Leben

Via Capricorn: Auf der Spur des Steinbocks

Die Via Capricorn führt durch den Naturpark Beverin in Graubünden. Wer hier wandert, bewegt sich durch ein ruhiges Hochgebirge und mit etwas Glück in Sichtweite von Steinböcken.

Autorin Andrea Mertes wollte den König der Alpen in seinem natürlichen Lebensraum besuchen. Und lernte die Kunst der Wildtierbeobachtung.

„Wo sind sie denn nun?“ Noch sucht unser Tourguide Michael Magnasch konzentriert mit dem Fernglas nach den prägnanten Hörnern, dank derer selbst Laien einen Steinbock sofort erkennen können. Es ist ein Sommertag in den Graubündner Bergen, keine Wolke am Himmel, Hitze flirrt. Wir stehen auf dem Carnusapass in 2600 Metern Höhe und starren in den gegenüberliegenden Geröllhang: „Untertags bleiben die Steinböcke lieber im Schatten“, hatte Michael uns vorhin erklärt. „Erst wenn es kühler wird, kommen sie heraus, um zu fressen.“ 

Via Capricorn: Route durch den Naturpark Beverin

Vor wenigen Stunden erst sind wir mit unseren Rucksäcken vom Bergdorf Wergenstein aus auf der Via Capricorn im Naturpark Beverin gestartet. In drei Tagesetappen wollen wir durch das Revier der Steinbockkolonie Safien-Rheinwald mit ihren rund 350 Tieren gehen. Das Hochgebirge ist ihre Heimat, fast das ganze Jahr leben sie oberhalb der Baumgrenze. Im Gepäck haben wir die Hoffnung, ein paar der Tiere zu sichten. Begegnet sind wir bisher nur dem Wergensteiner Dorfhund, einer Gruppe Almkühe bei der Alp Nurdagn und etlichen Murmeltieren. Auch kein Wanderer hat unseren Weg gekreuzt, obwohl wir in der Hauptsaison unterwegs sind. Ganz und gar friedlich ist es hier, das Wort „patgific“ aus dem Rätoromanischen trifft es genau. Die eindrückliche Gebirgslandschaft um den knapp 3000 Meter hohen Piz Beverin ist bisher nur wenigen bekannt. Ein Glück für uns. Und für die Steinböcke, die hier ihre Ruhe haben. So wie manches in ihrer Geschichte eine glückliche Fügung ist. 

Steinböcke in den Alpen: Lebensraum und Verhalten

Der Wildziege, die dem Menschen gegenüber wenig Scheu zeigt, wurde Aberglauben und intensive Jagd zum Verhängnis. Über Jahrhunderte war das Wappentier des Kantons Graubünden eine begehrte Beute für Jäger, nicht nur wegen des schmackhaften Fleischs und der imposanten Hörner. In der historischen Volksmedizin galt der Steinbock als eine Art wandelnde Apotheke: Sein Blut sollte Kraft geben, die Magensteine sollten unverwundbar machen und pulverisierte Hörner die Manneskraft stärken. Im 17. Jahrhundert lebte in Graubünden kein Steinbock mehr, 1809 fiel im Wallis das letzte Exemplar der Schweiz. Im 19. Jahrhundert war der König der Alpen fast überall ausgerottet. Lediglich im italienischen Gran Paradiso existierte noch eine kleine Restpopulation von etwa 100 Tieren.

„Vor 200 Jahren war der Steinbock fast ausgerottet. Ein Jäger hat ihn gerettet.“
 

Ausgerechnet ein leidenschaftlicher Jäger rettete die Steinböcke vor der Ausrottung: Der damalige italienische König Viktor Emanuel II. erklärte das Gebiet rund um den Gran Paradiso 1856 zum königlichen Jagdgebiet. Nur er selbst durfte hier jagen. Entsprechend schnell konnte sich die Population erholen. Von den Tieren im Gran Paradiso stammen alle heute lebenden Steinböcke im Alpenraum ab. 

Derzeit gibt es Schätzungen zufolge 40 000 bis 50 000 Tiere, die meisten leben in Italien und in der Schweiz. Die Art gilt als nicht mehr gefährdet. Sogar die Jagd auf sie ist in der Schweiz wieder zugelassen, um eine Überpopulation zu vermeiden. Das allerdings unter strengen Auflagen: Nur alle zehn Jahre erhält eine Jägerin oder ein Jäger in Graubünden das Recht auf einen Abschuss. Der Weg ins Revier muss komplett zu Fuß gegangen werden.
Auch Michael Magnasch war früher Jäger. Mittlerweile hat der Anfang 70-Jährige die Büchse gegen die Kunst der Beobachtung ausgetauscht. Mit seinem Fernglas hat er inzwischen tatsächlich etwas entdeckt: zwei männliche Steinböcke, sehr weit entfernt, doch unverkennbar ihre Hörner, die ein Leben lang wachsen und eine beachtliche Länge von über einem Meter erreichen können.

Steinböcke beobachten: Wann und wo sie zu sehen sind

Gebannt beobachten wir die Tiere einige Minuten lang. Wir ahnen, dass dies unsere einzige Sichtung bleiben wird während der nächsten Tage. Es ist mit über 20 Grad einfach zu warm. Bei solchen Temperaturen zeigen sich die Tiere eher in den sehr frühen Morgenstunden und am Abend. Doch als es dämmert, sitzen wir längst am Tisch bei Marco Waldburger, der im wildschönen Safiental mit seiner Frau den Gasslihof betreibt. „Steinböcke sind wirklich schwer zu finden, vor allem im Sommer“, tröstet uns der Wirt. „Die wenigsten Wanderer bekommen sie zu sehen.“ Was am Ende auch gar nicht schlimm ist, denken wir irgendwann, nachdem wir Felsen durchgeklettert und in Bergseen gebadet haben. Die Via Capricorn ist in all ihrer Unberührtheit einer der schönsten Wanderwege Graubündens.

Für alle, die Ausdauer besitzen und eine dicke Daunenjacke im Gepäck, haben die Ranger des Naturparks Beverin noch ein kleines Geschenk auf dem Weg gelassen: Auf der Carnusa-Passhöhe haben sie eine Box in den Fels gebaut. Darin liegt, neben Infomaterial über Steinbock, Schneehuhn und Murmeltier, auch ein Fernglas. Eines, wie Michael Magnasch es mit sich trägt. Damit ist alles da, was es braucht. Der Rest ist, wie so oft im Leben: Glückssache. 

Steinböcke und Via Capricorn: Route und Lebensraum im Überblick

  • Steinböcke gehören zur Gattung der Ziegen (Capra). „Igl datgea digl Capricorn“ heißt es auf Rätoromanisch, übersetzt: Wo der Steinbock zu Hause ist. Dorthin führt die Via Capricorn in der Schweiz.
  • In drei bis vier Tagen und insgesamt knapp 50 Wanderkilometern geht es durch den Naturpark Beverin, dem Lebensraum des Graubündner Wappentiers. 350 der Wildziegen sind in dem ursprünglichen, wenig besuchten Gebiet heimisch.
  • Vor allem an kühlen Tagen sind die Tiere in Bewegung und Sichtungen damit wahrscheinlich.
  • Auch in Deutschland gibt es Möglichkeiten, Alpensteinböcke zu beobachten, fünf Steinbock-Territorien sind bekannt, darunter zum Beispiel die Benediktenwand oberhalb der Tutzinger Hütte in den Bayerischen Voralpen oder das Gipfelplateau des 2276 Meter hohen Schneipsteins im Nationalpark Berchtesgaden.
  • Der Ausgangsort der Via Capricorn in Wergenstein ist bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar: www.sbb.ch

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Häufige Fragen zur Via Capricorn

Wo liegt die Via Capricorn?

Die Via Capricorn liegt im Naturpark Beverin in Graubünden in der Schweiz. Die Route führt durch ein ruhiges Hochgebirge rund um den Piz Beverin.

Wo kann man Steinböcke in den Alpen sehen?

Steinböcke leben vor allem in den Hochlagen der Alpen, etwa in der Schweiz, in Italien und in Österreich. Gute Chancen bestehen in Schutzgebieten wie dem Naturpark Beverin.

Wann sind die Chancen auf Steinbock-Sichtungen am besten?

Früh am Morgen oder am Abend sowie an kühleren Tagen. Bei Hitze bleiben die Tiere oft im Schatten.

Wie lang ist die Via Capricorn?

Die Via Capricorn ist rund 50 Kilometer lang und wird meist in drei bis vier Tagesetappen gewandert. Die Route führt durch den Naturpark Beverin in Graubünden.

Wie anspruchsvoll ist die Via Capricorn Wanderung?

Die Strecke gilt als mittelschwere Bergwanderung. Trittsicherheit, gute Kondition und passende Ausrüstung sind erforderlich, da es durch alpines Gelände geht.

Zum Weiterlesen

Patrick Hundorf: Tiere beobachten, Cover-Foto, Kosmos Verlag

Patrick Hundorf
Tiere beobachten mit dem 
Wildtierguide. 
Mit Dating-Kalender zu Brunft- und Balzzeiten und Tierstimmen-App. Kosmos Verlag, 208 Seiten, 25 €

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