Kolumne

Was Schule machen könnte

Fred Grimm liebt es, im Café zu sitzen und Menschen zu beobachten. Eine entspannte Morgenroutine? Nicht ganz...

An schönen Tagen, die sich im April ja häufen, sitze ich gern morgens vor einem Café in der Nähe unserer Wohnung und freue mich an dem Schauspiel. Im U-Bahneingang verschwinden die Berufstätigen mehr oder minder frohgemut, an mir vorbei paradieren Kinder und Eltern auf dem Weg zur Grundschule um die Ecke. Schon bei den Erstklässlerinnen und -klässlern zeigen sich die verschiedenen Morgentypen: Während die einen gerade so eben in die richtige Richtung taumeln, rennen und springen die anderen, als wären sie die ganze Nacht über an ein Ladegerät angeschlossen worden. Lustigerweise scheinen ausgerechnet die Bewegungsfreudigen eher morgenmüde Mütter und Väter hinter sich her zu ziehen. Dagegen haben es die Verschlafenen unter den Kleinen offenbar oft mit besonders frühdynamischen Erziehungsberechtigten zu tun, die diese vor sich hertreiben. Generell gilt: Erstaunlich viele Eltern tragen den Ranzen ihrer Kinder.

Es mag Neid sein, weil meine – selbst gepackte – Schultasche früher zuverlässig zu schwer oder zu leer gewesen ist, falls ich überhaupt daran gedacht hatte, sie mitzunehmen. Aber das Bild der von elterlicher Mühsal geplagten Mütter und Väter, die ihren Kleinen auch noch das letzte an Beschwernissen abnehmen, weckt ungute Gefühle in mir. Zum einen, weil ich fürchte, dass es diesen morgendlichen Eindrücken zum Trotz in Deutschland zu viele vernachlässigte Kinder gibt, bei denen niemand schaut, ob sie überhaupt in die Schule gehen. Zum andern, weil die Kinder, umsorgt oder nicht, in der Regel nach vier Jahren auch schon in die weiterführenden Schulformen wegsortiert werden, statt länger mit- und voneinander zu lernen.

Wer früh selber putzt, lernt Verantwortung fürs eigene Tun

Fred Grimm

Wenn ich mir eine Maßnahme wünschen dürfte, die dieser Unwucht begegnen könnte – abgesehen von zehn gemeinsamen Schuljahren für alle natürlich –, wäre dies die allmähliche Übernahme einer Gewohnheit aus dem ansonsten auch nicht ganz unproblematischen japanischen Bildungssystem. Dort machen die Kinder nach der Schule jeden Tag fünfzehn Minuten lang ihre Klassenräume inklusive Flur und Toiletten sauber. Was nach Bestrafung klingen mag, meint eher das Gegenteil. Die Kleinen lernen früh Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen und sie tun es gemeinsam. Niemand versaut ein Klo mehr als einmal, wenn er es danach selber schrubben muss. Und wie von Zauberhand landet der Müll schon während des Tages dort, wo er hingehört. Ich weiß um den beklagenswerten Zustand vieler deutscher Schulgebäude, den auch noch so fleißige Siebenjährige nicht wegputzen können, aber sollten wir nicht mittelfristig Orte des Lernens schaffen, an denen es vielleicht sogar Spaß macht, für ein bisschen Ordnung zu sorgen? Dass Jungen und Mädchen regelmäßig zusammen dafür etwas tun, könnte unter ihnen schon mal ein wenig von dem Gemeinschaftssinn und dem Verantwortungsbewusstsein schaffen, die heute vielen Erwachsenen fehlen.

Fred Grimm

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über die Wege und Umwege hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leserinnen und Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

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Kommentare

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Ulrike Folivi

Das wäre eine prima Ergänzung für alle Schularten! Vielleicht würde etwas für das Erwachsenenleben hängen bleiben?

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Roswitha Weiß

Das System in Japan finde ich ganz toll, nach Schulschluss die Kinder putzen lassen, das würde vielen unserer Kindern helfen, nicht so viel weg zu werfen, was in den Mülleimer gehört und Toiletten sauber, auch an öffentlichen Plätzen, zu verlassen, toller Artikel, danke.

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