Die Frage, ob es gerade nichts Wichtigeres zu tun gibt, ist grundsätzlich falsch gestellt, egal an wen. Es gibt immer etwas Wichtigeres. Sich um andere kümmern zum Beispiel, Liebesbriefe schreiben, Bäume anstaunen. Für die Fraktionen im EU-Parlament von rechts über rechts außen bis rechts draußen gab es an diesem Oktobertag in Brüssel allerdings wirklich nichts Wichtigeres, als endlich den übelsten Täuschern am Supermarktregal das Handwerk zu legen. Diese schummeln offenbar seit Jahren nichts ahnenden Verbraucher:innen „Vegane Schnitzel“ oder „Veggie Wurzerl“ in die Einkaufswagen, für die wider Erwarten eben keine Tiere gequält oder Schlachtabfälle entsorgt worden sind. Generationen europäischer Kinder wachsen so in dem Irrglauben auf, sie würden beim Wurstessen fröhlich in gut gewürzte Leichenreste beißen, statt in irgendetwas ähnlich Schmeckendes aus Erbsen- oder Sojaprotein.
Der mit 355 zu 244 Stimmen angenommene Antrag der EU-Rechten verbietet bei der Namensgebung veganer oder vegetarischer Produkte Formulierungen, die etwa an Schnitzel, Wurst oder Frikadellen erinnern könnten. Zimt- und Lakritzschnecken, Katzenzungen oder Schweineohren, die ebenfalls die Verwendung animalischer Zutaten suggerieren, sind von der Klarstellungspflicht vorerst noch ausgenommen.
Was von der fleischeslustigen Aufwallung der EU-Abgeordneten übrig bleiben wird, wenn die Verordnung in einem langwierigen Verfahren vom Europäischen Rat bestätigt werden muss, ist offen. Aber in gewisser Hinsicht symbolisiert das drohende „Veggiewurstverbot“ die übellaunigen Tendenzen des Jahres 2025 auch hierzulande perfekt. Selbsternannte Freiheitskämpfer und Anti-Regulierer ringen vor allem um ihre Freiheit, anderen vorzuschreiben, wie die zu leben, zu denken und zu lieben haben: Mit Blutwurst auf dem Teller, Gas in der Heizung, einem zwei Tonnen schweren Benziner vor der Tür, Eheschließungen ausschließlich zwischen Männern und Frauen sowie einer kerndeutschen Abkunft seit dem Jahr 1647. Wirtschaftlicher Fortschritt misst sich an der Zahl der rauchenden Schornsteine, Grünflächen sind zum Bebauen, Schweine zum Schlachten da.
»Der eigentlichen Mehrheit verschlägt es viel zu oft die Sprache.«
Sie sind seit Jahren die Lautesten, auch weil es der eigentlichen Mehrheit viel zu oft die Sprache verschlägt. Zum Beispiel haben laut Umfragen achtzig Prozent der Menschen in Europa mit fleischähnlichen Namen für vegane oder vegetarische Produkte keinerlei Probleme. Im Gegenteil, sie helfen ihnen bei der geschmacklichen Zuordnung. Tendenziell sinkt der Fleischkonsum deutlich und die Abneigung gegen die Missstände in der Tierhaltung steigt an. Gegen diesen humanitär motivierten Zeitgeist tagtäglich anzuwüten, verrät die beleidigte Leberwurst, die wirklich nichts anderes zu tun hat, als jeden menschlichen und klimafreundlichen Fortschritt abzuwürgen, wo immer es nur geht.
Kommentare
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sehr gut & bildlich geschrieben, ich glaube es ist das letzte Aufzucken alter maroder Systeme, die im Prinzip schon richtig knirschen ...
Es ist immer wieder erstaunlich, wieviel Unsinn und Bevormundung täglich aus der EU uns begegnet.
Das die Verbraucher selbst-denkende und selbst-lesende Menschen sind, will man dort nicht wahrhaben. "Betreutes Denken" scheint das Hauptmotto der EU-Parlamentarier zu sein. In welchem Umfang hier noch die Fleisch-Lobby mitwirkt, ist wohl nur zu erahnen. Die EU macht sich mir solchen Aktivitäten nur noch weiter überflüssig.