Kolumne

Kolumne: Frühlingserwachen

Fred Grimm erlebt staunend das Erwachen der Natur, das seine Sinne schärft - nicht bloß für Frühblüher und Vogelstimmen.

Als Naturbeobachter bin ich eine Katastrophe, allein schon wegen meiner schlechten Augen. Auch deshalb bewundere ich Menschen, die sämtliche Blumen, jeden Pilz, jede Baumart, jedes Insekt oder gar Vogelstimmen mühelos erkennen. Diese wandelnden Biologielexika schüchtern mich ein, weil ich mir kaum einen dieser Namen merken kann. Aber das heißt nicht, dass mir das Staunen abhanden gekommen ist. Die ersten Blumen, die sich ab Februar aus den graubraunen Böden kämpfen, werden von mir Jahr für Jahr liebevoll abfotografiert, einfach um diese magische Verwandlung irgendwie festzuhalten. Das Leben, es ist zurückgekehrt.

Der Frühling schärft die Sinne, einfach weil es so viel zu sehen, zu riechen, zu hören gibt. Die allgemeine Verzauberung wirkt ansteckend. Viele Menschen scheinen in dieser Jahreszeit ihr Lächeln zurückzugewinnen. Wer mit offenen Augen durch die Straßen geht, erlebt in vielen kleinen Szenen die guten Seiten unseres Miteinanders. Vor ein paar Wochen habe ich mir einmal vorgenommen, einen Tag lang auf genau solche Momente zu achten. 

Es war leichter als ich dachte. Im Bus standen neben mir zwei Grundschüler mit riesigen Ranzen und besprachen eine anstehende Geburtstagsfeier. „Du bist mein erstbester Freund, mein zweitbester Freund und mein drittbester Freund“, sagte der eine. „Du bekommst keine Einladung, sondern eine Dreiladung.“ Der andere Junge grinste gerührt. Kaum ausgestiegen, kam ich an zwei älteren Frauen vorbei, die auf einer Parkbank saßen. Mit längeren Zweigen malten sie zu ihren Füßen Vogelfiguren in den Sand. Da mit der Zeit einige echte Vögel auf dem Boden landeten und interessiert stehenblieben, wirkte es wie eine Freiluft-Vernissage. Nur für geladene, flugfähige Gäste, versteht sich. 

„Ich sah einen Obdachlosen vor einem Supermarkt, der auf einen Kinderwagen mit einem schlafenden Baby aufpasste, während die dazugehörige Mutter kurz einkaufen ging.“

Fred Grimm, Kolumnist

Im Verlauf der nächsten Stunden sah ich einen Obdachlosen vor einem Supermarkt, der auf einen Kinderwagen mit einem schlafenden Baby aufpasste, während die dazugehörige Mutter kurz einkaufen ging. Als sie zurückkam, unterhielten sie sich noch über das vergangene Bundesligawochenende. Ich erlebte Bäckereiverkäuferinnen, die Stammkundinnen und -kunden mit Namen begrüßten sowie einen jungen Mann, der einer ratlosen Familie, die kaum Deutsch sprach, auf seinem Smartphone den Weg zeigte und auf einen Zettel für sie die wichtigsten Straßennamen notierte. 

Meine Privatsammlung von Frühlingsmomenten wuchs beinahe minütlich. Begegnungen, die mir sonst vielleicht nie aufgefallen wären, weil das Dauergewitter schlechter Nachrichten auch mir den Blick dafür verregnet, wie viele Menschen sehr freundlich miteinander umgehen wollen. Natürlich habe ich auch das glatte Gegenteil davon erlebt, aber das hält mich nicht ab, wieder auf Momente der Menschlichkeit zu achten, ganz so, als wären es die ersten Blüten des Jahres.

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