Meine Kindheit liegt schon eine Weile zurück und ich erinnere mich eher an Gefühle und leicht verwischte Bilder als an Konkretes. Wenn es heutzutage draußen heiß wird und die Menschen sich schon vormittags in die Schatten drücken, meldet sich manchmal mein Unterbewusstsein und lässt mich die vertrödelten Sommertage aus ferner Vergangenheit spüren. Einfach so herumsitzen, irgendwas scheinbar Sinnloses machen, aber dafür langsam. Ein bisschen dösig, doch gleichzeitig mit einer sonnenscharfen Aufmerksamkeit, als würden unsichtbare Scheinwerfer einem diese herrlichen Stunden ins Gedächtnis brennen. Gedehnte Zeit.
Neulich in Berlin erwischte mich dieses Gefühl von früher mit voller Wucht. Als leidenschaftlicher Galerien- und Museumsgänger wollte ich mir die Installation von Lina Lapelytė im schönen Hamburger Bahnhof nicht entgehen lassen. Ein Großkunstwerk zum Mitmachen: 400 000 Holzwürfel, elf mal elf mal elf Zentimeter, Fichte und Kiefer, über die ganze Halle verteilt und von den Besuchenden zu provisorischen Skulpturen geformt. Man konnte einfach so durchlaufen – Museumsangestellte halten kleine Wege frei, damit niemand stolpert. Aber man konnte auch den inneren Baumeister oder die innere Baumeisterin in sich entdecken. Ich setzte mich an den Rand und schaute einfach nur zu. Eine ältere Dame errichtete voller Sorgfalt einen sehr ordentlichen Turm, bis sie für die obersten Reihen auf Zehenspitzen stehen musste. Eine Gruppe von vielleicht Zwölf-, Dreizehnjährigen baute eine rundschwingende Mauer mit kleinen Öffnungen. Sie hatten sich gerade erst kennengelernt. Väter und Töchter hockten versonnen zwischen den Bauklötzen, Asiatinnen leerten ihre Smartphoneakkus mit unzähligen Selfie-Videos, ein junges Paar fotografierte sich begeistert gegenseitig.
„Das zweckfreie Tun ist aus unserem Leben beinahe verschwunden.“
Es lag eine große Ruhe über der Szenerie, ganz so wie früher an meinen verträumten Sommertagen. Die leise Musik im Hintergrund komplettierte das Werk, passend „Wir machen Jahre aus Stunden“ betitelt. Es schien, als kämen die Menschen hier inmitten der kleinen Holzwürfel, in der zufälligen, durch das Spiel vereinten Gemeinschaft, ein wenig zu sich selbst.
Das zweckfreie Tun ist aus unserem durchoptimierten Leben beinahe verschwunden. Selbst wenn wir uns bewusst die Zeit dafür nehmen, ist es Teil eines inneren Effizienzregimes, das jede Minute auf einen höheren Sinn prüft, auf Produktion, irgendetwas von Wert eben. Umso wunderbarer, so viele Menschen zu beobachten, wie sie in der Zeit versinken und ihr inneres Kind die Oberhand gewinnt.
Ab und an läuft dann auch ein Besucher an den Türmen und kleinen Bauwerken vorbei und wirft sie um. Einmal mächtig sein, zerstören dürfen, auch das gehört dazu. Einen habe ich gesehen, der machte fünf, sechs kleine Kunstwerke kaputt. Einige Minuten später saß er in einer Ecke und fing selber an zu bauen. Dabei lächelte er.
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