unterricht hätten. Sie wollen auch einmal mit einer Betriebsleiterin sprechen. Die junge Generation denkt Zukunft
zum Glück ganz anders. Die sind nicht faul, wie es immer behauptet wird. Im Gegenteil. Unsere Kinder leben, denken und fühlen gleichberechtigt. Das konnte ich früher schon beim Melkdienst beobachten. Wenn mal einer so gar nicht in den Stall wollte, hat er oder sie eben andere Aufgaben übernommen. Und da hat es überhaupt keine Rolle gespielt, was für eine Aufgabe. Die Hauptsache, jeder hat einen Teil für die Gemeinschaft geleistet.
Was müsste aus deiner Sicht geschehen, damit dieser Schwung über das Jahr hinaus Strukturen verbessert?
Bildungsarbeit ist ganz wichtig. Dafür braucht es mehr Aufmerksamkeit und mehr Geld. Ich sehe das jede Woche, wenn die Schulklassen zu uns kommen. Ich kann in den Gesichtern sofort erkennen, wenn der Aha-Moment eintritt. Auf einmal verstehen die, was es bedeutet, einen Hof zu haben, wie Pflanzen und Tiere gedeihen, weil sie anpacken, riechen, schmecken. Es gibt nichts, was Landwirtschaft so gut vermittelt wie ein Besuch auf dem Bauernhof. Diese Bildungsarbeit muss entsprechend honoriert werden. Da sehe ich die Politik in der Pflicht, öffentliche Gelder bereitzustellen.
Hand aufs Herz: Lieber Trecker fahren oder im Bio-Laden an der Kasse stehen?
Da bin ich mehr Ladnerin. Klar, Treckerfahren ist auch in Ordnung. Den Führerschein habe ich ja und kann auch immer aushelfen, wenn es nötig ist. Aber ich liebe das Kommunikative und den Leuten unsere Arbeit nahezubringen.
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