Aus der cosmia

Das letzte Mal

Der erste Kuss oder das letzte Schlaflied für die Kinder: Warum letzte Male oft schwerer fassbar sind als erste, erzählt unsere Kolumnistin Jutta Koch.

Liebe Leserinnen, liebe Leser, was war euer schönstes erstes Mal? Den Moment, in dem wir etwas zum allerersten Mal tun, erleben wir oft ganz bewusst. Der erste Kuss. Das erste Mal Haarefärben, um festzustellen, dass der Farbton auf dem Kopf so gar keine Ähnlichkeit hat mit der Abbildung auf der Verpackung. Die erste Reise mit Freunden und ohne Eltern. Der erste Tag am neuen Arbeitsplatz … Ich fühle es noch, das viele Herzklopfen. 

Während des Lockdowns in der Corona-Pandemie hatte ich mir mangels Möglichkeiten sogar vorgenommen, jeden Tag etwas zum ersten Mal zu tun. Ich habe versucht, Hefe zum Backen selbst herzustellen. Ich bin mit meinen Kindern im Nieselregen zum Ausgangspunkt einer Wandertour losgefahren und habe dann – wegen einsetzenden Schneefalls mitten im Mai – im Kofferraum Kniffel gespielt. 

Die leere Schatzkammer

Ziemlich mickrig bestückt ist dagegen meine Schatzkammer der großen letzten Male. Die lassen sich rückblickend oft nicht mehr so einfach datieren, verankern, greifen. Wann war das letzte Mal, als ich die unvergleichlich leckere Suppe meiner längst verstorbenen Oma gegessen habe? Das letzte Mal, als ich meinen Zwillingskindern – inzwischen Teenager – abends ein Schlaflied gesungen habe? Das letzte Telefonat mit der alten Freundin, bevor sie aus meinem Leben verschwand? Das alles waren rückblickend wichtige Momente. Leider bleiben sie aber viel zu vage, um später in der Lebensgeschichte groß rauszukommen. Erste Male werden gefeiert, viel besungen und gehen in Familienchroniken ein. Letzte Male haben einen schweren Stand und taugen viel zu selten für eine gute Pointe. 

Kerze, Piccolo und ein Hurra

Apropos. Heute schreibe ich euch an dieser Stelle zum letzten Mal und mit angemessenem Herzklopfen. Immerhin findet dieses letzte Mal aber nicht im funzeligen Licht eines dunklen Moments statt, sondern im hellen Licht der cosmia. Machen wir’s uns also so schön wie möglich, ihr und ich. Kerze an, Piccolo auf den Tisch: Ihr wart die beste Leserschaft und ich habe die schönsten Peinlichkeiten des Lebens mit Vergnügen mit euch geteilt. Ich sage: Hurra, danke – und bis zum nächsten Mal!

Es gibt nämlich (vorerst) letzte Male, die keine allerletzten sind. Diese tröstliche Erkenntnis verdanke ich meiner Tochter, die neulich sagte: „Beim letzten Mal, als wir hier waren, fing’s an zu schneien.“ Dieses Mal aber schien die Sonne.

Auch interessant:

Veröffentlicht am

Kommentare

Registrieren oder einloggen, um zu kommentieren.

Das könnte interessant sein

Unsere Empfehlung

Ähnliche Beiträge

vgwort pixel bild