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Leben

Kosmetik ohne Tierversuche

Für meine Creme und mein Shampoo soll kein Tier leiden müssen'
01.03.1997

Für meine Creme und mein Shampoo soll kein Tier leiden müssen", lautet der feste Vorsatz vieler NaturkosmetikkundInnen. Doch die Tücke steckt im Detail. Beim Blick auf die Etiketten und in die Prospekte bleibt oft nur Ratlosigkeit: Welche Produkte sind denn nun tierversuchsfrei?

Die Kaninchen sitzen in Metallhalterungen. Dicht an dicht. Zehn Stück in einer Reihe. Die Näschen bewegen sich unablässig und suchend in der Luft. Die Laborantin träufelt einem nach dem anderen eine Testsubstanz ins Auge. In 24 Stunden wird sie überprüfen und dokumentieren, wie stark das Konzentrat die Bindehaut gereizt oder verätzt hat. Draize- oder Schleimhautverträglichkeitstest heißt dieses Experiment p; und ist Tierschützern ein Dorn im Auge.

Augenwischerei: "Produkt nicht am Tier getestet"

Es gibt zahlreiche Verbraucher, die sichergehen möchten, daß sie mit ihrem Kauf solche Praktiken nicht unterstützen. Die Kosmetikfirmen haben das erkannt und versucht, mit vielversprechenden Etiketten den Kunden zu überzeugen. "Produkt nicht am Tier getestet" liest man da oder "Wir führen für unsere Produkte keine Tierversuche durch". Häufig nicht viel mehr als fadenscheinige Selbstverständlichkeiten, denn zum einen sind Tiertests mit dem Endprodukt in Deutschland nicht vorgeschrieben, und zum anderen führen die wenigsten Firmen die Experimente selbst durch. Der Begriff "tierversuchsfreie Kosmetik" ist bislang nicht fest definiert.

Geschützt und mit strengen Kriterien gekoppelt ist hingegen das Warenzeichen des Internationalen Herstellerverbandes gegen Tierversuche in der Kosmetik (IHTK): Das Signet wird seit zweieinhalb Jahren per Lizenzvertrag an diejenigen Firmen vergeben, die die Bedingungen des Deutschen Tierschutzbundes (DTB) erfüllen.

Eine gute Orientierung für bewußte VerbraucherInnen p; könnte man meinen. Beim Blick in die Naturwarenregale bleibt aber häufig nur Verunsicherung und Unmut: Die wenigsten der dort angepriesenen Tuben und Tiegel tragen das Zeichen mit dem Kaninchen unter der schützenden Hand. Viele bekannte Naturkosmetikhersteller stehen sogar auf der Negativliste, mit der der Tierschutzbund Unternehmen anprangert, die seine Richtlinien für Tierversuchsfreiheit nicht erfüllen. Das ist vor allem seit Ende der 80er Jahre so, als der Verband seine Anforderungen verschärfte und saftige Strafgelder für Vertragsverletzungen einführte. "Die Positivliste hat sich damals deutlich geleert", erzählt Rainer Plum von Tautropfen, selbst einer der wenigen, die die Bedingungen auch jetzt noch erfüllen. Viele Naturkosmetikhersteller habe der DTB damals von der Positivliste gestrichen und auf die Negativliste gesetzt.

Daß diese Negativliste für viel Ärger sorgt, liegt auf der Hand. Schließlich müssen sich beispielsweise lavera und Weleda gefallen lassen, in einem Atemzug mit Lever und Wella genannt zu werden. Die Naturkosmetikfirma I&M wettert, daß die Liste außerdem nicht vollständig sei; den Unternehmen, die die Bedingungen nicht erfüllen und die dennoch nicht auf der Negativliste aufgeführt sind, räume der Tierschutzbund damit einen klaren Wettbewerbsvorteil ein. Auch die Verbraucher sind sauer und fühlen sich alleingelassen. "Ich verstehe nicht, wie Naturkostläden, die ja ach so sehr im Einklang von Mensch, Tier und Natur stehen, überhaupt Produkte von Firmen verkaufen, die auf der Negativliste vom Deutschen Tierschutzbund stehen", schreibt zum Beispiel eine Schrot & Korn-Leserin aus Herne und spricht damit aus, was viele denken.

Nicht immer Hand in Hand: tierversuchsfrei und natürlich

Es ist unbestritten: Das Zweiklassensystem des Tierschutzbundes spiegelt die unterschiedlichen Standards in punkto Tier-, Mensch- und Umweltverträglichkeit nicht wider. Die Schwierigkeiten sind dem Tierschutzbund durchaus bekannt. "Die Negativliste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit", gesteht Dr. Irmela Ruhdel vom DTB, "wir führen momentan im Verband intensive Diskussionen, ob die Negativliste künftig nicht ganz wegfallen soll." Doch damit ist das Problem noch lange nicht aus der Welt. Denn gerade die Käufer von Naturkosmetik erhoffen sich die Garantie, daß für ihr Shampoo kein Tier leiden mußte p; aber die ist schwer zu bekommen.

Das liegt zum Teil an den unzureichenden rechtlichen Bestimmungen. Zur Entwicklung dekorativer Kosmetik wie Wimperntusche oder Lidschatten hat zwar der Gesetzgeber vor elf Jahren Tierversuche grundsätzlich verboten, doch das Gros der Kosmetika p; pflegende Mittel wie Lotionen, Sonnenschutzcremes und Gesichtswässer p; wurde von der damaligen Novelle des Tierschutzgesetzes überhaupt nicht erfaßt. Sie dürfen also weiterhin an Tieren getestet werden. Müssen aber nicht. Denn nur für Inhaltsstoffe, die als neuentwickelte Chemikalie oder Arzneimittel gelten, schreibt das Gesetz Tierversuche zwingend vor. Vor der Markteinführung lassen viele Unternehmer p; wohlgemerkt ohne rechtliche Verpflichtung p; das fertige Produkt dennoch an Tieren überprüfen. Die Angst vor Haftungsansprüchen sitzt allzu tief. Tierexperimente sollen Gewißheit über die Verträglichkeit der Produktneuheit verschaffen. Und das, obwohl die Aussagekraft von manchen Tierversuchen auch in Fachkreisen immer wieder angezweifelt wird.

Freilich darf nicht jeder zu jedem x-beliebigen Zweck Experimente an Tieren durchführen; die Wirbeltier-Tests müssen angezeigt und genehmigt werden. Tierschützer befürchten, daß trotzdem viele Tiere unnötig leiden müssen p; zumal so mancher Versuchsauftrag ins Ausland vergeben wird. Die Europäische Union (EU) hat sich unter dem Druck der Tierschützer und Verbraucherverbände um eine einheitliche und umfassende Regelung bemüht. Laut Ratsbeschluß vom 14. Juni 1993 sollte 1998 ein Verbot greifen, wonach EU-weit weder kosmetische Endprodukte noch ihre Inhaltsstoffe im Tierversuch getestet werden dürfen. Damit wäre für Deutschland das Tierversuchsverbot für dekorative Kosmetika auf die pflegenden Mittel ausgeweitet worden.

Doch derzeit sieht es so aus, als käme zumindest im Hinblick auf die Inhaltsstoffe dieses Verbot im nächsten Jahr noch nicht. Denn um den Verbraucher zu schützen p; wie es heißt p;, ließ die EU-Richtlinie ein Hintertürchen offen: Ehe die Tierversuche abgeschafft werden, müssen Alternativmethoden für die Sicherheitsprüfungen offiziell anerkannt sein. Und um diese Validierung hat ein zeitraubendes Gerangel eingesetzt. Tierschutzverbände bescheinigen einigen der tierversuchsfreien Tests bereits große Zuverlässigkeit; das die EU-Kommission beratende Gremium hält dagegen und fordert weitere Nachweise. Die Lobbyarbeit der Regreßansprüche ê

ê fürchtenden Chemie-Industrie scheint gut zu funktionieren p; genauso wie die Sorge um Nachteile im Wettbewerb mit Nicht-EU-Ländern, für die weniger strenge Vorgaben gelten.

Stolperstein: synthetische Stoffe in Naturkosmetik

Man kann davon ausgehen, daß sämtliche Naturkosmetikfirmen auf Tierversuche mit dem Endprodukt verzichten. Rainer Plum von Tautropfen ist davon überzeugt, daß rein schon aus finanzieller Sicht keiner der Naturkosmetikhersteller p; "nicht mal der größte" p; Tierversuche selbst durchführen oder in Auftrag gibt. Doch viele Firmen haben nach seiner Beobachtung Zulieferverträge mit Unternehmen, die dies tun. Inhaltsstoffe von Naturkosmetika wie Tenside, Emulgatoren und Sonnenschutzfilter stammten häufig von der chemischen Industrie, erklärt Plum weiter, und der könne man nun mal "nicht in die Töpfe gucken". Kein Wunder also, wenn Naturkosmetikfirmen gegenüber dem Tierschutzbund für ihre Vorlieferanten nicht die Hand ins Feuer legen wollen.

Demnach hieße die klarste Lösung: auf synthetische Inhaltsstoffe verzichten beziehungsweise nur solche verwenden, die bereits vor dem Stichtag des Tierschutzbundes, dem 1. Januar 1979, auf den Markt kamen. Doch das würde zum Beispiel für Hersteller von Sonnenschutzcremes und Shampoos spürbare Einschnitte bedeuten (siehe Kasten "Kontrovers" auf Seite 40).

Keine Frage: Alle Beteiligten sind gefordert, um dem Verbraucherwunsch nach Tierversuchsfreiheit und Transparenz gerecht zu werden. Die Bundesverbände Naturkost Naturwaren (BNN) haben für ihre Mitgliedsfirmen noch keine ausdrücklichen Bestimmungen in Bezug auf Tierversuche in der Kosmetik erlassen. "Wir sind unter Zugzwang", sieht Klaus Wagener von den wBNN die Lage durchaus kritisch. Rainer Plum, auch Mitglied in den Bundesverbänden, hört sogar eine "kleine Zeitbombe ticken": In den BNN-Naturkostläden gebe es für Kosmetik noch keine Sortimentsvorgaben wie sie zum Beispiel für Lebensmittel bestehen. Die Kunden gingen aber davon aus, ein kontrolliertes Angebot vorzufinden. Dieses große Vertrauen dürfe keinesfalls enttäuscht werden, warnt er.

Die Tierschützer haben mittlerweile erkannt, daß die Streitereien im eigenen Lager sie nicht ans Ziel bringen werden. Vor allen Dingen haben die Verbraucher, für die der Kriteriendschungel nur schwer zu durchdringen ist, das Nachsehen. Dabei könnte gerade deren bewußte Kaufentscheidung für tierfreundlich hergestellte Kosmetik zu einem gewichtigen Argument für die Tierschützer in Gesprächen mit Firmen werden. Noch in diesem Frühjahr wollen die Verbände einen Schritt nach vorne tun: Sie haben sich zu einer European Coalition to End Animal Experiments zusammengeschlossen, um international an einem Strang zu ziehen und politischen Druck auf die EU und die anderen Staaten der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auszuüben. Die Veterinärmedizinerin Dr. Christiane Cronjaeger vom Bundesverband der Tierversuchsgegner rechnet damit, daß die Koalition im April einen gemeinsamen Kriterien- und Maßnahmenkatalog vorlegen wird. "Die Positivliste des Deutschen Tierschutzbundes verdient höchste Anerkennung und spielt zweifellos eine Vorreiterrolle", betont sie. Übergeordnetes Ziel sei es aber jetzt, weltweit auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, mit dem der momentan stockende Prozeß weiter in Richtung Tierversuchsverbot vorangetrieben werden kann.

Christiane Schmitt

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