Kolumne

Ein Streichtag im Bett

Stellt euch vor, ihr hättet pro Jahr zehn Tage, an denen ihr einfach im Bett bleiben könntet. Was würdet ihr tun?

Ich weiß nicht, ob ihr einen Lieblingsmonat habt, für jeden gibt es ja gute Gründe, aber bei mir landet der Januar eher nicht auf den vorderen Plätzen. Klar, die Winterluft ist bestens geeignet, bei langen Spaziergängen das feiertagsverklebte Hirn mal wieder freizulegen. Und wer Skifahren oder Rodeln mag, liebt diesen Monat mit der höchsten Wahrscheinlichkeit für Schnee, der auch mal liegenbleibt. Aber ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, dass es so früh dunkel wird und ich kaum noch weiß, wie die Bäume in meiner Straße eigentlich mit Blättern aussehen. Kurzum: Wann, wenn nicht jetzt, bietet sich ein Schlunztag im Bett an, der erste von zehn Streichtagen, die sich jede und jeder im Jahr gönnen sollte.


Ein „Streichtag“ unterläuft souverän sämtliche Ansprüche an Sinnhaftigkeit und Produktivität. Besonders gut wird er, wenn die eigene Passivität durch die maximale Aktivität und Kreativität anderer ausgefüllt wird. Viele schwören ja auf die Vierschanzentournee zum Start ins Jahr, sehr wahrscheinlich die Sportübertragung im Fernsehen mit dem höchsten Anteil von Menschen, die im Liegen zusehen. Ich persönlich schätze es auch, mich an so einem Streichtag in den Untiefen der sozialen Medien zu verlieren. Über Facebook, Instagram, TikTok und Co. lässt sich völlig zu recht sehr viel Negatives anmerken. Das Suchtpotenzial ist gewaltig, die ökonomische Macht beängstigend und die politischen Folgen ihres Siegeszugs sind mindestens problematisch. Und doch erzählen sie noch eine andere Geschichte, die gerade zu Beginn eines herausfordernden Jahres Mut machen kann.

Interview

Portrait Christine Urspruch

ChrisTine Urspruch: „Ich bin keine Cinderella“

Die Schauspielerin erzählt vom Bibbern auf dem roten Teppich und ihrem Engagement für den Klimaschutz.

Nach Stunden hirnerweichenden Scrollens durch diese Welt habe ich die gesamte Palette der Emotionen durchlaufen: Angerührt von der Offenheit und Präzision, mit der eine junge Schwerbehinderte im Rollstuhl Videos aus ihrem Alltag postet (vom Staubsaugen über Momente der Mutlosigkeit bis zu ihrer Leidenschaft fürs Bowlen), amüsiert von begnadeten Amateur-Comedians oder beeindruckt von Menschen, die von der Erbschaftssteuer über die Ökologie der Pilze bis zu den wahren Kosten der Atomkraftwerke alles so leichtfüßig und klug erklären, wie ich mir das auch mal in der Tagesschau wünschen würde. Ohne das Bett zu verlassen, reise ich um die Welt, bewundere wuchernde Gärten und ihre naturverliebten Fans und entdecke an mir eine seltsame Faszination für Videos, in denen Hosen und Hemden kofferperfekt gefaltet werden.

„Morgen gehe ich dann wieder vor die Tür, versprochen.“

Fred Grimm, Kolumnist

Natürlich ist das alles auch höchst fragwürdig und ich möchte nicht wissen, welche sonderbaren Spammails mir nach so einem „Streichtag“ wohl zufliegen werden. Gleichzeitig habe ich einen winzigen Einblick in die wundersamen Fähigkeiten so vieler Menschen gewonnen, der mir zumindest die theoretische Hoffnung lässt, dass unsere Welt doch noch nicht ganz verloren ist. Morgen gehe ich dann wieder vor die Tür, versprochen. 

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