Kolumne

Weiß nicht

Von Feenstaub und Wissenslücken: Fred Grimm über die faszinierende Kraft des „Weiß nicht“.

Falls eines Tages doch noch eine gute Fee in mein Leben tritt und mir drei Wünsche anbietet, würde ich sie wahrscheinlich als Erstes fragen: „Gehen auch mehr?“ Ich bin kein gieriger Mensch, aber dass zum Beispiel jede und jeder wirklich nur ein Leben haben soll, empfand ich stets als einen Konstruktionsfehler. Denn zu gern würde ich die Welt immer wieder mal mit anderen Augen betrachten und in fremde Köpfe schlüpfen. Nicht, dass ich mit meinem unzufrieden bin, aber die mehr oder minder engen Wissensgrenzen, die einem das eine geführte Leben nun mal steckt, bedauere ich. Ich werde jetzt wohl kein Tierarzt mehr werden, keine Handwerkerin, keine Neurowissenschaftlerin und fühle mich schon beim Gedanken dumm, was die mir alles voraushaben.

Feenstaub beiseite, manchmal eröffnen sich neue Perspektiven auch, indem man sich etwas abschaut. Als ich zum ersten Mal an einem eigenen Arbeitsplatz mit entsprechendem Schreibtisch saß, war ich neugierig darauf, wie die meiner Kolleginnen und Kollegen aussahen. Abgesehen vom damals schon ausgeprägten Hang zu Haustierbildern, eine Vorahnung der späteren Katzenvideo-Kultur auf Social Media, imponierte mir besonders das Ordnungssystem eines Kollegen. Er hatte drei Ablagen, in denen er seine Korrespondenz, journalistische Projekte, Ideen, ja irgendwie sein ganzes Leben sortierte. Links stand „Ja“, daneben „Nein“ und ganz außen „Weiß nicht“. Darin lag alles noch nicht zu Ende Gedachte, alles Unverstandene, bei dem sich eine Recherche lohnt, sowie viele Briefe, für deren Beantwortung ihm wohl noch die richtigen Worte fehlten.

Wer den anderen versteht, kann leichter überzeugen

Fred Grimm

Seither fasziniert mich das „Weiß nicht“ als dritte Kategorie des Daseins. Die digitale Welt, die sich immer tiefer in unser Leben frisst, teilt sich in Einsen und Nullen auf, weil Computerprogramme nun mal so konstruiert sind. Den weiten Raum dazwischen lässt sie allmählich vergessen – zugunsten eines banalen „Entweder-Oder“, das die klischeebeladenen Debatten unserer Zeit so vergiftet. Die angebliche grüne Lust an Verboten. Die vermeintliche Faulheit der Bürgergeldempfänger. Das Prinzip: Wer die Welt nicht sieht wie ich, ist gegen mich. Darin steckt eine Unlust und Denkfaulheit, andere Argumente auch nur zu verstehen und dadurch womöglich sogar die eigenen Positionen noch fundierter herleiten zu können. Denn wer den anderen versteht, kann leichter überzeugen.

Im „Weiß nicht“ findet all das statt, was das Lernen überhaupt erst ermöglicht. Es macht demütig, eben doch noch nicht alles verstanden zu haben. Es treibt an, Wissenslücken zu schließen. Und es hilft einem auch, Konflikte und quälende Fragen einfach mal eine Zeitlang im imaginären „Weiß nicht“-Korb abzulegen, weil man mit dem „Ja“ oder „Nein“ lieber noch ein bisschen warten sollte. Ich jedenfalls habe gelernt: Nicht nur für Schreibende, Politikerinnen und Politiker, die Wissenschaft, Liebende und Kunstschaffende ist das gelegentliche „Weiß nicht“ genau jener Bereich, in dem das Menschliche wächst.

Fred Grimm

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über die Wege und Umwege hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leserinnen und Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

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