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Interview

Konstantin Wecker: „Widerstand braucht Zärtlichkeit“

Konstantin Wecker ist Liedermacher und Rebell. Gegen Ungerechtigkeit muss man sich wehren, sagt er – und erklärt, wie man das am besten tut.

28.03.2020 vonBernward Geier

In Deinem Video zum Lied „Revolution“ forderst Du, Fehlentwicklungen „wegzufegen“. Was muss verschwinden?

In erster Linie der Neoliberalismus mit all seinen Dogmen. Seine Ideologie wurde von durchaus klugen Menschen ersonnen. Ihnen ist es gelungen, der Profitgier die Vorherrschaft einzuräumen und uns in totale Konsumabhängigkeiten zu bringen. Der Jugend hat man eingeredet, dass Aktivismus und Engagement in der Politik nicht sexy wären. Sexy wurde stattdessen, bei H&M oder Primark zu shoppen. Aber das erkennt die junge Generation zunehmend und befreit sich. Revolution setzt radikales Umdenken voraus.

So wie in den 68er-Jahren?

Die Zeit um 1968 war eine Revolution, ich meine sogar, eine der spannendsten Revolten der Menschheitsgeschichte. Zum ersten Mal wurde wirklich fast alles in Frage gestellt, was bis dahin als gottgegeben galt. Wir haben aber leider viele Ideale und Träume nicht umsetzen können. Wir waren zu ideologisiert und unser Dogmatismus hat uns nicht weitergebracht. Allerdings war nicht alles „revoluzzen“ umsonst!

Welche Ideale von damals sind heute noch aktuell?

Ich habe schon vor bald 50 Jahren über gerodete Dschungel und „zerdachte“ Natur gesungen. Für Gleichberechtigung und vor allem die Frauenbewegung haben die Ideale der 68er entscheidende Umwälzung erreicht. Für mich ist die aktuelle Bewegung der jungen Generation vor allem eine Frauenbewegung. Aber es geht nicht „nur“ um die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, sondern um Gleichberechtigung für alle Lebewesen, also auch für Tiere und Pflanzen. Wir sind nicht die Herrscher der Natur.

Doch wir verhalten uns so. Führen wir nicht sogar Krieg gegen die Natur?

Mit Krieg und Gewalt kann man keinen Frieden schaffen. Der Widerstand gegen alle Formen von Krieg muss bedingungslos gewaltfrei sein. Herrschaft bezeichnet treffend, dass Kriege eine Folge des Patriarchats sind. Kriege werden weitestgehend von Männern geführt und auch die Zerstörung der Natur ist sehr maskulin.

Konstantin Wecker

... ist Liedermacher, Poet, Autor, Schauspieler und Aktivist. Er steht seit mehr als 50 Jahren auf der Bühne. Zurzeit ist er mit der Bayerischen Kammerphilharmonie und seinem Album „Weltenbrand“ auf Tournee. Viele seiner alten Lieder sind auch heute noch aktuell – zum Beispiel „Willy“ oder „Empört euch“. Mit seiner Frau hat Wecker 2003 das Online-Magazin für Kultur und Rebellion gegründet, für das er heute noch als Chefredakteur schreibt. Der 72-Jährige lebt in München und in der Toskana.

Wie sollte Widerstand ablaufen?

Widerstand muss von einem liebevollen Miteinander geleitet sein. Ideologische Führer führen in die Sackgasse. Da bleibe ich im besten Sinne „alter Anarchist“. In der heutigen Bewegung sehe ich hoffnungsmachende Ansätze eines herrschaftsfreien Widerstandes.

Am Anfang von Widerstand steht Empörung. Was muss folgen?

Vor allem Lebensmut. Meine Eltern haben mir klargemacht, dass man sich gegen Ungerechtigkeit wehren muss. Widerstand braucht auch Bewusstsein. So muss mir bewusst sein, dass ich nicht besser oder mehr wert bin als Menschen mit anderer Hautfarbe oder anderer Kultur. Ich bin auch nicht besser als der Baum in meinem Garten oder der Regenwurm. Und wir brauchen zärtliche Gefühle füreinander und zu uns selbst, denn das ist ein essenzieller Kraftquell. Ich kann nicht sehen, dass Widerstand ohne Zärtlichkeit möglich ist.

Du unterstützt die „Coordination gegen Bayer-Gefahren“. Wieso?

Konzerne wie Bayer und Monsanto sind ein Paradebeispiel für Herrschaftsmissbrauch. Der Widerstand gegen diese Konzernmacht verlangt im schönen anarchistischen Geiste eine Graswurzelrevolution. Lernen können wir vom Widerstand im Hambacher Forst. Ich bewundere den Mut der Menschen, die sich über Jahre in Baumhäusern verschanzen. Sie lassen sich nicht von Kommerz und Konsum vernebeln.

Du verkaufst Deine Musik über Amazon. Ist das nicht auch ein Herrschaftskonzern?

Das ist richtig und darüber bin ich nicht glücklich. Ich habe mit einem eigenen Online-Verkauf ein kleines Gegenmodell entwickelt. Damit werde ich zwar Amazon nicht in die Knie zwingen, aber die Gewinne, die ich hier mache, werden für das Gemeinwohl eingesetzt.

Was machst Du noch … for future?

Engagement für die Zukunft ist harte Arbeit. Es gilt, die eigene Bequemlichkeit zu überwinden. Im Bereich Ernährung bin ich schon auf einem guten Weg. Für mich gehören Bio-Lebensmittel zu einem gesundheitlich sinnvollen Leben, das von nachhaltigem Verhalten geprägt ist. Unsere Vorgaben fürs Tournee-Catering verlangen zum Beispiel konsequent Bio. Zwei Drittel der Gerichte müssen vegetarisch sein.

Du machst kein Geheimnis aus Deiner ehemaligen Drogensucht. Hat der Weg aus der Sucht Dein Bewusstsein für gesunde Lebensmittel geprägt?

Natürlich sind Drogen total ungesund. Öko-Bewusstsein hatte ich da aber auch schon. Vermutlich hätte ich Kokain aus Bio-Anbau bevorzugt, wenn es das gegeben hätte (lacht) ... Letztendlich ernähre ich mich schon seit meiner Kindheit recht gesund. Kurz nach dem Krieg geboren, bin ich noch mit richtigen Lebensmitteln aufgewachsen.
Chemiefraß gab es noch nicht. Wir lebten bescheiden, aber für Essen und frische Lebensmittel war immer Geld da. Dafür gab es nur einmal in der Woche Fleisch. Eine Honigsemmel war für mich der Inbegriff von süßem Naschen.

Du wirst oft als Gutmensch charakterisiert. Kannst Du auch böse werden?

Ja, zum Beispiel bei Rassismus. Da muss viel Böses zum Guten gelenkt werden. Dazu fällt mir eine Geschichte ein. Vor 20 Jahren habe ich in Ostdeutschland mit einem Musiker aus Kamerun ein Konzert gegeben, bei dem auch Neonazis waren. Nach dem Konzert haben sie mich umringt und provoziert. Da fragte ich den Anführer, ob er meinen afrikanischen Sänger umarmen würde, worauf er sich angeekelt schüttelte. Ein anderer rief: „Du umarmst ja auch nicht.“ Da habe ich den vermutlich 16-jährigen Anführer herzlich in den Arm genommen. Das hat ihn aus der Spur gehauen, denn er wurde, wie er mir später erzählte, noch nie umarmt! Happy End der Geschichte ist, dass er sich aus der Nazi-Szene ausgeklinkt hat und bei mir als Roadie mit auf Tournee ging.

Du bist gerade auf Tournee. Eine Station wird der Kongress „Soziale Zukunft“ in Bochum sein. Wie sieht Deine Vision für eine soziale Zukunft aus?

Da reicht mir ein Satz: Wir müssen für eine soziale Zukunft mit Liebe und Mut eine herrschaftsfreie Gleichberechtigung aller Menschen schaffen. Alles andere wird sich dann fügen.

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