Es ist schon einige Jahre her, da war eine Freundin von mir ziemlich sicher, mich in der Tagesschau gesehen zu haben. In einem Bericht über die BioFach, wo ein Kamerateam den damaligen Landwirtschaftsminister beim Messerundgang begleitete, hätte ich ganz dicht hinter dem Politiker gestanden, behauptete sie. Wie sich später herausstellte, hatte sie mich mit einem ebenfalls haarlosen, durchtrainierten Bodyguard verwechselt. Ich nahm das als Kompliment. Vor allem aber freute mich, dass die bedeutendste deutsche Nachrichtensendung über die aufstrebende Bio-Bewegung und ihre Messe berichtete. Gesünder essen und leben, Ressourcen schonend, im Einklang mit der Natur, dem Tierwohl und dem Klimaschutz, das lag damals ganz groß im Trend.
Die vergangene BioFach war der Tagesschau nicht mal mehr eine Meldung wert. Genau wie die davor und die davor ebenfalls. Der „Trend“ ist Teil unseres Alltags geworden. „Bio“ als Oberbegriff für einen ökologisch bewussten Lebensstil hat sich in einer Art Zehn-Prozent-plus-X-Nische einigermaßen behaglich eingerichtet. Jahr für Jahr kommen im Handel ein paar Millionen Euro Umsatz dazu. Leider vor allem bei den Discountern und nicht bei den Herzensläden. In den Wertvorstellungen der meisten Jüngeren nimmt „Bio“ einen Spitzenplatz ein. Selbst bild.de veröffentlicht neuerdings kleinlaut Artikel, in denen angesichts der gesundheitsgefährdenden Pestizidbelastung konventionell erzeugter Lebensmittel Obst und Gemüse aus ökologischer Landwirtschaft empfohlen wird („besser in Bio-Qualität kaufen“). Mir ist das alles ein bisschen zu selbstverständlich und zu lieb geworden.
»Wir erleben gerade reale Verteilungskämpfe um die Zukunft unserer Welt.«
Tatsächlich erleben wir gerade reale Verteilungskämpfe um die Zukunft unserer Ernährung und damit auch um die Zukunft unserer Welt. Es geht um knappe Flächen, um Natur- und Tierschutz sowie um kaum noch hinterfragte Privilegien für Erzeuger, die sehr viel Steuergeld dafür bekommen, das Grundwasser zu vergiften, Böden zu ruinieren und Tiere zu quälen. Längst übertrifft die Nachfrage nach Rohstoffen in Bio-Qualität das Angebot in Deutschland. Gemüse, Eier, Milch oder Getreide müssen im Ausland beschafft werden, weil Öko-Betriebe hierzulande deutlich schlechter gestellt sind als die agrarindustrielle Konkurrenz. Es ist eine politische Entscheidung, eben nicht massiv den Umstieg auf eine Landwirtschaft zu fördern, die auch die natürlichen Lebensgrundlagen im Blick hat und unabhängig von fossiler Energie, chemischen Düngern und Pflanzengiften werden will. Wie widersinnig diese Politik der Abhängigkeiten ist, haben wir in den vergangenen Wochen rund um den Irankrieg erlebt.
Es gibt kaum ein Thema, bei dem eine echte Zeitenwende dringlicher wäre. Bio für alle und für alles, müsste gerade jetzt die selbstbewusste Forderung sein. Die schafft es dann hoffentlich auch wieder mal in die Tagesschau.
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