Kolumne

Kolumne: Das offene Fenster

Stellt euch vor, ihr hättet eine alte Stadtvilla. Was würdet ihr tun?

Wenn ich in Hamburg mit der Buslinie 5 fahre, steige ich manchmal an der Haltestelle Grindelhof aus und schaue mir dort ein angeschlagenes Jugendstilhaus an. Erbaut im Jahr 1905, haben dort Generationen von Menschen gelebt, gelacht, geliebt, gelitten, bis das Bezirksamt vor sieben Jahren die Räumung verfügte, weil ihr Zuhause aus „Brandschutzgründen“ angeblich unbewohnbar geworden sei. Seither rottet das dreistöckige Gebäude in Zeitlupe vor sich hin, von Hamburgs Senat und Bezirksregierung sowie den Investoren zum Tode durch Abriss verurteilt. 

2013 hatte ein berüchtigter Immobilienspekulant die Eigentümermacht im Haus übernommen und sofort angefangen, die Mieterinnen und Mieter herauszudrängen. Ein leeres Haus lässt sich teurer weiterverkaufen. Der Strom wurde immer wieder abgestellt, Türschlösser verklebt. 

Irgendwann wurde mal vom Bezirksamt eine kleine Strafzahlung für das Gebaren des Hausbesitzers verfügt, aber nicht eingetrieben. So richtig aufgeschreckt war die Staatsmacht erst, als Anfang der 2020er-Jahre junge Menschen versuchten, in das leerstehende Haus zu ziehen und es in Eigenregie zu sanieren. Es dauerte nicht mal einen Tag und die Polizei war da.

»Der immobile Zerstörungswahn gibt die graue Energie, die in Gebäuden steckt, komplett verloren. Klimaschutzfeindlicher geht es nicht.«

Fred Grimm, Kolumnist

In dieser sehr langen Geschichte um das Haus mit weiteren Besitzerwechseln sahen sich die zuständigen Behörden stets außerstande, den jeweiligen Spekulanten zuzumuten, das Gebäude zu erhalten und neu zu vermieten, aber jederzeit bereit, deren Eigentumsrechte zu verteidigen. Zu einem Abriss schien es nie eine ernsthaft erwogene Alternative zu geben. Dieser immobile Zerstörungswahn, der nicht nur in Hamburg wütet, fügt den Stadtbildern die wahren Schäden zu und gibt die graue Energie, die in Gebäuden steckt, also alles, was jahrzehntelang in Material, Logistik, Bau und Betrieb geflossen ist, komplett verloren. Klimaschutzfeindlicher geht es nicht.

Das Haus in der Grindelallee weigert sich trotz allem, einfach so zusammenzufallen. Der von vielen Menschen geleistete, deutschlandweite Widerstand gegen den Unwillen, Gebäude auch mal zu sanieren oder gar mit Fantasie und Intelligenz aus dem Alten etwas Neues zu schaffen, darf ebenfalls nicht nachlassen. Im Idealfall lässt sich aus Negativbeispielen wie in Hamburg endlich der überfällige Sinneswandel bei der Städteplanung erreichen.

In dem schönen, traurigen Haus gegenüber der Haltestelle werden seit einigen Jahren jedes Jahr im Herbst wie von Geisterhand einige Fenster geöffnet, damit der Regen das üble Werk vollenden kann. Wer Polizei oder Bezirksamt auf diesen offenkundigen Zerstörungsakt hinweist, erntet bestenfalls Achselzucken. Vielleicht wird dort irgendwann einmal ein Mahnmal stehen, das an die absurde Zeit erinnert, in der das Recht von Immobilienspekulanten über allem stand. Ein riesiges geöffnetes Fenster, von Schnee und Schimmel bedeckt, wäre das perfekte Symbol dafür.

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