Kolumne

Kolumne: Viele Namen hat das Glück

Fred Grimm über die Namen des Glücks, über Sehnsucht und Liebe, das selige Nichtstun und die Erfüllung im Handeln.

Neben der Liebe ist Glück wahrscheinlich das Wort mit dem höchsten Sehnsuchtsfaktor im Leben. Beiden gemein scheint der schmale Grat zwischen Erfüllung und Melancholie zu sein. Jedenfalls so lange, bis man gelernt hat, dass die Perfektion auch im Unperfekten liegen kann.

Das Glück und die Liebe haben einen nie ganz, von winzigen Momenten der Seligkeit mal abgesehen. Kann man frei und glücklich sein, wo es so viel Unglück auf der Welt gibt? Trägt die Liebe durch eine Zeit, in der von Hass zerfressene Gestalten zu Billionären werden? Und führt die Menschheit nicht einen unerklärten Krieg gegen das Glück, in dem wir zulassen, wie die Natur zerstört wird und Millionen Kinder ohne Hoffnung leben müssen?

Das ganz, ganz große Menschheitsglück scheint ein ferner Traum zu sein, das kleine Glück dagegen nur einen Einkauf oder ein Buch entfernt. Der Begriff Hygge, der vor Jahren aus unserem Nachbarland Dänemark in deutsche Wohn-, Ess- und Schlafzimmer geweht wurde, hat gleich eine ganze Lebensform etabliert. Überall Kerzen, frische, natürliche Düfte, klobige Becher mit dampfendem Tee, möglichst einen Kamin und eine dicke Decke über dem noch dickeren Pullover, egal, ob Sommer ist. Die Alltagsfluchten, die Hygge nahelegt, sind eine etwas ästhetischere, deutlich minimalistischere Variante der deutschen Gemütlichkeit. 

„Trägt die Liebe durch eine Zeit, in der von Hass zerfressene Gestalten zu Billionären werden?“

Fred Grimm, Kolumnist

Aber haben Sie auch schon mal von Niksen gehört? Wieder vom Wind herbeigepustet, diesmal aus dem Westen, den Niederlanden. Erstaunlicherweise haben sich mehrere Autorinnen und Autoren die Mühe gemacht, diese Form des Lebensglücks ausführlich zu beschreiben, obwohl sie eigentlich eher im entschlossenen Nichtstun liegt. Auf dem Sofa liegen – kein Fernseher, kein Smartphone, nichts. Höchstens mal der Saftmixer des Nachbarn oder ein paar ferne Vogelgesänge. Man könnte auch „einfach so“ herumlaufen, aber bitte ohne Ziel und Zweck. Das Glück kommt mit der Achtsamkeit, heißt es.

So tiefenentspannt gibt sich das japanische Glücksversprechen nicht. Ikigai umfasst eben gerade nicht das Liegenbleiben, sondern das Aufstehen und zwar möglichst früh. Dafür aber mit Sinn. Der Berliner Tagesspiegel zitierte mal für Ikigai die Übersetzung „Grund morgens aufzustehen“, was sich ein bisschen wie eine Ausrede liest, die überarbeiteten Japanerinnen und Japaner möglichst früh aus der Gemütlichkeit ihrer meist viel zu kleinen Zimmer zu treiben. Ikigai ist tatsächlich weniger passiv gedacht, es findet das Glück in den kleinen Dingen. Im Anfangen, im Loslassenkönnen, in der Harmonie mit der Natur, aber auch und gerade mit den eigenen Fehlern. „Glück setzt Aktivität voraus“, hat der große Autor Golo Mann einmal geschrieben, einer, der im unablässigen Handeln seine Erfüllung fand. 

Ob frühes Aufstehen, Nichtstun in den Schwaden der Duftkerzen oder Freude am Tun – ich wünsche Ihnen einen glücklichen August.

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