- Was den Orientierungslauf besonders macht
- Mehr als ein Einzelsport
- Ursprünge des Orientierungslaufs
- Vielfalt der Disziplinen: Zu Fuß, auf Skiern oder mit dem ÖPNV
- Von klein auf dabei: Ein Familiensport
- Natur, Freiheit und ein bisschen Planung
- Ausrüstung: Was wirklich nötig ist
- Umweltschutz beim Orientierungslauf
Was den Orientierungslauf besonders macht
Links um den Hügel, rechts herum oder lieber auf direktem Weg obendrüber? Welcher Weg ist der schnellste, welcher benötigt weniger Energie? Und wo um Himmels Willen ist denn das nächste Zwischenziel? „Meine Gedanken kreisen meist um drei Fragen: Wo bin ich? Was sehe ich? Und wie laufe ich den nächsten Posten an?“, erzählt Joël Borner. Der 30-Jährige hat ein Hobby: Orientierungslauf. Der Sport kombiniert Laufen mit der Fähigkeit, sich im Gelände zurechtzufinden. Das kann in einem Industriepark sein, im Wald oder in den Bergen. Mit Hilfe von Karte und Kompass versuchen die Teilnehmenden, eine bestimmte Anzahl an Kontrollpunkten – meist rot-weiße Stangen – in der richtigen Reihenfolge und in möglichst kurzer Zeit anzulaufen. Ihre Route wählen sie dabei selbst aus.
Mehr als ein Einzelsport
Klingt nach einer Aktivität für Einzelkämpfer:innen, ist es aber nicht. „Obwohl man für sich läuft, ist die soziale Komponente sehr wichtig“, sagt Borner. Die Teilnehmenden tauschen sich vor und nach dem Lauf aus, wie sie die Strecke angegangen sind und für welche Wege sie sich entschieden haben. Da die Szene klein sei, bildeten sich schnell Freundschaften, so Borner.
In seiner Jugend war er als Profi unterwegs und nahm zwischen März und November fast jedes Wochenende an einem Wettkampf teil. „Da wird man dann disqualifiziert, wenn man nicht alle Posten gefunden hat“, erinnert er sich.
Ursprünge des Orientierungslaufs
Erste Wettkämpfe wurden bereits Ende des 19. Jahrhunderts in Skandinavien dokumentiert, heißt es beim Deutschen Orientierungssport-Verband. Bereits zu Beginn des Jahrhunderts waren vergleichbare Veranstaltungen zumindest in theoretischen Publikationen auch in anderen Ländern aufgetaucht, auch als Empfehlung zur „wehrsportlichen Erziehung“ der Jugend. Tatsächlich betrachteten manche Länder den Sport immer mal wieder als Vorbereitung auf eine militärische Ausbildung, je nach
geopolitischer Lage.
Vielfalt der Disziplinen: Zu Fuß, auf Skiern oder mit dem ÖPNV
Auch Pfadfinder und andere zivile Gruppen führten Orientierungsläufe durch und das nicht nur zu Fuß. In Skandinavien beispielsweise sind bis heute Orientierungsläufe per Ski beliebt. Darüber hinaus gibt es auch Veranstaltungen mit Mountainbikes. Und es geht nicht zwingend in die Natur, manche Wettbewerbe finden in Städten statt, zum Teil sogar in Kombination mit dem öffentlichen Personennahverkehr. Und das mal bei Tag und mal in der Nacht, manchmal auch mit Gepäck über mehrere Tage. Einsteigen können alle, die die gesundheitlichen Anforderungen mitbringen (siehe Interview unten). Wettbewerbe, bei denen es nur um die Orientierung und nicht um die Zeit geht, eignen sich auch für Menschen, die in ihrer Bewegung eingeschränkt sind.
Von klein auf dabei: Ein Familiensport
Joël Borner ist schon als Kind zum Orientierungslauf gekommen: „Das war für uns ein Familiensport, mein Vater hat das seit seiner Kindheit gemacht, meine Mutter seit sie meinen Vater kennengelernt hatte.“ Seit er laufen konnte, wurde Joël Borner mitgenommen. Mit sieben oder acht Jahren stand er das erste Mal allein im Wald. Inzwischen mache auch schon sein anderthalbjähriger Neffe mit, erzählt er. „Für Kinder gibt es den Kleinkinder-Schnur-Orientierungslauf, da laufen sie immer einer aufgespannten Schnur nach.“
Natur, Freiheit und ein bisschen Planung
Allerdings hat der Sport insbesondere für Einsteiger:innen einen kleinen Nachteil: Ohne Organisation geht es nicht. Irgendjemand muss das Gelände vorab erkunden und die Posten festlegen. Ständige Areale, auf denen die Posten das ganze Jahr über vorhanden sind, sind selten. Nach der Arbeit loszuziehen wie zum Joggen oder auf den Tennisplatz, ist daher kaum eine Option.
Als Vorteil empfindet Borner, dass die Teilnehmenden während der Veranstaltung die meiste Zeit allein unterwegs sind, obwohl es sich bei den Orientierungsläufen um Wettkämpfe handelt. Das nimmt Druck weg. „Wenn du mal nicht mehr kannst, gehst du einfach, und keiner schaut dir zu“, sagt er.
Ausrüstung: Was wirklich nötig ist
Auch die benötigte Ausrüstung ist überschaubar. Spezielle Kleidung ist nicht erforderlich, mit Ausnahme der Schuhe, die starken Strapazen ausgesetzt sind. Denn der Weg kann durchaus mal durch ein flaches Bachbett führen. Wer sich für den Anfang keine speziellen Orientierungslauf-Schuhe kaufen will, deren Stollen oder Spikes auf rutschigem Untergrund Halt bieten, sollte zumindest darauf achten, dass Laufen auch im nassen Zustand noch möglich ist. Wichtig ist, dass Fuß und Knöchel stabil sind, um das Risiko einer Verletzung zu reduzieren. Lange Hosen, dicke Strümpfe oder Gamaschen schützen vor Brennnesseln, Dornen und Ästen. Essenziell für die Orientierung ist außerdem ein Kompass.
Umweltschutz beim Orientierungslauf
Zu Konflikten kann es mit dem Naturschutz kommen. Immerhin sind die Sportler:innen abseits von Wegen und Straßen im freien Gelände unterwegs und können dabei Pflanzen beschädigen und Wild aufscheuchen. Häufig weisen die Karten der Wettbewerbe daher Sperrgebiete auf, deren Betreten verboten ist und zur Disqualifikation führt.
Das ist allerdings eine der wenigen Einschränkungen in einer Sportart, die davon lebt, den Menschen viele Freiheiten zu lassen, wenn sie ihren Weg zum Ziel suchen. Eigentlich steht Flexibilität im Vordergrund.
Joël Borner freut sich schon auf seinen nächsten Lauf. Für ihn sei das etwas unglaublich Schönes, schwärmt er: „Nach der Arbeit joggen zu gehen, dazu muss ich mich überwinden, für einen Orientierungslauf nicht, das macht Spaß.“
Interview: „Es muss Spaß machen, sonst bringt es nichts.“
Stefan Schneider, Sportwissenschaftler
Stefan Schneider ist Sportwissenschaftler und leitet das Zentrum für Integrative Physiologie an der Deutschen Sporthochschule Köln. Mit unserem Autor Jochen Bettzieche sprach er darüber, welche Fähigkeiten beim Orientierungslauf geschult werden.
Herr Schneider, ist Orientierungslauf gut für Körper und Geist?
Aus wissenschaftlicher Sicht bin ich da zwiegespalten. Wenn ich persönlich Sport treibe, will ich abschalten und mich entspannen. Dazu muss ich mich defokussieren und an gar nichts denken. Das funktioniert nur, wenn ich bewusst kognitive Aufgaben vermeide.
Gerade das ist beim Orientierungslauf nicht der Fall.
Genau. Da suche ich ja immer das nächste Zwischenziel. Ständig muss ich auf das Gelände eingehen und überlegen, was der beste Weg ist. Ich denke, Menschen betreiben diesen Sport daher weniger aus Entspannungsgründen. Der Spaß überwiegt. Aber es bringt auch was.
Zum Beispiel?
Die Sportlerinnen und Sportler entwickeln ein Gefühl für Räume und Wege. Und sie lernen, wie sie sich im Gelände mit Karte und Kompass orientieren. Das ist etwas, was viele heute gar nicht mehr können oder verlernt haben. Die Mehrheit verlässt sich ja im Alltag eher auf digitale Karten und Navigationsgeräte.
Profitiert auch die Gesundheit?
Sicherlich. Die Sportart fördert das Herz-Kreislauf-System. Heutzutage empfehlen wir nicht mehr Dauerlauf, um fit zu werden, sondern ein Fahrtspiel mit unterschiedlichen Intensitäten. Früher hieß das Intervalltraining. Dabei fährt der Körper abwechselnd hoch und entspannt, hoch und entspannt. Das haben Sie beim Orientierungslauf auch.
Dann sollten also möglichst alle diesen Sport zum Hobby machen?
Wichtig ist, dass es Spaß macht. Sonst bringt es nichts. Und ich rate dazu, vorab beim Hausarzt oder Kardiologen vorstellig zu werden und sich durchchecken zu lassen. Wenn die ihr O.K. geben, dann geht’s los.
Was ist Orientierungslauf und wie funktioniert er?
Beim Orientierungslauf geht es darum, mit Karte und Kompass mehrere Kontrollpunkte in der richtigen Reihenfolge möglichst schnell zu erreichen. Die Route zwischen den Punkten kann frei gewählt werden.
Welche Ausrüstung wird für Orientierungslauf benötigt?
Nötig sind eine topografische Karte, ein Kompass und geländetaugliche Laufschuhe. Lange Kleidung schützt zusätzlich vor Gestrüpp und Insekten.
Ist Orientierungslauf auch für Anfänger:innen geeignet?
Ja, es gibt spezielle Einsteigerstrecken ohne Zeitdruck. Wichtig sind grundlegende Fitness und Interesse an Bewegung in der Natur.
Wo kann man Orientierungslauf in Deutschland ausprobieren?
Viele regionale Orientierungslauf-Vereine und der Deutsche Orientierungssport-Verband bieten Veranstaltungen und Schnupperkurse an – oft auch für Familien.
Ist Orientierungslauf ein umweltfreundlicher Sport?
Grundsätzlich ja, da auf vorhandene Karten und Schutzgebiete geachtet wird. Teilnehmende müssen sich an markierte Sperrzonen halten, um die Natur zu schützen.
Kommentare
Registrieren oder einloggen, um zu kommentieren.