Reportage

Reportage: Der eigene Bio-Laden

Etwa 2000 Bio-Läden gibt es in Deutschland. Einer davon ist die Arche in Darmstadt. Wir erzählen aus dem Ladenalltag, vom Generationswechsel, vom Gründen und neu Erfinden.

Morgens um 7:15 Uhr beginnt der Tag in der Arche. Dann räumen drei Mitarbeiterinnen die angelieferten Waren in die Regale und ins Lager. Obst und Gemüse, das über Nacht im Kühlhaus war, wandert zurück in die Auslage. Und im Ofen backen die ersten Brötchen des Tages. Deren Duft zieht ab acht Uhr Laufkundschaft an auf ihrem Weg ins Büro, zum Kindergarten oder ins nahe gelegene Alice-Hospital. Für Anja Köhrich, die junge Chefin im Bio-Markt Arche, öffnet sich die Glastür erst später. Denn seit die beiden Ladenkassen über eine Cloud mit ihrem Rechner verbunden sind, kann sie einiges schon zuhause erledigen. Auch das ist eine der Neuerungen, die sie eingeführt hat. In dem kleinen Laden, den Anjas Mutter Heike 2008 gegründet hatte, gab es weder frisch gebackene Brötchen aus dem eigenen Ofen noch eine Cloud für die Fernsteuerung der Ladenkassen.

Generationswechsel im Bio-Laden Arche

Generationswechsel sind erfahrungsgemäß nicht immer einfach. In der Arche in Darmstadt ist er gelungen. Anja Köhrich hat den kleinen Bio-Laden ihrer Mutter Schritt für Schritt auf zeitgemäße Beine gestellt. Aus dem improvisiert wirkenden früheren Tante-Emma-Laden ist nach dem Umzug ein Supermarkt geworden mit Parkplätzen vor der Tür und einem kleinen Bistrobereich. 

Zwar arbeitet Heike nach wie vor sehr tatkräftig im Laden mit, aber die Rollen sind klar verteilt. Sie sagt: „Ich bin froh, dass ich mit dem digitalen Kram nichts zu tun habe. Geschäftsführung, Buchhaltung, Dienstpläne und Controlling – das macht alles Anja.“ Anja hatte die Geschäftsführung der Arche bereits 2020 übernommen, als sich die Gelegenheit geboten hatte, die Ladenfläche von 40 auf 60 Quadratmeter zu erweitern. Damals hatte sie ihre feste Stelle als Hotelfachfrau aufgegeben und die Zügel der Arche in die Hand genommen. Doch da für die Kundschaft sich kaum etwas geändert hatte, war es in der Außenwahrnehmung weiterhin Heikes Laden geblieben. 

Einzug in den neuen Bio-Markt

Erst mit dem Umzug 2025 wurde die Arche für alle sichtbar Anjas Projekt. Doch der Schritt war riesig: Ein Umzug von 60 auf 360 Quadratmeter ist kein Pappenstiel. Umsichtig wägte Anja die Chancen und Risiken ab. Was letztlich den Ausschlag für ihre Entscheidung gab, das Wagnis einzugehen, war die Befürchtung, dass jemand anderes den größeren Laden übernehmen und erfolgreich führen könnte. „Das hätte uns platt gemacht“, ist sich Anja sicher. Denn die beiden Ladenstandorte liegen gerade mal 1200 Meter voneinander entfernt. „Wir mussten es einfach wagen“, sagt sie. Im Februar 2025 fand quasi über Nacht der Umzug statt: Der kleine Laden in der Schuknechtstraße schloss ein letztes Mal seine Tür. Der Bio-Markt in der Dieburger Straße öffnete. Etwa ein Jahr ist das nun her. Anja sagt zufrieden: „Es ist zwar viel Arbeit, aber ich habe es nicht bereut.“ 

„Der Umzug auf die sechsfache Fläche war ein Wagnis, aber ich habe es nicht bereut.“

Anja Köhrich, Geschäftsführerin der Arche in Darmstadt

Der eigene Laden: Wie alles begann

Angefangen hatte alles mit Heikes Traum, ein eigenes Café aufzumachen. Neu gründen wollte sie nicht, aber ein bestehendes übernehmen gerne. Doch so sehr sie sich auch umsah, es zeigte sich einfach keine Gelegenheit. Sie wollte im Café selbst gebackene Thüringer Kuchen anbieten. Thüringer Kuchen werden auf viereckigen Blechen gebacken, aufwändig verziert, in pralinékleine Stücke geschnitten und auf Tabletts getürmt. Backen ist Heikes Leidenschaft. Sie hat es in der alten Heimat von ihrer Mutter Magda gelernt. Auf ihrem Geburtstagskaffee zum 65., den Heike im Bistro der Arche feiert, sagt sie augenzwinkernd, meint es aber ganz ernst: „Bei Thüringer Kuchen sind die Stücke so klein, da kann man alle Sorten durchprobieren und bei den leckersten sogar nochmal zugreifen.“ Zur Feier ist sogar ihre 88-jährige Mutter Magda angereist. So haben sich Heikes Café-Träume ein klein wenig doch noch erfüllt. Dass nicht wirklich etwas aus den Plänen geworden ist, darüber ist sie heute ganz froh: „In einem Café hätte ich ja immer sonntags arbeiten müssen“, sagt sie. Statt Café wurde es ein Bio-Laden. In den Grünen Seiten der Schrot&Korn hatte sie 2008 eine Ausschreibung entdeckt mit dem Hinweis, dass der Bio-Laden im Darmstädter Martinsviertel eine Nachfolge sucht. Heike packte die Gelegenheit beim Schopfe, bewarb sich und bekam den Zuschlag. 

Das ist mittlerweile 18 Jahr her. Die Arche ist 2026 quasi volljährig geworden. Und es ist mittlerweile vor allem Anjas Arche. Ihre Söhne Vincent und Phil helfen samstags und in den Schulferien im Laden mit. Halb Spaß, halb Ernst sagt Anja: „Feierabend gibt es nicht. Vergiss deine Hobbys!“ Zum Glück gefällt ihr die Arbeit wirklich und neben den Routinen gibt es immer viel Abwechslung. 

Feierabend gibt es nicht. Zum Glück macht es Spaß

Alleine das Sortiment muss immer wieder neu angepasst werden: Am Jahresanfang etwa interessieren sich viele fürs Fasten, dann kommt das Ostergeschäft, im Sommer wird gerne Eis gekauft, dann gibt es Federweißer, Zwiebelkuchen und roten Sauser und schon ist wieder Weihnachten... Spezielle Kundenwünsche werden bei der Bestellung immer berücksichtigt. Das ist Ehrensache und gehört in der Arche einfach zum Service. Das Team macht es möglich. Wer sich etwa konsequent glutenfrei ernähren will oder muss, ist in der Arche bestens aufgehoben. In einer langen Regalreihe versammelt sich ein glutenfreies Vollsortiment.

Einmal im Quartal schickt der Großhändler eine große Probierkiste mit interessanten Produkten aus allen Sortimenten. „Das ist immer wie Weihnachten!“, freut sich Anja. Alles, was ihr schmeckt, bestellt sie. Denn immer mal was Neues macht Spaß. Es lohnt sich also ein bisschen Zeit mitzubringen und zu stöbern. 

„Die Welt dreht sich langsamer hier. Ich kann mehr Mensch sein.“

Eine Kundin über die Arche

Das Lebensgefühl im Bio-Laden

Die Atmosphäre in der Arche lädt zum Verweilen ein. Eine Kundin beschreibt es so: „Die Welt dreht sich langsamer hier und ist weniger auf Hochglanz poliert. Ich kann hier mehr Mensch sein, muss nicht so tun, als wäre ich perfekt.“ Einkaufen in der Arche ist für sie ein angenehmes Ritual. Sie bummelt durch die Gänge, ruht sich nebenbei ein wenig aus, kommt an und füllt dabei quasi nebenbei den Kühlschrank zuhause. Die Arche bietet, wie viele Bio-Läden, nicht bloß Lebensmittel, sondern auch ein Lebensgefühl. Anja und ihrem Team ist das Kunststück gelungen, die persönliche Atmosphäre, die schon in der alten, kleinen Arche herrschte, in die neuen, großzügigen Ladenräume mitzunehmen.

Trotz der Parkplätze kommen die meisten Kundinnen und Kunden mit dem Rad oder zu Fuß. Die Mathildenhöhe mit Hochzeitsturm, Russischer Kapelle und dem Museum Künstlerkolonie – das Darmstädter UNESCO-Weltkulturerbe und Zentrum des Jugendstils – spült immer mal Touristen in den Laden. Doch die meisten sind Menschen aus dem Stadtviertel, denen gute Bio-Lebensmittel zu fairen Preisen wichtig sind. Diese finden sie in der Arche. Denn Anja kann kalkulieren und weiß genau, wie wichtig es insbesondere für Familien mit Kindern ist, bezahlbare Bio-Lebensmittel kaufen zu können. 

Lust auf einen Jobwechsel?

In Deutschland gibt es derzeit 2000 Bio-Läden. Einigen steht ein Generationswechsel ins Haus. Anja Köhrich vom Bio-Markt Arche in Darmstadt sagt: „Neu gründen ist schwierig. Übernehmt lieber einen Laden, den es bereits gibt!“ 
Und vielleicht ist auch hier ein neuer Job dabei: www.schrotundkorn.de/jobboerse

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