Kolumne

Wenn die Krokusse blühen

Der Frühlingsanfang bringt nicht nur Blüten, sondern auch das Dilemma der deutschen Radwege ans Licht. Es ist Zeit für dringende Maßnahmen, findet unser Kolumnist Fred Grimm.

Endlich März. Für viele Fahrräder in deutschen Kellern ist das der Monat, in dem sie von ihrem unaufgepumpten, staubigen Winterdasein erlöst werden und endlich wieder nach draußen dürfen. Viele Unerschrockene dürften auch in der kalten Jahreszeit tapfer weitergeradelt sein, schließlich gibt es kein schlechtes Wetter, sondern nur unpraktische Kleidung und sauschlechte Radwege. Aber im März, mit den ersten wärmeren Sonnenstrahlen, wagen sich dann doch nochmal mehr Menschen aufs Rad.

Die erste Fahrt im neuen Jahr entfaltet einen Zauber, ganz so wie der Anblick der blühenden Krokusse, die sich gerade aus dem Boden wagen. Doch die gute Laune verfliegt, wenn man feststellen muss, dass unser Land auf dem Weg zum Fahrradparadies einen Platten bekommen hat – um im Bild zu bleiben. Im Bundeshaushalt wurden die Mittel für den Ausbau der Radinfrastruktur drastisch zusammengestrichen. Ein Programm, das mit mehr Fahrradstellplätzen an Bahnhöfen Pendler zum Umstieg vom Auto bewegen sollte, wird gleich ganz gekippt. Weitere Wucherungen im Autobahnnetz hingegen nicht.

Unser Land hat auf dem Weg zum Fahrradparadies einen Platten bekommen.

Fred Grimm

Während also für den völlig überflüssigen Bau etwa der A 26 bei Hamburg mindestens zwei Milliarden Euro ausgegeben werden sollen – für gerade mal zehn Autobahnkilometer –, empfinden deutsche Verkehrspolitiker jeden zusätzlichen Meter Radweg oder auch nur dessen Absicherung gegen den überbordenden Straßenverkehr noch immer als Zumutung. Stellvertretend für dieses Denken steht eine Anweisung der Berliner Verkehrssenatorin Manja Schreiner aus dem Vorjahr, längst verabschiedete Radwegeprojekte nochmals „ergebnisoffen zu prüfen“. Auszusetzen seien alle Bauvorhaben, die „mindestens einen Autostellplatz oder Autofahrstreifen gefährden“.

In den meisten deutschen Städten ist das Fahrradfahren eine Katastrophe. Dass viele der Radwege bei Schneefall demonstrativ nicht geräumt werden, statt wie in Kopenhagen oder Amsterdam zuerst, unterstreicht die fatale Prioritätensetzung. 2200 Radfahrerinnen und Radfahrer wurden zwischen 2018 und 2022 in Deutschland bei Verkehrsunfällen getötet oder, wie es in beinahe allen Polizeiberichten heißt, „übersehen“. Landet mal einer der „Unachtsamen“ vor Gericht, kommt er – es sind beinahe ausschließlich Männer, deren Autos oder LKWs Fahrräder überrollen – fast immer mit einer Bewährungsstrafe davon. Wenn überhaupt.

Berlins CDU-Senatorin Schreiner hat ihren Feldzug gegen das Radfahren mit einem wunderbar missverständlichen Satz begründet: „Die Berliner Straßen gehören Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern gleichermaßen.“ Ich würde sie und all die anderen Autoideologen gern beim Wort nehmen und ab März die deutschen Straßen wirklich mal gemeinschaftlich nutzen. Also Fußgänger, Radfahrerinnen und dann noch ein bisschen Platz für die Autos lassen, die wirklich fahren müssen. Der Frühling kann kommen.

Fred Grimm

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über die Wege und Umwege hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leserinnen und Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

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Kommentare

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Manfred Rosar

Lieber Herr Grimm, diesen Sarkasmus ("Unachtsamen") empfinde ich ausnahmsweise als wenig angebracht bzw. eigentlich schon enttäuschend fahrlässig. "...fast immer mit einer Bewährungsstrafe davon - wenn überhaupt". Ich hoffe nicht, dass Sie sich wünschen, das Kraftfahrer die - ob während einer erforderlichen (die Lebensmittel müssen ja in die Läden, die Leute zur Arbeit, die Kinder zur Schule etc. etc.) oder nicht unbedingt erforderlichen Fahrt - eine Person auf dem Fahrrad übersehen (ich gehe hier mal grundsätzlich von unbedingter Fahrlässigkeit aus) für ihr "Vergehen" zu einer Haftstrafe verurteilt werden sollten. Somit müssten diese Menschen, die ggf. ein Leben lang unter dem verursachten Schaden zu leiden haben (ja, ich gehe davon aus, dass die meisten von uns noch ein Gewissen haben was sie enorm plagt wenn sie jemand versehentlich verletzt oder gar getötet haben) auch noch für fehlende oder mangelhaft geplante Fahrradfahrstrecken, büßen. Die Anführungszeichen bei Unachtsamen hätten Sie sich schenken sollen...nicht zuletzt, weil es in keinster Weise zu einer Verbesserung der Situation beiträgt und ich denke auch dieses Ziel sollte eine solche Kolumne immer auch zumindest ein wenig verfolgen.

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