Interview

Was nützt uns Scham, Dr. Stephan Marks?

Wir gewinnen, wenn wir uns dem schmerzhaften Gefühl der Scham stellen. – Ein Gespräch über Menschenwürde mit dem Sozialwissenschaftler Dr. Stephan Marks.

Dr. Marks, Sie sind Experte für Menschenwürde. Warum ist Scham so wichtig? 
Scham ist DAS soziale Gefühl. Es sorgt für gelingende Beziehungen, indem es die Feinjustierung des menschlichen Zusammenlebens regelt. Scham ist sehr peinigend und eng mit Körperreaktionen verbunden, z.B. Erröten. Wer sich schämt, möchte im Erdboden versinken. Gleichzeitig gehört Scham zum Mensch-Sein und initiiert wichtige Entwicklungsimpulse. Gesunde Scham ist wie ein Seismograf, der sensibel reagiert, wenn menschliche Grundbedürfnisse nach Anerkennung, Schutz, Zugehörigkeit oder Integrität verletzt werden. Mit anderen Worten, wenn die Würde eines Menschen verletzt wird.  

Was passiert eigentlich bei Flugscham oder Meatshaming, der Scham Fleisch zu essen?
Jede Art von Gewissensscham ist eine starke Kraft für Veränderung, eine echte Chance, wenn wir sie ernst nehmen. Es ist ein großer Antrieb, sinnvoll zu leben und zu einer gelingenden Zukunft beizutragen. Wird diese Chance weggehauen, indem Menschen lächerlich gemacht werden, die auf Fleisch oder Flüge verzichten, was bleibt uns dann als Veränderungspotenzial?  

Was läuft da falsch? Das Wort Gutmensch kommt mir in den Sinn. 
Die Frage ist, wie man andere Menschen dafür gewinnt, ökologischere Lebensentscheidungen zu treffen. Die Moralkeule hat immer eine beschämende Wirkung. Engagieren wir uns für eine gelingende Zukunft, indem wir uns arrogant und besserwisserisch verhalten oder indem wir auf Anziehungskraft setzen? Was kann man mit erhobenem Zeigefinger erreichen? Die Moralkeule beschämt, tut weh und erzeugt meistens Abwehr.  

„Scham ist die Wächterin der Menschenwürde.“

Dr. Stephan Marks, Sozialwissenschaftler

Weil Scham wehtut, wehren wir sie ab? 
Genau. Eine gängige Möglichkeit die eigenen, schmerzhaften Schamgefühle loszuwerden, besteht darin, andere zu verhöhnen, bloßzustellen und auszugrenzen. In vielen Kulturen werden Schamgefühle so auf eine ausgegrenzte Minderheit projiziert und „entsorgt“. Damit geht einher, dass man selbst „richtig“ ist. Gewalt und Prestige gehen bei Schamabwehr häufig Hand in Hand.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen? 
Zu Beginn des Irak-Kriegs wurden in den USA junge Männer befragt: Was hältst von dem Krieg? Und was für ein Auto würdest du gerne kaufen? Die Versuchspersonen waren in zwei Gruppen geteilt. Eine Gruppe wurde auf dem Weg zur Befragung durch verstecktes Theater beschämt: „Du Schlappschwanz! Bist du überhaupt ein richtiger Mann? Du Niete!“ Bei der Auswertung zeigte sich deutlich, dass die beschämten Männer viel häufiger den Krieg und den Kauf protziger, hochrädriger Pickup-Trucks mit dicken, lauten Auspuffen befürwortet haben. 

Zur Person

Dr. Stephan Marks
Sozialwissenschaftler, Supervisor und Autor
Als Experte für Menschenwürde und Scham leitet Dr. Stephan Marks Fortbildungen für Menschen, die u.a. in Schulen, Kliniken, bei der Polizei oder im Strafvollzug tätig sind. Er ist Autor mehrerer Fachbücher, zuletzt: Die Würde des Menschen ist verletzlich – Was uns fehlt und wie wir es wiederfinden.

Sie meinen, dass unbewusste Scham uns aggressiv macht und in den Konsum treibt?
Schamabwehr hat viele weitere Gesichter: Zynismus, Süchte, Depression ... Tatsächlich gibt es unzählige Produkte, die dafür gemacht sind, damit wir die Scham der Ausgrenzung nicht spüren. Deren einfache Botschaft lautet: Kauf dieses Schlankheitsmittel, jenes Potenzmittel, dieses Prestige-Auto und jenes Selbstoptimierungsprogramm, dann gehörst du wieder dazu, zu den Jungen, Schönen, Fitten, Schlanken, Erfolgreichen und Selbstoptimierten. Ganze Industrien sind mit dieser Schamvermeidung beschäftigt. 

Ist denn Zugehörigkeit so wichtig?
Zugehörigkeit ist ein Grundbedürfnis. Dieses zu verletzen, ist ein uraltes Herrschaftsmittel. Indem man Menschen als „anders“ markiert und ausgrenzt, entrechtet man sie und macht sich damit selbst mächtiger.  

Wohin treibt eine Welt, die in dieser Weise von abgewehrter Scham regiert wird? 
Wenn wir so weitermachen, wird unser Planet ökologisch weitgehend verwüstet, zugemüllt, vollgelärmt und zubetoniert sein. Ganz oben herrscht die Kaste von Millionären und Milliardären, verschanzt in künstlich klimatisierten Oasen des Luxus. Darunter ihre politischen, juristischen, ökonomischen und militärischen Handlanger ... Ganz unten die immer größere Masse der „Restbevölkerung“. 

„Eine gängige Möglichkeit die eigenen, schmerzhaften Schamgefühle loszuwerden, besteht darin, andere zu verhöhnen, bloßzustellen und auszugrenzen.“

Dr. Stephan Marks

Gibt es Hoffnung?   
Überall dort, wo Menschen ihre Schamgefühle nicht länger abwehren – sei es nach außen, durch schamlose Aggression gegen andere, oder gegen sich selbst gerichtet, indem sie die Demütigungen schlucken und verinnerlichen. Überall dort, wo Menschen für ihre Würde eintreten, indem sie sich ihrer Scham bewusst werden und sich der schmerzhaften Begegnung mit ihr stellen. 

Wie geht das? 
Die Auseinandersetzung in unserer Gesellschaft hört oft auf, wo sie anfangen müsste: Dort, wo es wehtut und jemand eine andere Meinung hat. Natürlich ist es einfacher, jemanden im Internet zu beschimpfen oder ein Plakat hochzuhalten, auf dem steht: Ihr seid alle Arschlöcher! – Es ist schmerzhaft, miteinander zu reden, interessiert nachzufragen und zuzuhören. Es ist unbequem. Aber anders geht es nicht.

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