Kolumne

Und es war Sommer

Frühlingserwachen oder Klimaalarm? Die Temperaturrekorde im April führten zu hitzigen Diskussionen. Fred Grimm konnte beide Seiten verstehen – zumindest anfangs.

Anfang April hatte er sich schon einmal gezeigt, bei der Gelegenheit ein paar Temperaturrekorde pulverisiert und dann wieder Platz gemacht für die Art Wetter, die wir in dieser Jahreszeit gewohnt sind. Das hochsommerliche Gastspiel kurz nach den Ostertagen, als es im Süden Deutschlands mit 30 Grad teilweise unglaubliche drei Grad wärmer war als bei den vorherigen Bestmarken, sorgte damals im ZDF-Morgenmagazin für erstaunliche Verstimmung. Das Moderationsteam, bestehend aus zwei vorfreudig strahlenden Sonnenseligen und einem irritierten Wettermann, den die außergewöhnliche Hitze eher an die Dramatik des Klimawandels denken ließ, zickte sich regelrecht an. Sinngemäß wurde dem besorgten Sonnenansager vorgeworfen, er gönne einem ja gar nichts mehr, nicht mal ein bisschen unverhoffte Wärme.

Zumindest im Fernsehstudio sackte die Temperatur in diesem Moment wieder auf das jahreszeitlich Übliche. Und ich konnte beide Stimmungslagen nachvollziehen. Tatsächlich gibt es in jedem Jahr diesen einen Tag, an dem die Welt eine andere geworden zu sein scheint. Mal ist es der ungewöhnlich sanfte Morgenwind, der einem den Duft frisch geschlüpfter Blätter oder den der ersten Frühjahrsblumen in die Nase trägt. Mal der Abend, an dem es immer später, aber immer noch nicht so kühl wird, dass man eine Jacke anziehen oder gar nach Hause gehen will. Bei diesen ersten frühen Zuckungen des Sommers wirkt es, als würde eine unsichtbare Hand allen Menschen einmal kurz über den Kopf streicheln: Alles wird gut, es geht weiter, jetzt kommt die Zeit ohne Sorgen. Und dann gibt es, auch inzwischen beinahe jedes Jahr, jenen Tag, an dem plötzlich das Herz rast, die Kehle zutrocknet und jeder Schattenplatz zur Rettungsinsel wird. An dem man merkt, das ist kein normaler Sommer mehr.

Wenn schon Sommer zur Unzeit, dann richtig

Fred Grimm

Beim weiteren Ansehen dieses leicht aus dem Ruder laufenden Morgenmagazins ging mir dann doch das wütende Dauergrinsen des blonden Moderators allmählich auf die Nerven, dieses „Ätschi-Bätsch“, mit dem so gern noch jede berechtigte Umweltsorge vom Tisch gefegt wird. Ich tue ihm sicher Unrecht, also: hoffentlich, aber dieses Grinsen habe ich schon gesehen, wenn Bäume für Parkplätze gefällt oder Veganerinnen und Nichttrinker beim Familienessen veralbert werden. Nun habt euch doch nicht so.

Benjamin Stöwe hingegen, so heißt der Mann vor der ZDF-Wetterkarte, schien von Ansage zu Ansage mehr zu resignieren. Wahrscheinlich dachte er daran, dass im März der weltweite Wärmerekord für den Monat zum zehnten Mal (!) hintereinander gebrochen worden war, dass die Ozeane nicht mehr nur 0,1 oder 0,2, sondern teils zwei Grad über dem lagen, was die Welt an Meereswärme eigentlich vertragen kann. Einen Morgen später tauchte Stöwe demonstrativ im schreibunten Blumenhemd im Studio auf. Wenn schon Sommer zur Unzeit, dann richtig.

Fred Grimm

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über die Wege und Umwege hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leserinnen und Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

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