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Kolumne

Die perfekte Symbiose

Fred Grimm findet, dass sich die Politik einiges vom Kannenpflanzenfrosch abschauen könnte. Denn dieser geht eine ganz besondere Symbiose ein.

30.09.2021 vonFred Grimm

Fred Grimm findet, dass sich die Politik einiges vom Kannenpflanzenfrosch abschauen könnte. Denn dieser geht eine ganz besondere Symbiose ein.

Auf Borneo, einer Insel in Südostasien, werden noch immer ständig neue Tier- und Pflanzenarten entdeckt. Die dichten Regenwälder sind oft nur schwer zugänglich, vor allem Amphibien entwickeln sich in deren Schutz, ohne dass die Menschheit von ihnen weiß. Für eine Froschart, deren Exemplare kaum drei Zentimeter groß werden, ist die Ruhe jetzt wohl vorbei. Denn der Philautus nepenthophilus, der Kannenpflanzenfrosch, versetzt seine Entdeckerinnen und Entdecker in Erstaunen.

Ein Aufsatz im „Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Research“ fasst ihre Beobachtungen zusammen. Demnach legen die klostein-gelben Kleinfrösche ihre ungewöhnlich großen Eier ausgerechnet im Schlund einer fleischfressenden Pflanze ab. Was sich wie eine rüde Form elterlicher Pflichtvermeidung anhören mag, erweist sich in der Praxis als genial. Denn der Nachwuchs reift dort in Ruhe heran, um schließlich unbehelligt das eigentlich tödliche Nest zu verlassen. Das Geheimnis dieser Symbiose? Die Kannenpflanze labt sich an den Ausscheidungen der Kaulquappen, hat also immer Essen im Haus. Die Kannenpflanzenfrösche wiederum wissen ihre Kinder vor Fressfeinden geschützt, denn welches kaulquappenliebende Tier wäre schon so dämlich, sich auf der Nahrungssuche in die Nähe einer fleischfressenden Pflanze zu begeben?

Die meisten Tiere, die lachen können – sie lachen über uns.

Fred Grimm

Es liegt nahe, angesichts dieser Partnerschaft an kommende Koalitionsverhandlungen zu denken. Warum sollte politisch entlegenen Parteien nicht das gelingen, was Kannenpflanze und -frosch offenbar in evolutionärer Vorzeit vereinbart haben? Ein produktives Miteinander für das gemeinsame Überleben. Ich weiß zwar zu diesem Zeitpunkt nicht, wer in der nächsten Koalitionsregierung die Froschfamilie und wer die fleischfressende Pflanze stellen wird, aber das grundsätzliche Modell erscheint mir durchaus zukunftsträchtig.

Dabei kommt mir eine zweite tierische Meldung in den Sinn, diesmal aus der Fachzeitschrift Bioacoustics. Einer Auswertung diverser Studien zufolge gibt es mindestens 65 Tierarten, die lachen können, also sich gegenseitig durch bestimmte Laute vermitteln, was Spaß macht oder die zu gemeinsamen Spielen einladen. Zu den Lachfähigen gehören Hunde, von man das bereits geahnt haben dürfte, aber auch bestimmte Papageien und sogar Hausrinder. Es dürften sogar noch mehr Tiere sein, die sich zumindest zeitweilig gut amüsieren, glauben Autorin und Autor, da bestünde noch großer Forschungsbedarf.

Ich bin allerdings nicht sicher, ob ich das wirklich so genau wissen will. Wenn ich mir ansehe, wie Vögel fliegen – was wir nicht können –, wie Affen klettern – geht so bei uns – oder wie klug sich der kleine Kannenpflanzenfrosch mit seinen schlimmsten Feinden einigt, was wir nicht mal angesichts einer natur- und menschheitsbedrohenden Klimakrise hinbekommen, dann bin ich mir ziemlich sicher: Die meisten Tiere, die lachen können – sie lachen über uns.

Fred Grimm

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt. Als Kolumnist sucht er nach dem Schönen im Schlimmen und den besten Wegen hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

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