Neulich habe ich das Unerhörte getan. Eigentlich eher aus Versehen, aber als ich es bemerkte, erfasste mich ein aufsässiger Schauder wie damals, als ich die mit „R“ markierte Sportsocke voller Absicht über den linken Fuß zog. Ich habe den „Guten Abend“-Tee am frühen Morgen getrunken. Zunächst fühlte ich keinerlei Wirkung. Als chronisch gut gelaunten Morgenmenschen wirft mich so eine Teeverwechselung nicht gleich um. Und doch hatte ich später beim Öffnen des Küchenschranks das Gefühl, mein „Guten Morgen“-Tee in bester Bio-Qualität sähe mich ganz traurig an. Als durchlitten die verbliebenen elf Beutel in der Packung gerade eine schwere Identitätskrise, weil ich sie mit der Abendvariante betrogen hatte.
In unserer suboptimalen, aber superoptimierten Welt gibt es selbst bei einem so unschuldigen Produkt wie Kräutertee kein Entrinnen. Wer durch den Bio-Supermarkt schlurft, den verwickelt das zuständige Regal alsbald in ein imaginäres Gespräch und entführt einen in den (Kräuter-)Garten der Verheißungen. Ist gerade „Zeit für Ruhe“, „Zeit für mich“ oder „Zeit zum Glücklichsein“? Schwer zu sagen, denn gleich daneben lockt „Deine Auszeit“, die „Goldene Mitte“, der „Glückliche Augenblick“ oder, wer immer das gerade braucht, der „Beduinenschreck“. Die „Lebenslust“ gehört bei der Kräuterteebeschriftung ebenso dazu wie „Lebensfreude“ und „Lebensenergie“, manchmal flattern beim Aufguss sogar die „Flügel des Lebens“ mit. Überhaupt scheint die Produktpalette nicht mehr ohne spirituellen Kompass auszukommen. Da warten Serviceleistungen wie „Emotional Clearing“, „Feel Pure“, „Mentale Klarheit“, „Erleuchtung“ oder die „Innere Harmonie“. Verträumten blühen die „Küsse der Provence“ oder der Tee rezitiert für Sie ein „Morgengedicht“. Ja, die Kräutertees meinen es wirklich gut mit uns. „In Liebe“, wanzt sich die eine Packung ran, „Schlaf schön“, säuselt die nächste, „Sweet Dreams“, wünscht ihr anglophiler Rivale. Dann wird es ein bisschen unangenehm. „Fühl dich rein“, befiehlt eine Sorte, „Fühl dich schlank“, die Konkurrenz aus demselben Haus. Bei „Fühl dich schön“ ahne ich, auch ein Tee kann lügen, und bei „Fühl dich befreit“, weiß ich es ganz genau.
„Das zuständige Regal entführt in den (Kräuter-)Garten der Verheißungen.“
Ob sich wohl schon jemand bei den Anbietern beschwert hat, weil es auch nach der fünften Tasse Tee nicht mit dem „Loslassen“, dem „Durchschlafen“ und dem „Sorgenblocker“ geklappt hat oder die „Zeit für klare Gedanken“ einfach nicht kommen will? Ich bin ziemlich sicher, eine Gegenreaktion im Namenskosmos steht unmittelbar bevor. Die rebellischen Kräuterteemischungen von morgen heißen dann womöglich „Zusammengefegt“, „Bleib liegen“, „Verwirrung“ oder, preissensibel, „Muss weg“. Den Kassenschlager aber dürfte die eine, minimalistisch gestaltete Version abgeben, auf der einfach nur ein Wort steht und sonst gar nichts: „Tee“.
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