Kolumne

Kolumne: Die Bodybuilder und die Glühbirne

Fred Grimm über die Verzweiflung und Ratlosigkeit von Millionen von Deutschen anlässlich der Abkehr von der Energiewende.

Vor ein paar Wochen, als die deutsche Klimaschutzbewegung auf mehreren Kundgebungen zeigte, dass es sie noch gibt, hatte Professor Harald Lesch am Münchener Siegestor einen denkwürdigen Auftritt. Sie kennen den silberbärtigen Mann bestimmt aus dem Fernsehen, ein ebenso kluger wie neugieriger, durch diverse Wissenschaftspreise geadelter Erklärbär für die kleinen, großen und die ganz großen Fragen. In München sprach Lesch „zum ersten Mal“ auf einer großen Demo und war sichtlich aufgeregt: „Ich hoffe, ich mache das richtig.“

Seine knapp vier Minuten kurze Rede brachte die Mischung aus Verzweiflung und Ratlosigkeit, die gerade Millionen Deutsche umtreibt, auf den Punkt. Diese „Kacke“, also die Abkehr von der Energiewende, das „kann doch einfach nicht wahr sein“, rief der frisch ernannte Ehrenbürger der Stadt ins Publikum. In Windeseile arbeitete sich der Astrophysiker und Naturphilosoph durch die Geschichte der fossilen Energieerzeugung und geißelte den „Blödsinn“ aus Politik und Wirtschaft, daran nicht nur festzuhalten, sondern klimafreundliche Alternativen auch noch zu torpedieren.

»Die Aversion gegen Fakten verbrennt buchstäblich Milliarden.«

Fred Grimm, Kolumnist

Es war beinahe anrührend zu sehen, wie schwer das postfaktische Zeitalter auf einem Menschen lastet, der unverdrossen an die Macht der Fakten glaubt. Für den zwei plus zwei nach wie vor vier ist und der „Sodbrennen“ kriegt, sobald er Worte wie „hocheffizienter Verbrenner“ hört. Für E-Fuels zum Beispiel, diese angeblichen Wunderkraftstoffe, misst selbst der ADAC in seinen Studien einen Wirkungsgrad von maximal 15 Prozent. Das ist ungefähr so, als würden Sie sich sieben Bodybuilder nach Hause bestellen, um eine Glühbirne herausdrehen zu lassen. 

Die Aversion gegen Fakten, die derzeit das energiepolitische Handeln zu bestimmen scheint, verbrennt buchstäblich Milliarden. Ausgerechnet jene, die sonst so gern von „Leistung“ sprechen, verlangen von den fossilen Unternehmen so gut wie nichts. Sie werfen Deutschland in die technologische Steinzeit zurück, ein Schlag ins Gesicht all jener, die sich täglich den Herausforderungen stellen. Die Energiesparsysteme entwickeln, reichweitenstarke, kleinere E-Autos, oder längst bewiesen haben, wie Rohstoffe durch geschlossene Materialkreisläufe eingespart werden können. Wie fühlen die sich eigentlich, wenn ihr Land, das sie so gern zum grünen Weltmarktführer modernisieren würden, stattdessen Verschwendung und Umweltzerstörung subventioniert?  

Inzwischen melden sie sich endlich wieder zu Wort, Unternehmerinnen und Unternehmer, Forschende, Tüftlerinnen. Ihr Lebenswerk für eine klimaneutrale und ressourcenschonende Zukunft steht auf dem Spiel. Ebenso ihr fester Glaube, dass wichtig bleibt, was Fakten sind und was nicht. „So eine Demo wie heute“, beendete Professor Lesch seine flammende Rede, „das müssten wir eigentlich viel öfter machen." 

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