Du bist als „Newsfluencer“ auf Social Media bekannt. Was bedeutet das?
Das Wort setzt sich aus „Influencer“ und „News“ zusammen. Es ist ein furchtbarer Begriff, beschreibt aber gut, was ich tue: Ich dekodiere und übersetze Nachrichten so, dass sie auf Social Media ein junges Publikum erreichen.
Gab es einen konkreten Moment, der dich politisiert hat und an dem du wusstest: Ich muss mich dafür einsetzen, etwas verändern?
Ich bin in einem kleinen Dorf in Nordrhein-Westfalen behütet aufgewachsen und habe Deutschland lange als weltoffenes Land erlebt. Spätestens 2015 geriet dieses Bild für mich ins Wanken: Menschenfeindlichkeit und Rechtsextremismus wurden sichtbarer – auch in meinem Dorf. Das löste in mir ein Störgefühl aus und den Gedanken: Offensichtlich gab es noch einiges zu tun. Zeitgleich setzte ich mich mit globalen Ernährungssystemen auseinander, wurde erst Vegetarier, später Veganer. Nachhaltigkeit spielte eine immer größere Rolle in meinem Leben.
Social Media nennst du „die 5. Gewalt“. Kannst du kurz erklären, was du damit meinst?
Es gibt Exekutive, Legislative und Judikative. Als vierte Gewalt gelten klassische Printmedien, Hörfunk und öffentlich-rechtliche Medien. Sie fungierten als Kontrollinstanz für Politik und Staat. Mit Influencern, Newsfluencern, Podcastern und Online-Medien gibt es heute Akteure, die nicht mehr in diese Kategorie fallen, da sie beispielsweise nicht mehr an den Pressekodex gebunden sind. Spätestens seit Trumps zweiter Präsidentschaft, die stark auf diese „fünfte Gewalt“ setzt, ist ihr gravierender Einfluss nicht mehr wegzuleugnen.
„Wir müssen mit naiven ‚Alles wird gut‘-Hoffnungen brechen.“
In sozialen Netzwerken können Debatten zugespitzt oder auch verzerrt werden. Was läuft dort beim Thema Klima besser oder schlechter als noch vor fünf Jahren?
Im Klimadiskurs ist es für Klimaleugner schwieriger geworden, Grundsätzliches zu leugnen. Ein Großteil der Bevölkerung nimmt die Gefahr des Klimawandels bewusst wahr und steht hinter Maßnahmen wie dem Ausbau erneuerbarer Energien. Deshalb weichen die Feinde der Wissenschaft auf nischigere Themen aus – etwa einzelne Gesetze, wie zum Beispiel zum CO2-Preis. Dabei werden neue „Schwurblerbrücken“ gebaut, teils mit absurden Erzählungen, wie etwa, dass Ursula von der Leyen zusammen mit Robert Habeck deine Gasheizung zuhause herausreißen möchte. Total abstrus also. Es ist natürlich ein Fortschritt, dass viele die Notwendigkeit sehen, etwas für den Klimaschutz zu tun. Es bedeutet aber auch, dass wir bei Nischen-Themen aufmerksamer werden müssen, weil sie brandgefährlich werden können. Das haben wir spätestens 2023 im Zuge des Gebäudeenergiegesetzes gesehen, wo ein Gegenangriff, der vor allem von Boulevard-Zeitungen und rechtspopulistischen Medienportalen kam, total unterschätzt wurde und bis heute Bürgerinnen und Bürger verunsichert.
Viele Menschen fühlen sich beim Thema Klimakrise überfordert. Wie schaffst du es, Hoffnung zu vermitteln?
Es bleibt uns gar keine andere Wahl. Schon Wolf Biermann nannte 1982 sein Album: „Wir müssen vor Hoffnung verrückt sein.“ Hoffnung geben mir klimapolitische Fortschritte in Deutschland, etwa erfolgreiche Klimaklagen und das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das der damaligen Bundesregierung auf die Finger gehauen hat. Global schenken mir vor allem Einzelakteure Hoffnung, etwa der peruanische Andenbauer Saúl Luciano Lliuya, durch dessen Klage erstmals festgestellt wurde, dass große Konzerne grundsätzlich für Klimaschäden verantwortlich gemacht werden können.
„Keine Zukunft ist auch keine Lösung“ heißt das Buch, das du zusammen mit Klimaschutzaktivistin Baro Gabbert geschrieben hast. Was ist eure wichtigste Botschaft?
Dass wir mit naiven „Alles wird gut“-Hoffnungen brechen müssen. Die Zeiten sind rau, deshalb müssen wir realer und pragmatischer an die Sache herangehen. Gleichzeitig sehen wir global, dass autokratische Entwicklungen umkehrbar sind und es kein Naturgesetz ist, dass die Welt immer rechter und rückschrittlicher wird. Keiner der Menschen, mit denen wir gesprochen haben, glaubt, dass es von heute auf morgen besser wird. Aber alle glauben, dass es besser werden kann, wenn jeder das, was er gut kann, richtig einsetzt.
Zur Person:
Bringt Fakten auf die Bühne: Als Newsfluencer ist Fabian Grischkat bei zahlreichen Veranstaltungen zu Gast.
Fabian Grischkat ist Influencer, Moderator und Autor. Er ist vor allem als „Newsfluencer“ bei Social Media bekannt. Zusammen mit Baro Gabbert hat er das Buch „Keine Zukunft ist auch keine Lösung“ geschrieben. Der 25-Jährige gilt als eine der wichtigsten Stimmen der jungen Generation. Er lebt in Berlin.
Gab es beim Schreibprozess einen Punkt, an dem sich dein Blick auf Aktivismus verändert hat?
Ja. Auch wenn ich mich nicht in der Rolle des Aktivisten sehe, halte ich eine sozial-ökologische Transformation für unausweichlich. Diese Transformation müssen wir als Marathon und nicht als Sprint begreifen. Wir können nicht erwarten, dass sich alle Menschen von heute auf morgen im gleichen Tempo verändern. Menschen mitzunehmen braucht einen langen Atem – im Sprachgebrauch wie im Handeln. Dafür brauchen auch wir „jungen Wilden“ Geduld.
Mit Social Media erreichst du viele junge Leute. Wie sprechen sie aktuell politisch über Klima, Konsum und Ernährung?
Junge Menschen sprechen wenig darüber, weil alltägliche Probleme und teilweise auch Zwänge sie oft daran hindern, sich mit großen Konflikten auseinanderzusetzen. Der Vorwurf der Entpolitisierung stimmt aber nicht. Viele machen eine Ausbildung oder studieren, nebenbei haben sie noch einen Minijob, um irgendwie die Miete für ein Zimmer in einer 3er-WG, in der man zu fünft lebt, zu finanzieren. Ihnen fehlt oft die Kraft, sich zusätzlich politisch zu engagieren. Deshalb erwarten sie von politischen Entscheidern Verantwortung und ein Verständnis für ihre Lebensrealität. Genau das passiert aber zu selten. Das ist ein gefährlicher Mechanismus. Mein Appell an politische Vertreter:innen: Nehmt diese jungen Generationen ernst, sonst fliegt uns das schnell um die Ohren.
Warum entscheiden sich aktuell viele junge Menschen für rechte Parteien?
Social Media hat einen Einfluss, aber nicht allein. Viele junge Menschen haben keine Parteibindung mehr, für sie ist die AfD eine legitime Partei. Gleichzeitig sprechen Parteien an den Rändern eine klarere, oft populistische Sprache, die besser an die Lebensrealität junger Menschen angepasst ist und hängen bleibt. Demokratische Parteien müssen daraus lernen und verständlicher kommunizieren.
„Mein Appell an die Politik: Nehmt junge Generationen ernst.“
Kann man junge Menschen mit Begriffen wie enkeltaugliche Zukunft überhaupt erreichen?
Ich weiß nicht, ob sich junge Menschen als Enkel identifizieren oder ob enkeltaugliche Zukunft eher auf eine ältere Zielgruppe abzielt. Da könnte man schon etwas an der Begrifflichkeit schrauben. In Vintage-Geschäften lese ich immer seltener das Wort „Secondhand“. Es heißt jetzt „Pre-loved“, wie ich kürzlich erfahren habe. Mit dieser Umbenennung sind viele Vintage-Läden erfolgreicher als je zuvor. Junge Menschen kaufen gerne gebrauchte Kleidung. Das Gleiche gilt auch für gesunde Ernährung. Das sind riesige Trends auch bei Social Media. Aber da tauchen viele Bio-Märkte ganz am Schluss auf. Bei Klamotten haben wir es geschafft raus aus den verstaubten Secondhand-Läden. Mit Bio und Regionalität müssen wir das auch schaffen. Ich habe dafür aber noch nicht die goldene Geheimformel.
Wie stehst du zu der Aussage: „Essen ist politisch“?
Die unterschreibe ich. Mit 14 habe ich festgestellt, wie politisch Konsumentscheidungen sein können. Essen ist immer politisch – gerade mit Blick auf Ernährungssysteme, die kurz vorm Kollaps stehen. Wir bräuchten längst einen radikaleren Shift hin zu mehr pflanzlichen und biologisch produzierten Lebensmitteln und weg von Massentierhaltung. Der Einzelne kann hier Akzente setzen. Aber Einkommen und Alltag setzen hier Grenzen. Deshalb ist es unfair, das nur auf Konsumenten zurückzuführen. Es braucht konsequente politische Entscheidungen weltweit.
Kommentare
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Das ist ja ein lustiges Interview. Ein junger "Influencer". Wo er genau im Netz unterwegs ist und wieviel Follower er hat, wird nicht verraten.
Aber er ist seit langem hellwach. "Spätestens" als 14-Jähriger erkannte er die "Menschenfeindlichkeit" in seinem Dorf. Als Fan "der Wissenschaft" äußert er sich dann auch total wissenschaftlich und spricht von "Klimaleugnern". Soll wohl auf eine andere Kategorie von "Leugnern" verweisen. Gibt es in seiner Ideologischen Gedankenwelt dann eigentlich auch "Wetterleugner"?
Völlig hilflos ist der Newsfluencer auch bei der Frage, warum so viele junge Menschen "rechte Parteien" wie die AfD wählen. In einer Demokratie im übrigen eine völlig legitime Entscheidung. Der linke Aktivist verfällt in seiner Ratlosigkeit in typisches Altpolitiker-Sprech. Die (selbsternannten) "Demokraten" müssten eben nur "besser kommunizieren".