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Interview

Thomas Börkey-Biermann: „Man muss alle mitnehmen“

Alles verfügbar? Thomas Börkey Biermann vom Großhändler Ökoring hat uns erzählt, wie die Herausforderungen beim Bestellen, Verpacken und Ausliefern an die Bio-Läden aussehen.

02.04.2020 vonManfred Loosen

Vier, fünf Wochen Corona-Krise, sicher auch bei Ihnen Arbeit ohne Ende, kommen Sie überhaupt noch zum Schlafen?

Ich schlaf' wunderbar, weil ich für mich jeden Tag meine 50 Kilometer Fahrrad fahr' und dabei meinen Geist lüften und Energie auftanken kann.

Das ist schön, dass Sie dafür noch Zeit haben.

Die nehm' ich mir! Nur dann haben meine 160 Mitarbeiter auch was von ihrem Kapitän ...

Was macht der Chef, wenn er nicht Rad fährt?

Er beschäftigt sich mit der aktuellen Situation und der Fürsorgepflicht gegenüber seinen Mitarbeitern; wir haben ja seit fünf Wochen diese Ausnahmesituation. Wir von Ökoring haben den Vorteil gehabt, dass wir schon sehr früh diesen Stresstest hatten, da wir aufgrund unserer Kundengruppen unter anderem regelmäßig in Südtirol und in Österreich unterwegs sind. Und Südtirol ist ja sehr früh zum Risikogebiet erklärt worden. Da mussten wir sofort reagieren. Das heißt: Unsere kompetenten Kollegen im Vertrieb haben von uns damals ab sofort eine Ausgangssperre Richtung Südtirol bekommen. Nach Südtirol geliefert haben wir immer und tun es auch heute noch, einfach weil unsere Südtiroler Kunden uns händeringend gebeten haben, sie mit ökologischen Lebensmitteln zu versorgen. Das war ja auch rechtlich und gesetzlich kein Problem – natürlich mit entsprechenden Anweisungen aus unserem Haus, was den Fahrer betrifft, sprich: Verhaltenskodex den Kunden gegenüber, Desinfizieren, Abstand halten, Maske, Mundschutz. Wir liefern durchgehend, weil es in Südtirol natürlich das gleiche Versorgungsproblem gibt wie hier.

Was war sonst zu bedenken?

Ansonsten haben wir natürlich hier, seit es aktuell wurde, ein tägliches Krisenmanagement. Wir haben uns auf alles eingestellt: Wir haben unsere Hütte komplett gesperrt für sämtliche fremde Menschen, es gibt keine Termine vor Ort mehr, die Fahrer dürfen nicht mehr ins Haus, die Spediteure aus dem europäischen Ausland fahren nur noch her, wir laden dann die Ware ab – und jeden Tag überlegen wir uns betriebsintern, was noch nötig ist, was wir noch verbessern können. Wir haben sehr früh die Menschen strategisch ins Homeoffice geschickt. Ich sage bewusst „strategisch“, weil wir ja nicht davor gefeit sind, dass hier auch mal irgendwas passiert und wir dann reagieren und dafür sorgen müssen, dass der Betrieb weiterläuft.

Also dass die Gesunden aus dem Homeoffice in die Firma können, falls da mal jemand krank wird?

Exakt, es geht immerhin um 160 Arbeitsplätze! Die größte Herausforderung ist sicher für alle Großhandels-Kollegen, die arbeiten wie der Ökoring, dass alle Kollegen, z.B. im Lager mitziehen. Man muss alle mitnehmen. Man muss ihnen die Verhaltensvorgaben klarmachen und vorleben. Aber das klappt wunderbar, die machen das hervorragend, da bin ich sehr stolz auf unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es gibt auch neue Arbeitszeiten: Wir haben das komplett auseinandergezogen, damit möglichst wenig Überschneidungen stattfinden – wir haben auch die Anweisung rausgegeben, dass sich jeder nur noch in seiner Abteilung aufhalten darf und nicht in anderen Abteilungen.

Zur Person

Thomas Börkey-Biermann arbeitet als Geschäftsführer der Ökoring Handels GmbH im oberbayerischen Mammendorf seit über 25 Jahren als überzeugter Bio-Unternehmer. Qualität und Nachhaltigkeit, die Unterstützung regionaler Wirtschaftskreisläufe und kleinbäuerlicher Strukturen, eine gemeinwohlorientierte Firmenleitung sind die Werte, die sein Handeln bestimmen. Er ist davon überzeugt, dass es nachhaltige, faire und kooperative Partnerschaften entlang der gesamten Wertschöpfungskette braucht, um Zukunft für unsere Gesellschaft lebenswert und gerecht zu gestalten.

www.oekoring.com

Wo gibt’s beim Beliefern noch Engpässe?

An allen Ecken und Enden! Aber mit unterschiedlichen Auswirkungen. Fürs Trockensortiment gesprochen gibt es bei den Artikeln Engpässe, bei denen die Gesellschaft offenbar gedacht hat, es gebe morgen nichts mehr zu essen: Mehl, in jeglicher Variante, auch und gerade bei klassischen Getreidesorten, Hülsenfrüchte, Reis, Konserven und natürlich auch – im Non-Food-Bereich – beim wunderbaren WC-Papier, ein-, zwei-, dreilagig, mit Herzen, mit Schmetterlingen, egal was.

Wie sieht's bei der Hefe aus?

Auch ein Riesenthema. Da muss man auch erstmal drauf kommen: „Warum gerade Hefe?“ Wenn man sich dann damit beschäftigt, wird klar: Die Leute sind dazu verdammt, zu Hause zu bleiben. Sprich: Gastronomie und Außer-Haus-Verpflegung fallen flach. Was tu' ich, wenn ich zu Hause bin und Zeit hab'? Da erinnere ich mich daran: „Mensch, wir können ja auch mal selber wieder was backen!“ In welcher Form auch immer. Und deshalb war plötzlich die große Nachfrage nach Hefe da. Und was die Lieferantenkette betrifft, ist da nur ein sehr stockendes Auffüllen der Lücken möglich, sowohl bei frischer als auch bei Trockenhefe.

Wann wird’s wieder genügend Hefe geben?

Es ist immer wieder was da, aber natürlich nicht konstant, regelmäßig. Meine Vermutung dazu ist: So lange der Bedarf größer ist, als er vor Corona war, werden wir weiter Lücken haben. Das hängt natürlich auch davon ab, wie es mit Corona weitergeht und wann es welche Lockerungen geben wird – bei uns in Deutschland – und hier in Bayern, da ist man ja sehr speziell. Ich glaube, dass wir bis zum Sommer bei Hefe immer wieder Lücken haben werden.

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