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Parfüm

Die Natur ist auf dem Rückzug, auch bei der Herstellung von Parfüms. Synthetische Düfte umhüllen uns auf Schritt und Tritt. Nur wenige Kosmetikanbieter verzichten ganz auf Chemiecocktails und künstliche Riechstoffe.
01.08.1998

Nicht immer der reine Wohlgeruch

Die Natur ist auf dem Rückzug, auch bei der Herstellung von Parfüms. Synthetische Düfte umhüllen uns auf Schritt und Tritt. Nur wenige Kosmetikanbieter verzichten ganz auf Chemiecocktails und künstliche Riechstoffe. Ihr Sortiment ist bescheiden, aber eine Erholung für Nase und Haut.

Die ersten Parfüms waren eingebunden in religiöse Rituale. "Per fumum" (lat.), durch den Rauch brennender Kräuter, wollten die alten Ägypter ihre Götter gnädig stimmen. Von diesem historischen Ursprung sind die heutigen Parfüms weit entfernt. Laut Lexikon handelt es sich um "kunstvolle Kompositionen von Duftstoffen und ätherischen Ölen", die aus pflanzlichen, tierischen oder synthetischen Substanzen gewonnen und meist in Alkohol gelöst werden. Das französische Wort "parfum" bedeutet auch Wohlgeruch, und auf diesen legte die höfische Gesellschaft des ausgehenden Mittelalters aus eher profanen Gründen großen Wert. Galt es doch, die wegen mangelnder Hygiene schlechten Körperausdünstungen möglichst dauerhaft zu überdecken.

Konventionelles Parfüm: Gefahr durch Nitromoschus

Mit unverfälschter Reinheit hat die moderne Parfümerie wenig im Sinn, ohne Chemie geht dort inzwischen nichts mehr. Die meisten Parfüms bestehen zu mindestens 70 -, oft sogar zu mehr als 95 Prozent aus billigem Alkohol, der bekanntlich die Haut reizen und austrocknen kann. Um die hohe Branntweinsteuer zu sparen, muß er so behandelt werden, daß er sich nicht mehr zum Trinken eignet. Bei dieser Vergällung kommen fast immer Phtalate zum Einsatz, die durch die Haut ins Gewebe eindringen und sich negativ aufs menschliche Blutbild und möglicherweise auch aufs Hormonsystem auswirken. Während die Hersteller eine Konzentration im Endprodukt von bis zu 10 Prozent für unbedenklich halten, raten Kritiker zu harmloseren Vergällungsmethoden mit Hilfe ätherischer Öle.

Den konventionellen Firmen scheint diese verbraucherfreundliche Alternative allerdings zu teuer. Wer wissen will, aus welcher Quelle der verwendete Alkohol stammt, müßte Einsicht verlangen in die Produktbiografien der Vorlieferanten. Für den Endabnehmer ein schwieriges Unterfangen. Die Deklaration auf der Ware gibt über solche Details keine Auskunft, und wer schreibt schon Briefe an den Hersteller, bevor er ins Regal greift?

Findet sich auf dem Etikett nur der schlichte Hinweis "Fragrance", so verbirgt sich dahinter fast immer ein künstlicher Duft. Etwa zwei Drittel der Angebote auf dem Weltmarkt der Duftstoffe wurden synthetisch hergestellt, nur ein Drittel ist natürlichen Ursprungs. Um welche Ingredienzen es sich im Einzelfall exakt handelt, verraten die Parfümanbieter nicht. Besonders für Allergiker mehr als nur ein Ärgernis.

Vor allem die Tausend Tonnen Nitromoschus-Verbindungen, die rund um den Globus jährlich in Parfüms, Kosmetika und Waschmitteln verrührt werden, sind vielen Gesundheitsexperten schon lange ein Dorn im Auge. Die Stoffe lagern sich primär im Fettgewebe ab und wurden bereits in der Muttermilch nachgewiesen. Moschus-Xylol gilt als krebsverdächtig, Moschus-Ambrette rief im Tierversuch Nerven- und Erbgutschäden hervor. Das als angeblich sanfter Ersatzstoff von der Industrie bevorzugte Moschus-Keton scheint kaum weniger gefährlich, immerhin wurde es früher als Unkrautvernichtungsmittel eingesetzt. Unabhängige Fachleute fordern seit langem ein Verbot aller Nitromoschus-Verbindungen in Waschmitteln und Kosmetika. Daß die schwer abbaubaren Chemikalien mittlerweile unsere Gewässer verschmutzen und sich im Muskelfleisch etlicher Süßwasserfische wiederfinden, macht das ganze Ausmaß der Misere deutlich.

Weniger Vielfalt, mehr Dezenz: Naturparfüms als Alternative

Daß auch die Schöpfer sündhaft teurer Markenparfüms mit der Gesundheit ihrer Kunden Roulette spielen, zeigte 1996 (Heft 1) eine Untersuchung des Magazins Öko-Test. Bedenkliche Mengen der dubiosen Nitromoschus-Verbindungen fand man unter anderem in den Edelmarken Coco (Chanel), Opium (Yves Saint Laurent), Jil Sander No. 4 (Lancaster) und Poison von Christian Dior. Das zwanghafte Bestreben, ständig neue Duftnoten einzuführen, führt zwar zu einem steilen Anstieg der Werbeausgaben und zu immer aufwendiger gestalteten Flakons und Verpackungen, doch auf das Innenleben der Fläschchen verwendet man relativ wenig Mühe. Der Anteil der Duftstoffe am Gesamtinhalt beträgt je nach Produkttyp zwischen drei bis fünf Prozent für Kölnisch Wasser, acht Prozent für ein Eau de Toilette und maximal 15 bis 30 Prozent für ein klassisches Parfüm.

"Die Branche hat kein Qualitätsbewußtsein", moniert der Chef der Naturkosmetik-Firma Tautropfen, Rainer Plum. Ein Großteil der Kundschaft allerdings auch nicht. Warum sonst läßt sie sich von einer Mischung aus (vorwiegend) synthetischen Düften und Fettaldehyden betören wie im Falle des Szene-Klassikers Chanel No. 5. Plum spricht von "Pfennigbeträgen", die manche Firmen für ihre Duftkompositionen ausgeben, doch die Käufer legten ohne zu zögern einen Fünfzigmarkschein für "ihr" Lieblingsparfüm hin.

Im Naturkostladen gehen die Uhren etwas anders, dort sucht man oft vergeblich nach einem echten Parfüm. Dafür gibt es im wesentlichen zwei Gründe: Erstens hat die sensible Klientel vom zunehmenden Duftbombardement in privaten und öffentlichen Räumen die Nase voll und hält es mit der Devise "weniger ist mehr". Zweitens ist die Herstellung von reinen Naturparfüms recht schwierig und wirtschaftlich gesehen für Kleinunternehmen kaum lukrativ. "Naturparfüms sind nicht so stabil wie Produkte mit Kohlenwasserstoffverbindungen", sagt der Geschäftsführer von La Balance, Ottmar Roos. Der Duft verfliege auf der Haut schneller, auch sei die Haltbarkeit insgesamt begrenzt. Seine Firma liefert seit zwölf Jahren naturreine Düfte aus ätherischen Ölen, vermischt mit unvergälltem Weingeist, Honigwachs und Jojobaöl. Manche Kunden schicken unparfümierte Shampoos oder Tagescremes an Roos' Firma, die sie mit dem gewünschten Duft versieht.

Chemische Vergällungsmittel, Nitromoschusverbindungen und tierische Riechstoffe (zum Beispiel Zibet) sind im Naturwarenhandel generell tabu. Viele der Zutaten kommen aus kontrolliert biologischem Anbau, seltenere Pflanzenöle wie Tuberose oder Magnolie, so Roos, seien vorerst nur konventionell erhältlich.

Komposition aus Kopf-, Herz- und Basisnote.

Das Dufterlebis eines Parfüms setzt sich zusammen aus der Kopfnote, die sofort wahrgenommen wird, sich aber bald verflüchtigt, der zentralen Herznote, die sich langsamer entfaltet, jedoch länger anhält, sowie der Basisnote, die auch dann noch in der Nase bleibt, wenn die Herznote verflogen ist. In schweren Parfüms dominiert häufig die Basisnote, die dort die Wirkung der Kopfnote mit beeinflußt. Wer beim Parfümieren allein auf Natur setzt, kann in punkto Duftvariationen längst nicht so aus dem Vollen schöpfen wie die übrige Branche. Mehr als 4000 künstlichen Riechstoffen stehen nur ein paar hundert natürliche Essenzen gegenüber, die einzelnen Duftnoten konventioneller Anbieter enthalten manchmal bis zu 200 verschiedene Komponenten. Erst beim Experimentieren mit einem nahezu unbegrenzten Kosmos von (synthetischen) Duftmolekülen, so behaupten manche, mache die Parfümherstellung jedoch Spaß.

Bei Sante Naturkosmetik versucht man einen nicht unproblematischen Mittelweg und rundet die vier aus natürlichen Rohstoffen übestehenden Parfüms der "Wave Line" mit einem "Hauch künstlicher Duftstoffe" ab.

Zu solchen Kompromissen ist Primavera Life nicht bereit. Die Naturparfümerie um-faßt 14 von professionellen Parfümeuren komponierte Duft-Akkorde aus ätherischen Ölen, die sich für die Körperkosmetik wie für die Verdunstung in der Aromalampe eignen. Aus den Elementen dieses "Baukastensets" kann sich jeder das Parfüm zusammenfügen, das seinen individuellen Duftvorstellungen entspricht.

Auf ätherische Öle in Bio-(Demeter-) Qualität und aus Wildsammlung greift Dr. Hauschka bei seinem Eau de Parfüm zurück. Die Ölzubereitung Rose/Narde/Myrrhe (Herznote) wird im eigenen Hause gemischt. Der Auszug der Damaszener-Rose stammt aus der Türkei, wo eine Kooperative einheimischer Bergbauern traditionell Rosen kultiviert. Der Exklusiv-Anbau soll gleichzeitig zur Existenzsicherung der Landbevölkerung beitragen.

Parfümfreie Zonen als letztes Mittel gegen Duftmanipulation?

Groß ist die Auswahl an Naturparfüms nicht, doch sind sie meist so fein und unaufdringlich, daß auch abgestumpfte Nasen durch sie das Riechen wieder lernen können. Die Nachhilfe ist bitter nötig, denn obwohl ein winziger Tropfen in Haaransatz, Armbeuge oder hinters Ohr genügen würde, hüllen viele Menschen den ganzen Körper mit einer synthetischen Parfümwolke ein. "Wenn ich meine Umwelt mit einem penetranten Parfüm belästige, ist das genauso schlimm wie wenn ich mir eine Zigarette anstecke", meint Rainer Plum.

Doch den wahren Dufthorror verbreitet im Alltag nicht etwa Frau Meier von nebenan. Weil Düfte unbewußte innere Erregungen auslösen und so eine gezielte Verhaltensmanipulation ermöglichen, werden immer mehr Warenhäuser und Büros per Klimaanlage klammheimlich mit Psycho-Parfüms infiltriert. Auf diesem Wege läßt sich der Arbeitseifer der Belegschaft ebenso steigern wie die Kauflust der Konsumenten. In New York proben Umweltgruppen und Allergiker seit Jahren den Aufstand und verlangen parfümfreie Zonen.

Hans Krautstein

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