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Kolumne

Warum nicht mal mit Moral?

Wann ist im Wahlkampf der richtige Zeitpunkt, um über die ganz großen Themen zu reden, fragt sich Fred Grimm kurz vor der Bundestagswahl 2021.

01.09.2021 vonFred Grimm

Wann ist im Wahlkampf der richtige Zeitpunkt, um über die ganz großen Themen zu reden, fragt sich Fred Grimm kurz vor der Bundestagswahl 2021.

Wenn ich in diesem Wahlkampf eines gelernt habe, dann das: Der geeignete Zeitpunkt, um über die ganz großen Themen zu reden, ist offenbar – nie. Warnungen vor immer häufigeren Extremwetterlagen, die seit vielen Jahren von Wissenschaftlern und Klimaschützern ausgesprochen werden, galten stets als „alarmistisch“. Sobald sie sich auf verheerende Weise bewahrheiten wie in diesem Sommer, sind sie angeblich „geschmacklos“ und „instrumentalisieren das Leid“.

Man soll schweigen, wenn mal wieder in irgendeiner deutschen Stadt ein Lkw- oder SUV-Fahrer einen Radfahrer „übersehen“ und überfahren hat und bitte nicht schon wieder die Verteilung des städtischen Raumes zugunsten des Autos in Frage stellen. Erst recht nicht hinterfragen soll man die kinderfeindliche Politik, die auf dem Höhepunkt der Corona­krise für die fortgesetzte Öffnung von Baumärkten und Schlachthöfen stritt, aber bis heute keinen Plan entwickelt hat, wie während einer Pandemie auch die Belange von Kindern und Jugendlichen berücksichtigt werden könnten und nicht nur die der großen Unternehmen.

Vielleicht sind die Resttage dieses Wahlkampfes ja doch ein guter Zeitpunkt, für die Welt zu kämpfen, in der wir auch wirklich leben wollen.

Fred Grimm

All diesen Fragen, die im Wahlkampf eine erstaunlich kleine Rolle spielen, ist gemeinsam, dass sie auf moralischen Werten gründen. Das Streben nach Gerechtigkeit zum Beispiel, auch und gerade zwischen den Generationen. Doch Moral ist in der Politik beinahe schon zum Unwort geworden, schließlich funktioniere die Welt nun mal nach anderen Mustern. Aber vielleicht ist ja genau dies das Problem. Politik an moralischen Ansprüchen zu messen, mag naiv sein, würde aber eben auch bedeuten, all die schönen Grundsätze, zu denen man sich angeblich bekennt, wirklich ernst zu nehmen.

Denn welches Recht haben wir, die natürlichen Ressourcen der Erde weiter auszubeuten, das Artensterben durch ungebremste Industrialisierung und die Versiegelung der Landschaft noch zu beschleunigen und unseren Kindern eine Zukunft zu hinterlassen, die wir selbst nicht ertragen würden? Wann wollen wir das demokratiegefährdende Auseinanderdriften in eine Klasse der Superreichen, für die keine Gesetze zu gelten scheinen, und einer wachsenden Schicht von Menschen, deren tägliche Existenz ums bloße Überleben kreist, eigentlich mal bremsen? Und wie? Und was spricht dagegen, diese Fragen im Lichte einer Moral zu beantworten, die Menschenrechte und das Überleben der Natur achtet?

Wer andere als „Moralapostel“ schmäht, bestätigt damit nur, wie unangenehm ihm diese an Werten orientierte Dimension der Politik zu sein scheint. Dabei wurden in der Menschheitsgeschichte große Fortschritte immer dann erreicht, wenn aus moralischen Überzeugungen endlich Taten wurden – bei der Abschaffung der Sklaverei, bei Friedensschlüssen oder der Einführung gleicher Rechte für Mann und Frau. Vielleicht sind die Resttage dieses Wahlkampfes ja doch ein guter Zeitpunkt, für die Welt zu kämpfen, in der wir auch wirklich leben wollen. Unmoralisch wäre das nicht.

Fred Grimm

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt. Als Kolumnist sucht er nach dem Schönen im Schlimmen und den besten Wegen hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

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